„Ja, ich lebe in diesem einen Leben mehrere andere!"

Linke-Star Gregor Gysi wird 70: Seine Autobiographie gewährt intime Einblicke in seine Seele. Von Ulrich Schacht
Gregor Gysi
Foto: dpa | Filmreifes Leben: Gregor Gysi beherrscht viele Rollen.
Gregor Gysi
Foto: dpa | Filmreifes Leben: Gregor Gysi beherrscht viele Rollen.

Wo Gregor Gysi draufsteht, ist was drin? Wer sich die Mühe macht, zwischen sechzehn Wikipedia-Seiten über ihn und den knapp sechshundert seiner eben erschienenen Autobiografie (Ein Leben ist zu wenig, Mitarbeit Hans-Dieter Schütt, Aufbau, Berlin 2018, 591 S.) zu surfen, könnte zu dem Ergebnis kommt: Alles und nichts! Aber das wäre vorschnell. Denn tatsächlich ist Gregor Gysi, der am 16. Januar 1948 in Berlin geboren wurde und nun, nach einer ebenso abenteuerlichen Politikerkarriere von links in der untergehenden DDR und im wiedervereinigten Deutschland, nach mehreren Ehen und Herzinfarkten in sein achtes Lebensjahrzehnt eintritt, auf den schnellen Blick Vieles. Auf den zweiten, genaueren jedoch, der in die Tiefe seines Charakters vorstößt, ist er vor allem ein genialer Machiavellist, der sich in den Maskeraden eines charmanten Opportunisten höchst erfolgreich durch sein bisheriges Leben manövriert hat. Kein dokumentarisch noch so begründeter Verdacht (wenn es um Kontakte zum Ministerium für Staatssicherheit der DDR zu Ungunsten seiner ehemaligen politischen Mandanten geht) oder peinliches Versagen (Flugmeilenskandal in seiner Amtszeit als Berliner Wirtschafts-, Arbeits- und Frauensenator) konnte ihm wirklich schaden, geschweige denn stürzen oder seine Dauerpräsenz in Talkshows beenden. Ein mit allen trüben politischen Abwaschwassern gewaschener Advokat, der, als privilegierter Sohn eines hohen SED-Funktionärs im Kultur- und Diplomatiebereich, sein juristisches Handwerk in einer Diktatur erlernt hat, der zweiten der deutschen Geschichte, DDR genannt.

Machiavellismus ist keine Konfession, sondern Talent

Eine Art Stolpe der SED, wie der eine Art Gysi der evangelischen Kirche war: Schillernde Figuren auf dem schmalen Untugend-Pfad zwischen Verrat und Selbstverrat, Lebenslust und Statusgier. Nützliche Gestalten im Rahmen politischer Machtkonstellationen, deren objektives Glück vor allem darin bestand, dass ihre kulturell und politisch hochkonditionierten Proteus-Naturen gebraucht wurden: in der Diktatur ebenso wie in der Demokratie.

Die Niederschlagung eines vom Hamburger Generalstaatsanwalt Lutz von Selle angewiesenen Verfahrens gegen Gysi wegen eidesstattlicher Falschaussage wurde vom Hamburger Justizsenator Till Stelle durchgesetzt, was die „Süddeutsche Zeitung“ davon sprechen ließ, es handele sich bei dem Vorgang um einen einmaligen Eklat in der Justizgeschichte. Machiavellismus, bedeutet das nur, ist keine Konfession, sondern Talent; sein Praxisraum für den, der es hat, eine Chance, kein Verhängnis. Der Charme dieses ehemaligen SED-Mitgliedes zur besonderen Verwendung unter konträren historischen Umständen liegt allerdings in seinen umwerfenden rhetorischen Fähigkeiten, hinter denen ein brillanter Intellekt steht. Dem Bundestag trieb er als Parteichef und Fraktionsvorsitzender der PDS/Die Linke damit regelmäßig die adaptierte einschläfernde Blockparteienrhetorik der, parlamentarisch gesehen, auf monströse Weise vollkommen lächerlichen Volkskammer aus. Der lebenslange ethisch ebenso problematische wie statuspolitisch produktive Opportunismus Gysis ist allerdings zugleich der logische Außen-Effekt dieses genuinen Talents, heißt seine private Utopie doch zuerst und zuletzt Selbstverwirklichung – in schönem Widerspruch zum Begriff der „Utopie“ aber nicht irgendwo und irgendwann, also nirgendwo, sondern unter den jeweiligen politischen Umständen, die als herrschende sich gerade anbieten: Hic et nunc und Carpe diem in einem. In seinen Memoiren menschelt es an diesem Punkt verständlicherweise ganz besonders: „Wenigstens habe ich versucht, gegen zu starke Festsetzungen meine große Lust an der Vielfalt zu setzen, beweglich und neugierig zu bleiben ... Ja, ich lebe in diesem einen Leben mehrere andere.“ Kein Wunder, dass ihm besonders Max Frischs Theaterstück „Biographie: Ein Spiel“ so gefällt. Spross einer in Europa unglaublich verzweigten Familie, in der sich russischer Adel und deutsch-jüdischer Unternehmergeist mischen, Bayerisches, Schweizerisches, Ärzte, Handwerker, innovative Hühnerzüchter, Lebenskünstler, zaristische Militärs, Bücherfresser und Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns, ist er ein durch und durch bürgerlicher Hedonist von Linksaußen, was er, kokett wie er auch ist, immer wieder gerne bekennt (bis hin zu seiner Flugscheinpassion), dessen politische Programmatik inzwischen allerdings auf sozialdemokratisches Restlicht eingedimmt ist. Damit ist er zugleich hochkompatibel im bundesrepublikanischen Spät-68er-System, und ein Mann wie er hätte es selbst in der Französischen Revolution geschafft, nicht nur Anhänger Dantons zu sein, sondern im entscheidenden Moment Robespierre zu dienen, um nach dem 9. Thermidor, am Ende der jakobinischen Schreckensherrschaft, weiterhin mitzumischen: im republikanischen Direktorium ebenso wie in der kaiserlichen Militärdespotie!

Die Biografie dieses Mannes und Politikers mit Napoleonkomplex ist, das muss man ohne Neid anerkennen, filmreif! Dazu passt, dass eine angeheiratete Tante von ihm sogar Nobelpreisträgerin wurde, die englische Schriftstellerin Doris Lessing, der er mehrfach begegnete und ihr sogar, wie er stolz vermerkt, die Stockholmer Auszeichnung prophezeite, als sie selbst noch davon überzeugt war, in der Schwedischen Akademie nicht gelitten zu sein. Als sie ihn erhielt, glaubte sie, so Gysi, er hätte Einfluss genommen. Aber das kann er dann doch mit aller Redlichkeit dementieren. Dennoch hat solche Nähe offensichtlich nicht zu dem radikalen Erkenntniseffekt geführt, den die einstige Kommunistin Lessing in ihren Memoiren („Schritte im Schatten“) schonungslos festhält, wenn sie den Kommunismus als „soziale Massen-Pathologie“ beschreibt, dem sie „ein Teil“ gewesen sei. Und noch schärfer: „Die Wurzel des Kommunismus – eine Liebe zur Revolution – ist, wie ich glaube, Masochismus, Freude am Schmerz, Befriedigung durch Leiden, die Identifikation mit dem erlösenden Blut ... ,Die Partei‘ zu verlassen bedeutete, auf die größere Wahrheit zu verzichten und darauf, einer der Eingeweihten zu sein, die die wahren Lebensprozesse verstehen.“

An anderer Stelle schließlich erkennt sie, dass es genau dieses Gift ist, das heute auch weite Teile des westlichen Bürgertums und seiner Gesellschaft, bis tief ins Unterbewusste hinein, erfasst hat, selbst wenn diese heftig bestreiten würden, vom Marxismus tiefeninspiriert zu sein. Bei Gysi gerät der Antifaschismus immer noch zur Tugend, vor allem in seiner kommunistischen Fasson. An diesen Stellen wird er denn auch nachhaltig demagogisch in seiner vergleichenden Systemapologetik, nach dem Motto: Der „antifaschistische“ Grundkonsens der heutigen Bundesrepublik (der für Wissende den antitotalitären in der Tat abgelöst hat) war im untergegangenen SED-Staat eine Art Gründungsselbstverständlichkeit, was ihn, bei allem Unrecht, das es in ihm gegeben hat, bis heute so sehr qualifiziert, dass man von einem Unrechtsstaat per se nicht sprechen könne, schließlich habe das Unrecht in Gesetzesform existiert. Von Radbruchs „gesetzlichem Unrecht“, das konsequent Unrecht genannt werden müsse, scheint der Jurist Gysi nie etwas gehört zu haben.

Sein Verhältnis zur Religion ist ebenfalls komplex

An solchen Punkten dieser Memoiren schimmert auf, was man, angesichts der Intelligenz ihres Autors, verzweifeltes Festhalten an einer existenziellen Lebenslüge nennen könnte, und dass es solche Unsicherheit bei Gysi, dem sonst so wortstarken Schnelldenker, gibt, verraten seine skizzenhaften Auslassungen zu Religion und Kirche: Nicht nur in einer Episode aus Schülerzeiten, als er, mit einem gebetsfesten Klassenkameraden im Krankenhaus liegend, für ein paar Tage quasi die Pascalsche Wette eingeht und, falls es Gott doch gibt, probeweise mitbetet!

Der kindliche Spekulant von einst schreibt heute natürlich nüchterner über das Phänomen, aber zugleich erstaunlich selbstkritisch, was das finale Vermögen von Politik und damit Politikern betrifft: „Ich weiß natürlich, dass Christentum mehr als ein Moralprogramm ist. Glauben greift weiter als ein Aufruf zu humanitärem Sozialverhalten ... Kirche begreife ich als wichtiges Regulativ für eine Kunst und Konsequenz der humanen Gebote, wie die Politik sie bei den Menschen nie erreichen kann!“ Kein Zweifel: Diese Memoiren eines deutschen Politikers gehören zum Spannendsten, was es an deutscher Erinnerungsliteratur zurzeit und seit langem gibt.

Ihre Spannung erreichen sie aus der temperamentvollen Erzählweise, die Anekdotisches und Analytisches bis in die Lockerheit persönlicher Ansprache an den Leser vermischt, aber im Kontrast dazu mit dem Historisch-Spektakulären genau den Urteils-Raum ausbreiten, in dem ihr Autor zwischen politischer Mit-Schuld und moralischem Sühne-Begehren um Freispruch durch den Leser ringt.

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