Würzburg

Internationale Zeitschriftenschau am 12. Dezember

Der Wert des Lesens
Aus den Zeitschriften

Der Wert des Lesens

„Ist das Lesen in der Welt der sozialen Netzwerke noch wichtig?“, fragt Jean-Pierre Maugendre in der katholischen Zeitschrift Homme Nouveau. Der Präsident der französischen Laienbewegung „Renaissance Catholique“ meint angesichts des regelmäßig stattfindenden „Fete du livre“, dass es gut wäre, den „Wert des Lesens“ wiederzuentdecken: Lesen sei zwar anstrengend, helfe jedoch, das „Wahre, Gute und Schöne“ zu entdecken: „Lesen ermöglicht, den Dingen auf den Grund zu gehen und nicht Gefangener des Augenblicks und der Emotion zu bleiben. Es eröffnet uns den Zugang des unermesslichen Reichtums der tausendjährigen Erfahrung der Menschheit“. Natürlich erfordere es größere Anstrengungen und Willenskraft als das „Zappen im Internet“, denn „das Wissen ist eine Frucht, deren Wurzel bitter ist“.

Der „dramatische Wandel“ der Ferieninsel Malta

„Wie das konservative Malta in weniger als einem Jahrzehnt zum Hauptreiseziel für LGBTQs wurde“, erläutert Juliet Rix in der britischen Tageszeitung The Telegraph. Noch im Jahr 2010 schrieb die Reisejournalistin in der ersten Ausgabe ihres Malta-Reiseführers: „Malta ist konservativ… Die Einstellungen gegenüber Frauen, Rasse, Homosexualität und Behinderte sind vergleichbar mit denen in Großbritannien vor einigen Jahrzehnten.“ Es war damals das einzige Land in Europa (mit Ausnahme vom Vatikan) und nur eines von zweien auf der Welt, in dem Scheidung verboten war, und Rix „fühlte sich verpflichtet, homosexuelle Paare vorzuwarnen, sich unauffällig zu verhalten“. Nur acht Jahre später habe die Insel „eine dramatische Veränderung“ erfahren: „Scheidung ist jetzt legal, wie auch Lebenspartnerschaften und Homo-Ehe“, und Malta steht zum dritten Mal in Folge an der Spitze des Europäischen Regenbogen-Indexes, der auf „Freundlichkeit gegenüber LGBTQs“ verweist. Tatsächlich präsentiert sich die kleine Insel im Mittelmeer als Mikrokosmos der moralischen Revolution, die zunächst immer damit beginnt, dass Ehe in Bezug auf Scheidung neu definiert wird. Malta, das eine eminent wichtige Rolle während der Zeit der Kreuzzüge spielte und dessen Name aufs engste verknüpft mit dem katholischen Malteser-Orden ist, hat sich stark gewandelt: „Tatsächlich begann dies 2011 mit einem Volksentscheid über die Scheidung.“

Ursprung des Denkens von Macron

Laurent Chalard, Doktor der Geographie am „European Centre for International Affairs“, befasst sich im Figaro vor dem Hintergrund der Proteste der „Gelbwesten“ in Frankreich mit der Psyche von Emmanuel Macron. Um dessen Vision von der Welt und die von ihm verfolgte Politik zu verstehen, müsse man „in das ideologische Klima eintauchen, in dem sein Denken geformt wurde“, und damit in die Zeit der 1990er Jahre. Seit seiner Wahl zum französischen Staatspräsidenten im Mai 2017 hätten unsere Mitbürger, so Chalard, offenbar Schwierigkeiten, die Standpunkte Macrons zu verstehen, die ihnen „befremdlich und oftmals völlig losgelöst von der Realität“ im heutigen Frankreich erscheinen. Sein Denken wurde in den neunziger Jahren geprägt, als er Jugendlicher war und dann studierte. Wie viele gute Schüler seiner Zeit war auch Macron „sehr empfänglich für die damals vom französischen Bildungswesen und den Medien transportierten Ideologien“. Damals wurde die Europäische Union als der „unüberschreitbare Horizont der Zukunft dargestellt, in dem der französische Nationalstaat keinen Platz mehr hätte“. Europa sollte alle Probleme – auch den Nationalismus – lösen, durch die Schaffung einer „globalen europäischen Identität“, und die Wirtschaftskrise sollte durch die Öffnung der Grenzen gelöst werden. Die „Aufnahme von ausländischen Bevölkerungsgruppen ermöglichte, den Bedarf an Arbeitskräften zu befriedigen, was gänzlich der humanistischen Aufgeschlossenheit des Landes der Menschenrechte entsprach, auch wenn die Vororte der großen Städte, in denen sich die ersten Konzentrationen von zugewanderten Bevölkerungsgruppen zu bilden begannen, ihre ersten Unruhen erlitten“. Der Staatspräsident blieb weiterhin überzeugt, dass „in Frankreich die unbedingte Notwendigkeit nach Einwanderung bestand, um seinen Bedarf an Arbeitskräften zu sichern“. Zudem, so Chalard weiter, hätten die Jugendlichen, die in den 1990ern aufwuchsen, ein „hyperindividualistisches Verhalten angenommen, bei dem jedes Individuum – ganz auf sich selbst konzentriert – meint, es sei außergewöhnlich. Daraus folgt ein Mangel an Empathie“. Schließlich zähle Macron zur ersten Altersklasse, „die durch eine beschränkte Allgemeinbildung gekennzeichnet ist. Im Land der Intellektuellen scheint es paradox anzumuten, dass das kulturelle Niveau des Durchschnittsfranzosen gesunken ist, sowohl beim einfachen Volk als auch an der Spitze der Gesellschaftspyramide“. Am Ende des 19. Jahrhunderts oder auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts finanzierte das Bürgertum noch archäologische Ausgrabungen oder leistete seinen Beitrag zur wissenschaftlichen Forschung, doch „heute besitzt es Fitnessstudios. Diese Entwicklung ist das Ergebnis der Abwertung geistiger Tätigkeiten durch die Massenmedien, aber auch durch den Wirtschaftsliberalismus, dessen einziger Wert das Geld ist.“ Zu den dominanten Werten sind „das Vergnügen und der Hedonismus“ geworden, die zur „Verachtung der Ausübung jeglicher ernsthafter Aktivität“ führten: „Sich zu bilden“, wie etwa durch das Lesen eines geistreichen Buches, sei „altmodisch!“. Denn „um Geld zu verdienen, nützt Allgemeinbildung nicht allzu viel…“ All diese Elemente zusammengenommen, „Europäismus, ökonomischer Ultraliberalismus, Einwanderung, leidenschaftlicher Individualismus sowie das Desinteresse an Allgemeinbildung ermöglichen, die Psyche des Staatspräsidenten besser zu verstehen. Seine Hauptschwäche besteht in seiner Unfähigkeit, das, was er gelernt hat, infrage zu stellen, was beweist, dass er intellektuell nicht so glänzend ist, wie bestimmte Höflinge uns das glauben machen wollten. Er fügt sich in die Logik der Wiedergabe von Ideologien ein, die man ihm in seiner Jugend eingeimpft hat, doch er besitzt keinerlei Innovationsfähigkeit.“ Wenn sich Macron schließlich „als Sprachrohr einer ,neuen Welt‘ präsentiert, so ist er in Wirklichkeit doch nur ein pures Produkt der Neunzigerjahre, das nicht das Geringste über die Veränderungen der heutigen Welt verstanden hat“.

„Macronnerien“

Auch das katholische Monatsmagazin La Nef befasst sich im Rahmen der aktuellen Proteste mit Macron. So sei ein Slogan der Gelbwesten „absolut genial“ gewesen: „Brigitte, Brigitte, sag dem kleinen Jungen, er solle mit seinen Macronnerien aufhören“. Macron müsse „einlenken, denn die Macht, die das Volk antreibt, ist die des Herzens und die des Bauches“.

DT/KS

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