Im Zeichen der Rose

Vor 1 200 Jahren wurden das Bistum und die Stadt Hildesheim gegründet – Ein Rundgang durch die Jubiläumsausstellungen. Von Veit-Mario Thiede
Foto: Veit-Mario Thiede | Mittelalterliche Kopie des so genannten Gründungsreliquiars. Die originale Reliquienkapsel wird in der Domkrypta in Hildesheim aufbewahrt.
Foto: Veit-Mario Thiede | Mittelalterliche Kopie des so genannten Gründungsreliquiars. Die originale Reliquienkapsel wird in der Domkrypta in Hildesheim aufbewahrt.

Der Gründungslegende nach verdankt Hildesheim seine Existenz der Vergesslichkeit eines Kaplans von Kaiser Ludwig dem Frommen. Der Geistliche hatte vor 1 200 Jahren ein Behältnis mit Reliquien Christi und der Gottesmutter Maria in einen Baum gehängt und die Heilige Messe gefeiert. Anschließend zog er mit dem Kaiser weiter. Als ihm auffiel, dass er das Reliquiar vergessen hatte, kehrte er eilends zurück. Doch der Reliquienbehälter ließ sich nicht mehr vom Baum nehmen. Ludwig der Fromme wertete das als göttliches Zeichen, dass er genau an dieser Stelle eine Marienkapelle errichten solle. Die aber wurde bald zum Dom ausgebaut, dem Zentrum des neu gegründeten Bistums Hildesheim.

Die ältesten Bronzetüren des Mittelalters mit Figuren

Ihr Gründungsjubiläum feiert die Stadt mit zwei Sonderausstellungen, während das Bistum das Dommuseum und den Mariendom frisch herausgeputzt hat. Das Gotteshaus wurde nach einem Konzept des Kölner Architektenbüros von Johannes Schilling in enger Abstimmung mit dem Hildesheimer Domkapitel einer grundlegenden Sanierung und Neuordnung der Ausstattung unterzogen. Der Dom wirkt nun im Inneren außerordentlich hell. Er ist modern – und hebt zugleich durch die Ausstattung mit einer weltweit einzigartigen Häufung exquisiter romanischer Sakralkunst sein hohes Alter hervor. Vor 1 000 Jahren gab Bischof Bernward die beiden Türflügel des westlichen Eingangs in Auftrag. Sie sind die ältesten Bronzetüren des Mittelalters, die mit Figuren geschmückt sind. Ihre sechzehn Relieffelder zeigen das biblische Heilsgeschehen von der Erschaffung des Menschen bis zur Erscheinung des Auferstandenen vor Maria von Magdala. Von atemberaubender Pracht ist der anno 1061 von Bischof Hezilo gestiftete Radleuchter aus vergoldetem Kupfer, der das himmlische Jerusalem versinnbildlicht. Neu ist hingegen der anlässlich der Domsanierung beim Bildhauer Ulrich Rückriem in Auftrag gegebene Hauptaltar aus Anröchter Dolomit.

Der Hauptaltar mit seinem auf den Innenseiten vergoldeten Sockel befindet sich genau über dem in der Krypta aufgestellten goldenen Reliquienschrein des 1038 verstorbenen Bischofs Godehard. In der Krypta kam es bei den Sanierungsarbeiten zu einer sensationellen Entdeckung: Reste der Marienkapelle Ludwigs des Frommen wurden ausgegraben – und wieder zugedeckt. Auch das silberne Behältnis mit den Reliquien Christi und der Gottesmutter, von dem in der Gründungslegende die Rede ist, gibt es noch. Dieses zentrale Heiligtum des Doms steht im Osten der Krypta vor einem freigelegten Fenster, durch das man den „Tausendjährigen Rosenstock“ erblickt. Er wächst vor der Apsis und ist das Wahrzeichen von Bistum wie Stadt. Der Wildrosenstrauch bringt es auf das enorme Alter von etwa 700 Jahren. Aber bereits im späten Mittelalter kam die Erzählung auf, er sei 1 000 Jahre alt. Seit dieser Zeit wird er als der „Baum“ der Gründungslegende angesehen. Bei dem Bombenangriff, der 1945 Hildesheims Altstadt in Schutt und Asche legte, verbrannte der Rosenstock. Es kam einem Wunder gleich, dass acht Wochen nach der Katastrophe aus dessen bei der Domzerstörung verschütteten Wurzeln 25 neue Triebe hervorsprossen.

Über den doppelgeschossigen Kreuzgang gelangt man in das Dommuseum. Es wurde nach Plänen von Schilling Architekten in der profanierten Antoniuskirche und in einem Neubau auf zwei Etagen eingerichtet. Präsentiert wird sakrale Kunst vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Hauptattraktion ist der Domschatz, der wie der Dom und die Michaeliskirche zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Viele Prunkstücke lassen sich mit Hildesheims heiligen Bischöfen Bernward (um 960–1022) und Godehard (960–1038) in Verbindung bringen. Weithin sichtbarer Blickfang ist das von Bernward gestiftete Holzkruzifix aus dem Kloster Ringelheim. Der lebensgroße Gekreuzigte gehört zu den ältesten erhaltenen monumentalen Bildwerken des Mittelalters. Auch die „Große Goldene Madonna“, eine der ältesten vollplastischen Mariendarstellungen, wurde wahrscheinlich von Bernward finanziert. Ebenso eindrucksvoll sind die ausgestellten Seidenstoffe, in die die Reliquien des heiligen Godehard gehüllt waren.

Eine prominente Rolle spielen Bernward und Godehard auch in der vom Roemer- und Pelizaeus-Museum präsentierten Schau „Hildesheim im Mittelalter – Die Wurzeln der Rose“. Neue archäologische Funde, die etwa in den letzten Jahren durch die Domsanierung möglich wurden, und andere Raritäten veranschaulichen Hildesheims herausragende Rolle als kirchliches und weltliches Zentrum im mittelalterlichen Norddeutschland. Sie sind 15 Stationen zugeordnet. Diese beziehen sich auf historisch bedeutsame Orte der Hildesheimer Stadtentwicklung. Zu den Kostbarkeiten gehört ein zwischen 1662 und 1673 angefertigtes Holzmodell der von Bernward gestifteten Michaeliskirche, deren Zustand sich seit dem 11. Jahrhundert kaum verändert hatte. Die 15 Stationen der Schau im Roemer- und Pelizaeus-Museum finden sich als Bezugspunkte in der Sonderausstellung des im Knochenhauer-Amtshaus angesiedelten Stadtmuseums wieder. Grafiken, Aquarelle und vor allem schwarzweiße und seltene farbige Fotografien zeigen Hildesheim, das in der Vorkriegszeit als „Nürnberg des Nordens“ berühmt war, vor und nach dem verheerenden Bombenangriff von 1945.

Auf einem Rundgang durch die Stadt kann man die 15 historischen Stationen der beiden Sonderausstellungen in ihrem heutigen Erscheinungsbild begutachten. Mit erläuternden Texten versehene rote Stelen machen sie kenntlich. Zu ihnen gehören das Knochenhauer-Amtshaus sowie die nach den schweren Kriegszerstörungen wieder aufgebauten Welterbestätten Dom und Michaeliskirche. Letztere ist eine der seltenen Simultankirchen: Die Hauptkirche ist evangelisch, die Krypta katholisch. In ihr befindet sich der leere Sarkophag Bernwards. Unbedingt besuchen sollte man zwei Gotteshäuser, die zu Unrecht im Schatten der Welterbestätten stehen: die Godehardi-Kirche, die den Zweiten Weltkrieg bis auf die eingestürzte nördliche Seitenschiffswand unversehrt überstand, und die gänzlich verschont gebliebene Mauritiuskirche. St.-Godehardi, ab 1133 zu Ehren Bischof Godehards erbaut, ist eine der am besten erhaltenen romanischen Kirchen Deutschlands. Und die Mauritiuskirche mit dem Grab des 1079 gestorbenen Bischofs Hezilo besitzt einen faszinierenden Kreuzgang, in dem man meint, die Zeit sei seit dem 11. Jahrhundert stehen geblieben.

Dommuseum Hildesheim, Domhof: Di.–So. 10–17 Uhr. Informationen: Tel.: 051 21-30 77 70, Internet: www.dommuseum-hildesheim.de. Der im Verlag Schnell und Steiner erschienene Auswahlkatalog kostet 24,95 Euro.

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