In den Weiten des Weltalls

Atemberaubende Bilder, vor allem eine emotionale Familiengeschichte: Christopher Nolans Weltraumepos „Interstellar“. Von José García
Foto: Warner | Nach ihrer Reise finden die Astronauten Cooper (Matthew McConaughey, links), Dr. Brand (Anne Hathaway) und Romilly (David Gyasi) auf einem weit entfernten Planeten eins der Mitglieder der zehn Jahre zuvor gestarteten ...
Foto: Warner | Nach ihrer Reise finden die Astronauten Cooper (Matthew McConaughey, links), Dr. Brand (Anne Hathaway) und Romilly (David Gyasi) auf einem weit entfernten Planeten eins der Mitglieder der zehn Jahre zuvor gestarteten ...

Was für ein Zufall! Nachdem lange Jahre kaum etwas in der Raumfahrt geschah, startete Christopher Nolans Weltraum-Spielfilm „Interstellar“ ein paar Tage, nachdem China eine Testsonde abgeschossen hat, die als Vorbereitung für die in drei Jahren geplante unbemannte Mondmission um den Mond fliegen sollte. Kaum war „Interstellar“ auf der großen Leinwand zu sehen, meldete am 12. November die Europäische Weltraumorganisation ESA die Landung der Raumsonde „Philae“ auf dem Kometen Tschuri. Auch das Weltraum-Genre führte in Hollywood lange ein Schattendasein, ehe in den letzten anderthalb Jahren drei Großproduktionen es aus dem Tiefschlaf herausholten: Ridley Scotts „Prometheus“ (2012), „Elysium“ (Neill Blomkamp, 2013) und Alfonso Cuaróns „Gravity“ (2013). In Nolans Film gibt es viele Momente, die an diese, aber auch an viele andere Filme des Weltraumgenres erinnern – allen voran an Stanley Kubricks Meisterwerk „2001 – Odyssee im Weltraum“ (1968).

Mit „Elysium“ hat „Interstellar“ den Ausgangspunkt gemeinsam: Die Erde wird immer unbewohnbarer. Zeigte dafür Regisseur Blomkamp Bilder einer mit Mülldeponien und Bauruinen zugestellten, erschöpften, überbevölkerten Großstadt, so verdeutlicht Christopher Nolan dies in „Interstellar“ in der Weite des US-amerikanischen Mittleren Westens dadurch, dass auf der Erde so gut wie nur noch Mais angebaut werden kann. „Wir waren alle Farmer“, verkünden ältere Menschen auf Bildschirmen. Häufige Sandstürme legen Staub über die Äcker, bedecken die Scheiben der Autos und hinterlassen bei offenem Fernster eine fingerdicke Schicht auf dem Hausboden. Eine Armee gibt es nicht mehr, aber auch kaum noch Technik. In dieser regredierten Gesellschaft konzentriert sich alles auf die Produktion von immer knapper werdenden Lebensmitteln. In das schon technikfeindlich zu nennende Bild passt es, dass das gesamte Apollo-Weltraumprogramm nebst Mondlandung aus den Schulbüchern gestrichen wurde. Die offizielle Sprachregelung: Die Apollo-Missionen seien Propaganda gewesen, um die Sowjetunion zum Gegenschlag und damit zum Staatsbankrott zu zwingen, die Mondlandung in einem Hollywood-Studio nachgestellt worden.

In dieser nahen Zukunft ist der Blick nach unten gerichtet. „Früher haben wir zu den Sternen hinaufgeschaut, heute schauen wir nur noch auf den Dreck im Boden“, sinniert der ehemalige NASA-Astronaut Cooper (Matthew McConaughey), der in dieser Welt fast ohne Maschinen als Farmer arbeitet. Seine Frau starb, weil es kein MRT-Gerät mehr gab, das ihre Krankheit rechtzeitig hätte feststellen können. Coopers wissensgierige und hochgescheite elfjährige Tochter Murph (Mackenzie Foy) entdeckt eines Tages Koordinaten, die sie und ihren Vater zur unterirdischen NASA-Zentrale führen. NASA-Chef Professor Brand (Michael Caine) eröffnet dem einstigen besten NASA-Piloten, dass die Erde nicht mehr zu retten ist: „Wir sollen nicht diese Welt retten, wir sollen sie verlassen.“ Im Geheimen betreibt die Weltraumbehörde seit Jahren ein neues Programm. Vor zehn Jahren sei ein Dutzend Astronauten unter der Leitung eines Dr. Mann bis zum Saturn geflogen. In dessen Nähe habe man ein Wurmloch gefunden, durch das sie in eine andere Galaxie gelangen konnten. Zwar werden noch immer Signale dieses ersten Teams empfangen. Nun soll eine vierköpfige Crew aber durch dieses Wurmloch fliegen, um die Mitglieder der ersten Mission zu finden und ihre Erkenntnisse zu verarbeiten. Zusammen mit Cooper fliegen die Tochter des Professors Dr. Brand (Anne Hathaway) sowie die Wissenschaftler Doyle (Wes Bentley) und Romilly (David Gyasi). Für Cooper bedeutet dies, von seinem Vater Donald (John Lithgow) und seinen Kindern Abschied zu nehmen – vielleicht für immer. Denn wegen der Zeitkrümmung gelten im All andere Gesetze. So verbringen Cooper und Dr. Brand auf einem Planeten ein paar Stunden. Als sie zur Weltraumstation zurückkehren, sind dort (und auf der Erde) 23 Jahre und 4 Monate vergangen.

Zweidreiviertel Stunden erzählt Christopher Nolan episch von der Reise zwischen den Sternen, aber auch von einer sehr starken Vater-Tochter-Beziehung, die im emotionalen Mittelpunkt von „Interstellar“ steht – ähnlich Cuaróns „Gravity“. Wie dieser Film bietet „Interstellar“ atemberaubende Bilder, die gegen Ende immer mehr an Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“, aber etwa auch an den berühmten Spruch des in „Blade Runner“ (Ridley Scott, 1982) von Rutger Hauer gespielten Replikanten Roy Batty erinnern. Ohne die „Schulter des Orion“ oder das (fiktive) „Tannhäuser Tor“ zu zitieren, kann sich dank „Interstellar“ der Zuschauer ein Bild davon machen, was der Replikant in Ridley Scotts Film meinte.

Häufig ist in „Interstellar“ von geheimnisvollen höheren Wesen die Rede, ohne sie näher zu bezeichnen. Scheint Nolans Film die Transzendenz zu negieren, weil am Ende der Mensch selbst es ist, der sich alleine retten muss, so bleibt eine ausdrücklich gestellte Frage unbeantwortet: „Wer hat das Wurmloch dorthin platziert?“

Trotz der vielen physikalischen Theorien, die „Interstellar“ anspricht und den meisten Zuschauern sicherlich fremd bleiben, ist Christopher Nolan ein Film gelungen, der das Weltraum-Genre bereichert. In seiner „inneren Geschichte“ nimmt sich „Interstellar“ jedoch als ein Film über die Familie, über die Hoffnung und die Liebe aus. Denn Liebe, so heißt es darin ausdrücklich, ist das Einzige, das Zeit und Raum überwindet.

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