Würzburg

Internationale Zeitschriftenschau am 1. Mai

Kardinal Sarah über die Glaubenskrise im Abendland
Internationale zeitschriftenschau

Kardinal Sarah über die Glaubenskrise im Abendland

In Frankreich wird derzeit dem neuen Buch von Kardinal Sarah große Aufmerksamkeit mit Interviews und Rezensionen geschenkt. In einem Gespräch mit dem Magazin L'Homme Nouveau erklärt der Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, weshalb er den Interviewband gemeinsam mit Nicolas Diat verfasst hat: Es gehe ihm darum, „dem Volk Gottes, den Priestern und Bischöfen Mut und Zuversicht zu geben“. Noch sei nicht alles verloren, „auch wenn das Boot vom Sturm heftig erschüttert wird“. Vor allem gelte es, „die Priester zu ermuntern, die heute angesichts der Anschuldigungen, die man permanent gegen sie erhebt, entmutigt seien und die deshalb den Blick auf die Zukunft und ihre Mission verlieren können“. Man wolle den Glauben und die Lehre der Kirche verändern, denn die Kirche sei heute für die Menschen kein Maßstab mehr. Dennoch sollten wir nicht beunruhigt sein, sondern ihr vertrauen: „Sie befindet sich keineswegs in der Krise. Wir, ihre Kinder, sind in der Krise, weil wir unseren Glauben, die Offenbarung, die Lehren der Kirche aufgegeben haben.“ Denn die Kirche bleibe immer dieselbe, wie sie uns Christus in ihrer Heiligkeit überliefert habe. Wir sind nicht nur mit einer Glaubens-, sondern auch mit einer großen anthropologischen Krise konfrontiert: „Der Mensch will sich selbst erschaffen, um das in Frage zu stellen, was er ist: sein Geschlecht, seine Natur.“

Wir lebten so, als ob wir Gott nicht mehr brauchten: „Der Pelagianismus lebt gerade wieder neu auf: mein Glaube genügt mir, meine Kraft genügt mir, mein Wissen genügt mir, meine eigenen Fähigkeiten genügen mir. Offensichtlich tritt diese Krise in der Liturgie, in der Theologie, auf der dogmatischen Ebene, in der Morallehre in Erscheinung.“ Um der Krise zu begegnen, müsse man bei einer „guten Bildung anfangen. Denken Sie daran: Es gibt heute keinen Katechismusunterricht mehr. Die überwiegende Mehrheit der Kinder weiß gar nicht mehr, was es bedeutet, Christ zu sein.“

Der Ursprung dieser Krise liege effektiv im Abendland mit seiner ganzen technischen, wirtschaftlichen und kulturellen Macht, die es möglich macht, dass es „seine Irrtümer in der ganzen Welt verbreiten kann“. Dennoch dürfe die Kirche das Abendland nicht aufgeben. Auf die Frage, ob die Priesterehe nicht die Krise des Priestertums lösen würde, antwortet Sarah: „Absolut nicht! Das wäre ein gravierender Bruch mit der Tradition der Kirche.

Wenn der Priester wirklich ipse Christus ist, muss er sich Christus angleichen, der selbst zölibatär war.“ Es sei nicht möglich, „das Priestertum vom Zölibat zu trennen. Ich weiß, dass man mir erwidern wird, dass es in der Ostkirche verheiratete Priester gibt. Doch weil die Ostkirche Fehler gemacht hat, muss man sie ja nicht nachahmen.“

Was ist mit dem Islam? Der Islam treffe dann „auf keine Hindernisse mehr. Er hat freie Hand, um Europa zu islamisieren. Wenn der Islam einen atheistisch gewordenen Kontinent erobert, der seine Identität verloren hat, wird er ein kulturelles, religiöses, moralisches und absolut entsetzliches Ungleichgewicht schaffen. Das Abendland hat eine Mission. Das Christentum ist durch das Abendland auf andere Kontinente vorgedrungen. Diese Mission ist auch heute noch gültig. Wenn das Christentum in Europa verschwindet, ist die ganze Welt bedroht.“

Politische Korrektheit in Spanien und Frankreich

In Barcelona haben mehrere Schulen 200 Kinderbücher aus ihren Beständen verbannt. Wie Olivier Babeau im Figaro mitteilt, handle es sich um ein Drittel der zuvor in den Schulen benutzten Bücher, die aussortiert wurden, darunter auch Schneewittchen und Rotkäppchen, die für „stereotypisierend und sexistisch“ gehalten werden. Diese Entscheidung sei ein großer Rückschritt, meint Babeau, und zeuge von einer „Unkenntnis der betreffenden Geschichten, denen man ,keinen pädagogischen Wert‘ beimisst“. Doch schon Bruno Bettelheim habe gezeigt, „welch großen Nutzen diese Märchen bei der Ausbildung des jugendlichen Geistes haben“. Die Einrichtung einer „Polizei für die Orthodoxie der Bücher ist ein erheblicher Rückschritt für ein Abendland der Aufklärung, das sich ja gerade auf der Ablehnung einer Gottesherrschaft etabliert hatte, die orthodoxe Inhalte ausgesucht und die anderen verbrannt hat“. Die heutige Bücherpolizei „steht in nichts dem Ministerium zur Förderung der Tugend und zur Bekämpfung des Lasters nach, das in Afghanistan von den Taliban eingesetzt wurde“. Man dürfe niemals den Mann fürchten, der viel gelesen hat, sondern – so zitiert der Autor einen berühmten Satz von Thomas von Aquin – man müsse alles fürchten „von dem Mann eines einzigen Buches“ (Hominem unius libri timeo). Eine Gesellschaft, „die anfängt, ihre Bücher auszusortieren, ist in einer regressiven Phase“. Ebenfalls im Figaro kommentiert der Philosoph Pascal Bruckner den Vorfall, der sich an der „Sciences Po Paris“ abgespielt hat. Der Philosoph Alain Finkielkraut wurde Opfer eines „antirassistischen Pogroms“, wie Bruckner schreibt, als er auf Einladung einer euroskeptischen Studentenorganisation einen Vortrag zum Thema „Modernität, Erbe und Fortschritt“ am Institut d?études politiques de Paris halten sollte. Zunächst wurde er von einer sich als „antifaschistisch“ bezeichnenden Gruppe massiv bedrängt. Schließlich konnte er seinen Vortrag, allerdings nur unter Polizeischutz, halten. Dieser „abscheuliche Vorfall“, so Bruckner, „ist symptomatisch für ein Klima der allgemeinen Intoleranz“. Wir erlebten derzeit eine „völlige Umkehr der Werte“, bei der sich „der neue Faschismus in die Schale des Antifaschismus wirft und die neue braune Pest sich als Feind der braunen Pest tarnt“. Hinter dieser Aggression gegen Finkielkraut stehe die Redefreiheit, die in Gefahr sei. Morgen schon könne „egal, welchem Intellektuellen, im Namen der politischen Korrektheit der Zugang zur Universität verwehrt werden, wie es bereits an zahlreichen amerikanischen Universitäten der Fall ist“. Skandalös sei die Passivität der Verwaltung. Sie müsste „die Unruhestifter ausschließen“.

Ungarns Familienpolitik

„Der Westen kann eine Menge von Ungarns Familienpolitik lernen“, titelt der Catholic Herald. Seit 2010 sind die Eheschließungsziffern in dem osteuropäischen Land um 43 Prozent gestiegen und die Scheidungsraten um 22,5 Prozent gesunken. Außerdem treiben heute 33 Prozent weniger Frauen ab als noch vor acht Jahren. Zu verdanken ist dies einer familienfreundlichen Politik. Soeben hat Ungarn weitere familienfördernde Maßnahmen beschlossen: „Während andere Länder sich darum sorgen, wie die Entwicklung der Immigration ihre Zukunft prägen wird, lösen die Ungarn ihre demographische Krise tatsächlich auf einem anderen Weg.“

DT/KS

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