Würzburg

Internationale Zeitschriftenschau am 31. Januar

Der Brief der Madonna
Journal of Jesuit

Der Brief der Madonna

Die Erforschung des legendären „Briefs der Madonna“ an die Bevölkerung der Stadt Messina ist um einen Mosaikstein reicher. Ausgehend von einer im siebzehnten Jahrhundert angefertigten Übersetzung ins Mandarin befassen sich Agostino Giuliano und Maurizio Scarpari in der in den Niederlanden verlegten Quartalszeitschrift der Jesuiten „Journal of Jesuit Studies“ (5/2018) mit der Geschichte des Manuskripts. Der Überlieferung zufolge sandte die Bevölkerung der Stadt Messina im Jahr 42 nach einem Besuch des Apostels Paulus auf Sizilien eine Delegation zur Mutter Jesu nach Jerusalem. Maria gab den Gesandten einen auf Hebräisch verfassten und persönlich unterzeichneten Brief, den Paulus später ins Griechische übersetzte. Darin sicherte sie der Bevölkerung von Messina zu, sie unter ihren besonderen Schutz zu nehmen. Während das Originalschreiben als verloren gilt, bewahrte das Regionalmuseum in Messina die griechische Übersetzung und die im Spätmittelalter angefertigte lateinische Fassung auf. Auch die griechische Version existiert nicht mehr, doch die Verehrung des Briefs und das liturgische Fest (3. Juni) sind seit der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts bezeugt. Der sizilianische Jesuit und Chinamissionar Metello Saccano (1612–62) verfasste für seinen geistlichen Vater Pater Placido Giunta (1593–1674), Rektor des Jesuitennoviziats in Messina, eine Fassung in Mandarin. Sie ist auf farbigem Stoff gefasst und wird im Regionalmuseum in Messina aufbewahrt. Der nur noch teilweise leserliche Text konnte kürzlich entziffert und historisch zugeordnet werden. Ins Mandarin übersetzt wurde der „Brief der Madonna“ demnach zwischen Juli 1644 und 1646 Februar auf Macao. Der Brief ist nicht nur ein Zeugnis für den missionarischen Eifer, mit dem die Jesuiten im Fernen Osten die Marienverehrung förderten, sondern auch ein Geschenk an einen Ordensbruder. reg

Die Sprache Jesu retten

Yona Sabar, geboren 1938 in Zaxo/Nordirak, ist emeritierter Professor für Sprachen und Literatur des Nahen Ostens der „University of California, Los Angeles“ und einer der wenigen noch lebenden Muttersprachler des Aramäischen, der Sprache Jesu. In der Biblical Archaeology Review (November/Dezember 2018, Bd. 48, Nr. 6, Seiten 24–29; 68–69) beschreibt er seinen eigenen Weg zur Bewahrung dieser über 3 000 Jahre alten Sprache, die vom Aussterben bedroht ist. Fast jedes Jahr vor Weihnachten erhalte er am Telefon oder per E-Mail Anfragen, ob er tatsächlich die Sprache Jesu spreche. Dies könne er bejahen: Er spreche einen neuaramäischen Dialekt. Wenn er dann gefragt werde, ob er imstande wäre, sich mit Jesus, wenn dieser heute leben würde, zu unterhalten, müsse er jedoch differenzieren: „Ich würde ihn wahrscheinlich verstehen, da meine Muttersprache Aramäisch ist und ich die Sprache, wie sie zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten gesprochen wurde, über ein halbes Jahrhundert hinweg studiert habe. Aber er würde mich wahrscheinlich nicht verstehen: Mein Aramäisch unterscheidet sich von seinem ebenso wie das heutige Englisch vom Mittelenglisch des zwölften bis sechzehnten Jahrhunderts und erst recht vom Altenglisch des sechsten bis zwölften Jahrhunderts.“

Ob Jesus Aramäisch oder Hebräisch gesprochen hat, werde unter Wissenschaftlern debattiert, so Sabah. Er selbst tendiere zu der Auffassung, dass er beide Sprachen gesprochen habe. Das Aramäische habe sich unter den frühen Christen im Osten weiterentwickelt und bis nach Südindien ausgebreitet, wo es noch heute in der Liturgie verwendet würde, während im Westen das Griechische vorherrschte. Etwa zur selben Zeit entwickelte sich im Judentum eine umfassende Literatur in aramäischer Sprache.

Noch bis vor wenigen Jahrzehnten waren die Grenzgebiete des Iraks zur Türkei und zu Syrien gleichsam „Museen uralter Kulturen und Sprachen“, so Sabar. Die Christen und Juden in dieser Region sprachen neben Kurdisch, Arabisch und Armenisch auch aramäische Dialekte. Vor der Islamisierung ab dem siebten Jahrhundert, als die arabische Sprache sich durchsetzte, war Aramäisch die „lingua franca“ in dieser Region. Danach überlebte es bis in unsere Zeit hinein in abgelegenen Bergregionen des Iraks, der Türkei, des Irans und Syriens. Diese Spätform des Aramäischen wird als Neuaramäisch oder Neusyrisch bezeichnet. Dass diese Sprache heute im Aussterben begriffen ist, so Sabar, liege an der modernen Mobilität sowie an den zahlreichen Konflikten in dieser Region, die zu einer Massenauswanderungswelle der Juden nach Israel führte. Ebenso seien die Christen nach Europa, Amerika und Australien abgewandert. Auch Sabars Familie, kurdische Juden, ging damals nach Israel, wo er als Jugendlicher erlebte, wie die aramäische Muttersprache unter den Auswanderern mehr und mehr verloren ging und durch das Neuhebräische ersetzt wurde.

Zwei Schlüsselerlebnisse brachten ihn schließlich zu dem Entschluss, seine ganze wissenschaftliche Laufbahn der Rettung der aramäischen Sprache zu widmen. Das erste war die Entdeckung einiger Manuskripte aus der Zeit um 1630, die in einem unverständlichen Hebräisch geschrieben zu sein schienen, das sich schließlich als Neuaramäisch entpuppte. Dies war eine Offenbarung, denn bislang war man der Meinung gewesen, dass das Neuaramäische nur oral existiere. Das zweite Schlüsselerlebnis war ein boomendes Interesse am Aramäischen außerhalb der Fachwelt. Im Bereich des jüdischen Neuaramäisch werden heute, so Sabar, vorwiegend liturgische Texte untersucht, daneben aber auch volkstümliche Geschichten und Lieder. Aufgrund der schwindenden Zahl aramäischer Muttersprachler sei es eine Herausforderung, noch Menschen zu finden, die in der Lage sind, orale Traditionen wiederzugeben.

Von christlicher Seite sei das Interesse an der „Sprache Jesu“ besonders groß, so Sabar. Er bekäme Anfragen von Forschern und Priestern mit wissenschaftlichen oder religiösen Anliegen; ebenso aus den Medien. Obgleich er sich über das Interesse am Aramäischen im populären Bereich freue, so sei dennoch die wissenschaftliche Vermittlung seiner aussterbenden Muttersprache für ihn das wichtigste Anliegen.

DT/CK

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