„In der Kurpfalz forschten Europas beste Wissenschaftler“

Eine Epoche der Innovationen und des Aufschwungs: Der Historiker Stefan Weinfurter über die Mannheimer Ausstellung zu den Wittelsbachern. Von Volker Hasenauer
Foto: KNA | Der Historiker Stefan Weinfurter.
Foto: KNA | Der Historiker Stefan Weinfurter.

Die Wittelsbacher prägten über Jahrhunderte die Geschicke der Kurpfalz, ein für das mittelalterliche Reich zentrales Territorium entlang des Rheins, das heute in drei Bundesländer aufgeteilt ist. Ab 8. September rückt in Mannheim eine historische Doppelausstellung die politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Leistungen der Wittelsbacher ins Rampenlicht. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) beschreibt der an der Konzeption der Schau beteiligte Heidelberger Historiker Stefan Weinfurter die historischen Leistungen und die großen Niederlagen der Herrscherfamilie.

Herr Professor Weinfurter, Wittelsbacherjahr, besondere Besichtigungsprogramme in den Schlössern der Kurpfalz, bald nun die große Landesausstellung in Mannheim – warum tritt die Herrscherfamilie der Wittelsbacher gerade jetzt ins Rampenlicht?

Ein Anlass ist natürlich das 800-Jahr-Jubiläum – im Jahr 1214 haben die Wittelsbacher die Pfalzgrafschaft übernommen und von da an bis 1803 als Pfalzgrafen und Kurfürsten geherrscht. Gleichzeitig wollen wir zeigen, dass ihr historisches Herrschaftsgebiet, das heute politisch ziemlich zerrissen ist zwischen den drei Bundesländern Hessen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, über Jahrhunderte geeint war und eine enorm starke kulturelle Kraft entfaltete.

Welche Spuren haben die Wittelsbacher bis heute in der Region hinterlassen?

An erster Stelle steht für mich die von ihnen gegründete Heidelberger Universität. Denn nur dort, wo wirtschaftliche Leistungsstärke und gute Verkehrsverbindungen zusammenkamen mit wissenschaftlichen Impulsen, nur dort entstand Innovation und nur dort kam es zu wichtigen Entwicklungsschritten. Die Wittelsbacher haben diesen Zusammenhang im Vergleich zu anderen deutschen Fürsten sehr frühzeitig erkannt und die Wissenschaft gezielt gefördert. Heidelberg ist die älteste deutsche Universität – im Reich wurden nur Wien und Prag früher gegründet. So konnte die Heidelberger Universität eine enorme Rolle spielen für ganz Europa. Hier lehrten und forschten die besten Wissenschaftler Europas.

Ging es damals vor allem um Theologie?

Nicht nur. Die Theologie war natürlich die Kerndisziplin dieser Zeit, aber eng verbunden damit ist von Anfang an die Philosophie – das sind die heutigen Geisteswissenschaften – und rasch kommen auch die anderen Fakultäten hinzu: also die Rechtswissenschaften und auch schon die Medizin.

Mit welcher Absicht förderten die politischen Herrscher die Wissenschaften?

Das kann man schon am Beispiel von Kurfürst Ruprecht I. zeigen. Er holte sich aus der Universität Berater an den Hof. Sein Ziel war es, zu einer effizienteren Verwaltung des Herrschaftsbereichs zu kommen. So führte er die systematische Schriftlichkeit im Kanzleiwesen ein. Viele Impulse, die in Heidelberg entwickelt wurden, gingen dann später in die Reichsverwaltung über.

Eine besonders dramatische Epoche begann für die Kurpfalz mit der Reformation, dem Kampf der Konfessionen, schließlich kommt es zum Bruderkrieg mit der bayerischen Linie, der für die pfälzischen Herrscher schlecht ausgeht.

Die Kurpfalz im Mittelalter stellt eine eindrucksvolle Erfolgsgeschichte dar. Dann aber kommt um das Jahr 1500 mit dem Landshuter Erbfolgekrieg der erste große Einschnitt. Die Kurpfalz muss Gebiete abtreten, wird zerteilt, verliert im Reich an Bedeutung. Der zweite Einschnitt folgt 1620 mit der Schlacht am „Weißen Berg“ bei Prag und der Niederlage des „Winterkönigs“ Friedrich V. Das war eine Katastrophe für die Kurpfalz. Das dritte Desaster stellt der „Pfälzische Erbfolgekrieg“ im späteren 17. Jahrhundert dar. Wenn die Kurpfalz sich jeweils durchgesetzt hätte, dann wäre sie eines der mächtigsten Territorien überhaupt geworden.

Es geht der Ausstellung aber nicht nur um Politikgeschichte der großen Herrscher.

Nein, wir spannen den Bogen viel weiter. Zeigen zum Beispiel die Entwicklung von Kunst und Kultur, von Wissenschaften und beleuchten die Alltagsgeschichte. So kam es im 18. Jahrhundert nochmals zu einem großen kulturellen Aufschwung. Und ein spannendes Kapitel beschreibt, wie der Rhein nicht als Grenze, sondern als europäische Hauptschlagader für Handel und Austausch und Entwicklung sorgte.

Welchen der Wittelsbacher würden Sie gerne einmal treffen?

Als Mediävist würde ich mich sehr für Kurfürst Ruprecht I. (1309–1390) interessieren, ein sehr umsichtiger Fürst, der im Grunde die Fundamente der Kurpfalz legte. Er ist eine zentrale, vielschichtige Figur. Er hat Heidelberg ausgebaut und politische und kulturelle Grundlagen geschaffen. In der Ausstellung wird sein Wirken eindrucksvoll nachgezeichnet.

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