In der Erinnerung eine glorreiche Niederlage

Die Schlacht von Waterloo, die viele das Leben und Napoleon die Macht kostete – Johannes Willms gedenkt des 18. Juni vor 200 Jahren. Von Urs Buhlmann
Foto: IN | Der 72-jährige Blücher ist vor der Entscheidungsschlacht vom Pferd gestürzt, doch am Ende wird er zum Sieger über Napoleon.
Foto: IN | Der 72-jährige Blücher ist vor der Entscheidungsschlacht vom Pferd gestürzt, doch am Ende wird er zum Sieger über Napoleon.

Wer in diesen Wochen in britischen Zeitungen blättert, stolpert alle paar Tage darüber: Artikel über die Schlacht von „Waterloo“. Dass das Gefecht, das Napoleons Abtreten von der politischen Bühne besiegelte, diesen und keinen anderen Namen trägt, belegt, dass die Briten unter ihrem Heerführer Wellington den Sieg politisch besser zu nutzen verstanden als die Preußen unter „Marschall Vorwärts“ Blücher, ohne dessen entscheidenden Beitrag die Bataille nicht gewonnen worden wäre. Freilich war am Morgen des 18. Juni 1815 schon klar, dass Napoleon nicht obsiegen würde. Warum das so war, warum Waterloo oder Belle Alliance für Briten wie Deutsche eine ganz unterschiedliche Bedeutung hat und dass Napoleon ohne die verlorene Schlacht nicht zu dem Mythos geworden wäre, der er bis heute ist, all' das liest man in dem gut recherchierten, leider ein wenig fahrig geschriebenen Buch des Historikers Johannes Willms, das zum 200. Jahrestag der großen Schlacht erschienen ist.

Der Sieger diktiert den Namen: Unmittelbar nach der Schlacht ignorierte Wellington als Oberbefehlshaber der britischen-niederländischen Armee den Wunsch Blüchers, die Schlacht nach dem Gasthof „La Belle-Alliance“, der Napoleon während des Ringens als Hauptquartier gedient hatte, zu benennen. Wellington wusste nur zu gut, was er Blücher zu verdanken hatte. Gerade deswegen, so könnte man sagen, bestand er darauf, „der Schlacht des Namen des wallonischen Nests zu geben, in dem sich sein Hauptquartier befand“ (Willms). Die Tatsache, dass auch der unterlegene Napoleon mit einem Namen aufwartete – Mont Saint-Jean – macht vollends deutlich, „dass das blutige Geschehen... in der nationalen Sichtweise von Historikern, die im 19. Jahrhundert zumal als Demiurgen einer nationalen Geschichte Beiträge zur Sinnstiftung ... leisteten, unterschiedlich gewichtet und geschildert wurde“. Was waren die Etappen, die fast 190 000 Soldaten an jenem heißen Sommertag 15 Kilometer südlich von Brüssel geführt hatten? Natürlich beginnt alles auf Elba, jener zur Toskana zählenden Insel, auf die sich der besiegte Kaiser der Franzosen im April 1814 zu zehn Monaten „Zwangsurlaub von der Macht“, wie Willms es nennt, zurückzuziehen hatte. Dass das noch nicht das Ende vom Lied war, konnte man unschwer vorhersehen, „denn die... 222 Quadratkilometer große Insel mit ihren knapp 14 000 Einwohnern vermochte einem Mann wie dem erst 45-jährigen Napoleon nichts zu bieten, das seinen brennenden Ehrgeiz hätte fesseln können“. In der Tat mutet es unklug an, den Ex-Kaiser in Sichtweite der italienischen Küste, gerade einmal fünfzig Kilometer vom heimatlichen Korsika und damit von Frankreich entfernt, ins Exil zu senden. Doch geboten es die höflichen Sitten der damaligen Zeit, den einstigen Herrscher auch in der Niederlage nicht zu entehren und ihm wenigstens dieses kleine Territorium und dessen Verwaltung als Ablenkung im (erhofften) Ruhestand zu überlassen. Stattdessen nahm er mit „grimmiger Genugtuung die sich verschlechternden politischen Zustände“ im wieder von den Bourbonen regierten Frankreich zur Kenntnis wie auch die größer werdenden Risse im alliierten Lager. Und hatte er nicht recht damit? „Schon wenige Wochen nach dem Einzug Louis' XVIII. in Paris am 3. Mai, dem nach übereinstimmenden Zeugnis vieler Beobachter der „peuple“ mehrheitlich weder mit Begeisterung noch Ablehnung, sondern einfach schweigend beiwohnte, war abzusehen, dass dem Regime der bourbonischen Restauration keine Fortune beschieden sein würde“ (Willms). Schlechte Entscheidungen des nach fast zwanzigjährigem Warten müden Louis und die offen zutage tretende Uneinigkeit der Alliierten machten es dem ehemaligen Kaiser leicht, am 26. Februar des Folgejahres 1815 sein Zaunkönigtum zu verlassen, um am 1. März in Antibes französischen Boden zu erreichen.

Was folgte, ist als Vol de l'Aigle, als Flug des Adlers, in die Geschichtsbücher eingegangen, ein schneller, fast problemloser Durchmarsch des Korsen bis Paris, das er am 21. März erreichte. Nicht nur die Fehler der alten Dynastie hatte dies begünstigt, sondern wohl auch die psychologische Disposition Bonapartes, der sich der Autor mehrfach und einsichtsvoll widmet. Da geht es zum einen um die hartnäckige Weigerung, „die eigene Verantwortung für die Niederlage, in deren Folge er nach Elba gekommen war, anzuerkennen. Jedem seiner Besucher versicherte er, allein Verrat habe ihm dieses Schicksal verhängt.“ Vor allem aber war Napoleon eine Spielernatur, jemand, der seine Chancen rasch erkannte und sofort zu nutzen verstand. Das hatte ihm den Aufstieg an die französische Staatsspitze ermöglicht und sollte ihn nun, da er eigentlich erledigt schien, noch einmal antreiben. Zudem rührte sich, innerhalb und außerhalb Frankreichs, keine Hand zur Verteidigung der Bourbonen. Ausgerechnet ein preußischer Altadliger, Friedrich August Ludwig von der Marwitz, vermerkte in seinen Erinnerungen zu den sang- und klanglos verschwundenen Bourbonen: „Sie waren dort (i.e. in Frankreich) wie Fremde, die in einem Wirtshaus leben“.

Es schien also zunächst alles für ein weiteres Fortkommen Napoleons zu sprechen. Willms analysiert genau, warum es doch anders kam. Ein erster Grund – vom Kaiser später selber so benannt in seinem zweiten, endgültigen Exil auf St. Helena – war, dass er einfach einige Monate zu früh von Elba aufgebrochen war: „Ich hätte das Ende des Kongresses (gemeint ist der Wiener Kongress) abwarten müssen. In diesem Fall hätten die Kabinette sich mittels Kurieren austauschen müssen, was immer mit Schwierigkeiten und Zeitverlusten verknüpft ist, die aber nicht eintraten, weil der Kongress noch immer versammelt war.“

So verkürzte sich die Zeitspanne, in der über Wohl und Wehe des Korsen entschieden wurde, auf die berühmten „Hundert Tage“. Zwar trennten scharfe Interessengegensätze die an der Donau versammelten Alliierten – namentlich Großbritannien, Österreich und Frankreich auf der einen Seite und Russland und Preußen auf der anderen – doch führte die Nachricht von der Wiederkehr des „Gottseibeiuns“ sie wieder zusammen. Eben noch hatte man sich in der polnischen und sächsischen Frage tief zerstritten. Es war der wendige französische Bevollmächtige Talleyrand, der zuvor den Mächten eingeredet hatte, es wäre sinnvoll, in Frankreich wieder die Bourbonen zu installieren und mit seiner Geschicklichkeit der besiegten Nation einen gleichberechtigen Platz am Wiener Verhandlungstisch errang, und der nun eine scharfe Deklaration gegen Napoleon vorlegte, die Willms einen „politischen Exorzismus“ nennt. Es war nicht zuletzt persönliche Furcht Talleyrands, der Napoleons Rache zu fürchten hatte, dass darin der Nun-wieder-Kaiser außerhalb jeden Schutzes gestellt, Verhandlungen mit ihm verboten und seine unnachsichtige Verfolgung gefordert wurde.

Auf Seiten den Alliierten ging es nun darum, schnell wieder ein ausreichend großes Heer aufzustellen. Traditionell und nach einigem Lamento auch dieses Mal war das Vereinigte Königreich der Zahlmeister – Österreich und Preußen schwebten in jenen Jahren stets am Rande des Staatsbankrotts. Dies mag auch erklären, dass Wellington zum Oberbefehlshaber auch der niederländischen Truppen ernannt wurde – die Preußen wurden vom „Marschall Vorwärts“ Blücher geführt. Gleichfalls vollzog die andere Seite ihre Vorbereitungen und feierte den Abschluss der Rüstungen mit einer großangelegten Zeremonie der Fahnenausgabe auf dem Pariser Champ de Mars am 1. Juni, die noch einmal alles aufbot, um die mystische Union zwischen dem korsischen Emporkömmling und der Armee zu beschwören, die jenem den Aufstieg und dieser den Nimbus der Unbesiegbarkeit verschafft hatte. Johannes Willms kommentiert: „Ave Caesar, morituri te salutant. Der Untergang, dem diese schimmernde und funkelnde Wehr im Schlamm und Morast der Schlachtfelder von Ligny, Quatre-Bras und Waterloo entgegenzog, lag um weniger als drei Wochen nach dem Tag dieser Heerschau in der Zukunft.“

In der Beschreibung der drei aufeinanderfolgenden Schlachten, deren letzte dann Napoleons Ende markierte, erreicht Willms' Buch, dem nützliche Karten zu den Schauplätzen des blutigen Geschehens beigegeben sind, seinen Höhepunkt. Den Anfang dazu setzen die französischen Truppen, die am 15. Juni die belgisch-niederländische Grenze überschritten und in drei Kolonnen auf Charleroi vorrückten. Noch am gleichen Tag kam es bei Quatre-Bras, einer strategisch wichtigen Kreuzung zweier nach Brüssel und Nivelles führenden Straßen, zu einem ersten großen Zusammenstoß, der aber noch nicht die Entscheidung brachte. Willms nennt es einen für beide Seiten nur halben Erfolg: Dem französischen Marschall „Ney gelang es, die alliierten Truppen zu binden und damit zu vereiteln, dass diese Blücher zu Hilfe kamen, der unweit östlich davon bei Ligny am Nachmittag des 16. Juni sich Napoleon zur Schlacht gestellt hatte. Umgekehrt hinderte Wellington, der sich seit dem frühen Nachmittag in Quatre-Bras aufhielt, Ney daran, mit seinen Truppen nach Osten zu schwenken und Blücher in den Rücken zu fallen.“ Im weiteren Verlauf des Tages – wie die folgenden war er eine für militärische Operationen ungünstige Kombination von Hitze und Wolkenbrüchen – kam es bei Ligny zu einem weiteren Treffen, das der Autor die „siegreiche Niederlage“ Napoleons nennt.

Während Quatre-Bras die Franzosen 4 300 Mann und die britisch-niederländischen Truppen 4 700 Tote und Verletzte kostete, lagen die Zahlen für Ligny beim Zwei- bis Dreifachen. Am Abend des 16. Juni war Ligny, das bis dahin von den Preußen gehalten worden war, erobert. Die Preußen, die zahlenmäßig in der Überzahl waren, mussten weichen, der 72-jährige Blücher, der eine schneidige Attacke gegen die französische Garde geritten hatten, stürzte so unglücklich von seinem getroffenen Pferd, dass er sich nicht selber helfen konnte. Doch war der Erfolg – Ligny gilt als letzter militärischer Sieg Napoleons – nur ein halber, denn die Preußen war keineswegs vernichtend geschlagen. Willms nennt das Geschehen ein lediglich „technisches K.o.“ der Deutschen, deren Kampfkraft und Moral nicht gelitten hatten. Dies und der fatale Fehler Napoleons, den geordneten Rückzug der Preußen, von dem wieder unter seinem Pferd hervorgezogenen Blücher geleitet, nicht zu vereiteln, stellten die Weichen für die dann alles entscheidende Schlacht. Das französische Kalkül, Blücher werde sich in großer Auflösung in Richtung Lüttich zurückziehen, ging nicht auf, während sich in der Nacht auf den 17. Juni die Region durch heftige Gewitter in ein einziges Schlamm- und Morastfeld verwandelte. Dies blieb auch so, als am Morgen des 18. Juni die starken Regenfälle aufhörten.

Es standen nun an diesem Tag Wellingtons 68 000 Soldaten (ohne die Preußen) mit 156 Kanonen 72 000 Franzosen mit 246 Geschützen gegenüber – auf einer Fläche von lediglich sechs Quadratkilometern. Die Schlacht vollzog sich in fünf Akten und ist vielfach beschrieben worden; die wohl berühmteste Schilderung stammt von Stendhal in der „Kartause von Parma“. Sie wurde, das darf ohne Nationalismus behauptet werden, durch das Wiederauftauchen des preußischen Korps von 30 000 Mann unter Blücher entschieden – auch wenn das Diktum Wellingtons „Ich wollte, es wäre Nacht oder die Preußen kämen“ nicht sicher belegt ist. Der Mond am wolkenlosen Himmel warf am Abend des Gemetzels einen fahlen Schein auf die Walstatt, die mit 45 000 toten oder verwundeten Soldaten und mehr als 15 000 toten oder sterbenden Pferden bedeckt war. „Das Fazit, das Napoleon, am 21. Juni wieder in Paris angelangt, ... im Palais de l'Elysée in einer Erklärung an das französische Volk zog, war von schlichter Kürze: ,Ma vie politique est terminée‘.“

Auch Schlachten haben ihr Nachleben, und sei es nur in dem bis heute gebräuchlichen Wort vom Waterloo, das jemand erlebt. Der Verlierer des Tages aber hat bis zu seinem Lebensende die Schuld seinen Generälen zugeschoben. Tatsächlich, so analysiert Willms, war Napoleon in den Gefechten von Ligny und Waterloo „von der konsequenten Verfolgung des strategischen Konzepts abgewichen, dem er seine Erfolge zu verdanken hatte. Dieses Konzept sah vor, die eigene Unterlegenheit durch geschicktes Manövrieren so zu überspielen, dass der Stärkere veranlasst wurde, seine Streitmacht aufzuteilen, die es dann nacheinander auszuschalten galt.“ Das war eben im Falle der Preußen nicht geschehen und rächte sich bitter. Ihrerseits setzten die Preußen nun den von Waterloo fliehenden Franzosen energisch nach, was „deren völlige Auflösung bewirkte“ (Willms). Zum Fortleben der Schlacht gehört auch, dass diese nur bei den Briten und Franzosen bis heute einen Platz in der nationalen Erinnerung einnimmt. Für die preußische oder „kleindeutsche“ Öffentlichkeit, so Willms, war Waterloo kein Ereignis, das im Zusammenhang mit den Befreiungskriegen gesehen wurde – eben wegen des starken britischen Anteils und wegen der Unmöglichkeit, die ursprünglich vorgesehene Annexion französischer Gebiete durchzusetzen – während die sogenannten Völkerschlacht von Leipzig von 1813 in der Rückschau nicht verblasste. Der populärste Schlachtengedenktag, der von 1871 bis 1918 sogar als nationaler Feiertag begangen wurde, war aber die Erinnerung an die Schlacht von Sedan am 2. September 1871, in der Deutschland ganz allein gegen den offiziellen „Erbfeind“ siegte.

Die Briten dagegen können gar nicht genug von Waterloo haben – das auch den bis heute besonders gepflegten belgisch-britischen Beziehungen unterlegt ist – so scheint es jedenfalls. Nirgendwo gibt es mehr Literatur dazu als dort, und auch die Bestrebungen, die Schlacht mit verkleideten Laien-Darstellern nachzuspielen, nehmen ihren Ausgang in England, wo derlei Tradition hat. Am Ort des Geschehens findet sich ein Wellington-Museum und im ehemaligen Hauptquartier ihres Oberbefehlshabers lässt gerade die britische Regierung eine Gedenkstätte einrichten, die rechtzeitig bis zum Erinnerungstag im Juni fertig werden soll – undenkbar, dass die Bundesregierung so etwas tun würde.

Die französische mémoire ist naturgemäß eine andere, trug aber jedenfalls dazu bei, dass das napoleonische Erbe, eingekapselt in dessen trauriges Ende auf St. Helena, sich bis heute Strahlkraft bewahrt hat. Willms zitiert den französischen Schriftsteller Edgar Quinet, für den Napoleon „der alleinige Gewinner seines Desasters war“, indem „er auf St. Helena wieder auferstand und über sich hinauswuchs“. Im Exil war dem Kaiser dies bewusst und er gebar mit den Getreuen die Idee einer glorreichen Niederlage – „défaite glorieuse“, ein Konzept, „das bis heute das Selbstbild Frankreichs und die davon beeinflussten politischen Reflexe konditioniert“. Willms resümiert am Ende seines klug abwägenden Buches: „Ohne Waterloo wäre Napoleon gewiss nicht vergessen, aber sicherlich historisiert und damit sein Erbe auch in Frankreich weitgehend folgenlos entsorgt.“

Johannes Willms: Waterloo – Napoleons letzte Schlacht. C.H. Beck, München 2015, 288 Seiten, ISBN 978-3-406- 67659-8, EUR 21,95

Themen & Autoren

Kirche

Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer
Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann