Französische Literatur

Im Traum wird Mord das einzige Sakrament

Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq zeigt einen spirituellen Wandel und gibt sich optimistischer als es auf den ersten Blick wirken mag.
"Vernichten"
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Es ist das Jahr der Präsidentschaftswahlen in Frankreich und das Erscheinungsjahr des achten Romans Michel Houellebecqs. Diese Koinzidenz ist nicht unerheblich, denn die Zeitdiagnosen des wohl bekanntesten zeitgenössischen französischen Schriftstellers entfachen regelmäßig weit über das Feuilleton hinausreichende Dispute. Seit er in seinem Roman „Unterwerfung“ das Ende des Laizismus und den Siegeszug des Islams prognostizierte, wird der Träger des Goncourt-Preises von einstigen Anhängern als islamfeindlich gebrandmarkt.

Dass der Schriftsteller 2019 einer Einladung traditioneller junger Katholiken folgte und im „Cirque d'hiver“ zusammen mit dem aktuellen Präsidentschaftskandidaten Éric Zemmour und weiteren Mitstreitern über die Zukunft Europas debattierte, trug ein weiteres zu seiner Verfemung als Rechtsintellektuellem bei.

„Was hingegen keinerlei Bedeutung mehr besaß, das waren Worte.“

Houellebecq dürfte das nicht erstaunen, denn er sieht die Welt längst im Bannkreis des Bösen oder objektiv gesprochen: im Niedergang begriffen. In seinem neuen Werk „Vernichten“ lässt er keinen Zweifel daran, dass das Prinzip der Dekadenz zwar schwer greifbar, aber doch eine „wirkungsmächtige Realität“ sei. Veranschaulicht wird dieser Niedergang der Zivilisation am Leben der Hauptfigur, die den sinnigen Namen Paul Raison (Vernunft) trägt und vermählt ist mit Prudence, Umsicht und Weltklugheit zugleich bedeutend.

Paul ist Beamter im Wirtschaftsministerium und hat sich gänzlich Ziffern und Zahlen verschrieben. In dieses von Regelmäßigkeit geprägte Leben bricht mitten im Präsidentschaftswahlkampf 2027, in einer nicht allzu fernen Zukunft, Terror unbekannter Herkunft über Frankreich herein. Botschaften mit seltsamen Zeichen zeigen in realistisch wirkenden Videos einen guillotinierten Wirtschaftsminister, ein explodierendes chinesisches Containerschiff, eine zerstörte Samenbank und ein sinkendes Migrantenschiff. Hinzu kommt ein Brandanschlag auf ein an Mensch-Maschine-Hybriden forschendes Unternehmen. Während der Geheimdienst über die Art des Terrors rätselt und sowohl ultralinke als auch rechtskatholische Attentäter in Betracht zieht, wird die Hypothese aus tiefenökologischen Bewegungen und Profiteuren der Finanzbranche wahrscheinlicher.

Auflösen und Zusammenfügen

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Paul Raison aber entfernt sich zunehmend von diesen vernunftgeprägten Deutungen, zumal er in den Akten seines Vaters, eines ehemaligen Geheimdienstmitarbeiters, Hinweise auf eine die Ratio sprengende Kraft findet. Dieses Abendland steht ganz im Zeichen Baphomets, eines teuflischen Wesens, dessen Name eine Verballhornung Mohammeds ist. Houellebecq symbolisiert mit dieser zwittrigen okkultistischen Figur den Zerfall der Gegenwart. „Solve“ und „coagula“, Auflösen und Zusammenfügen, lautet Baphomets Devise. Chaos und Grenzauflösung sind ihre Kennzeichen.

Diese seelenlose Mixtur macht sich sowohl im Alltag als auch in der Geisteswelt bemerkbar. So trinkt Paul Raison einen teuren Wein, der mit seinen Geschmacksnoten von Wacholder, Ananas und Farn ein „einziges Durcheinander“ ist. Raisons Schwägerin, eine eigennützige Journalistin, bezeugt mit Leihmutterschaft und gekauftem Sperma eines Schwarzen „Nonkonformismus“ und „Antirassismus“. Paul Raison erscheint diese Fortpflanzung „ohne sexuelle Begierde, Liebe oder ein gleichwertiges Gefühl“ dagegen „widerwärtig“.

Ein Bild des Niedergangs

Mit dem Porträt der Familie Raison knüpft Houellebecq an die französische Dekadenz-Literatur des 19. Jahrhunderts an. Spätzeitgefühl, letzte Ausschweifungen und moralische Anämie sind typische Motive dieser Zeit, die sich auch in „Vernichten“ finden: Pauls Mutter stürzt beim Restaurieren von Engeln in der Kathedrale von Amiens in die Tiefe, der Bruder Aurélien verübt Selbstmord, der Vater ist durch einen Schlaganfall zur Regungslosigkeit verdammt und Paul leidet an Mundkrebs.

Auch diese spezifische Krebserkrankung trägt Symbolcharakter: Mit dem Verschwinden der Vernunft geht das Verstummen einher: „Was hingegen keinerlei Bedeutung mehr besaß, das waren Worte.“

„Chaotische Zerfaserung der Zivilisation“

Die chaotische Zerfaserung der Zivilisation ist für Houellebecq Ausdruck einer zerstörerischen Praxis, die bereits seit über hundert Jahren am Werk sei. In den Träumen der Hauptfigur erweist sich die Zergliederung als mörderisches Machwerk: Menschen werden mit Metalldraht durchtrennt von „Anhängern eines rationalen Kults, der auf der Zerlegung der Elemente gründete, aus denen die Lebewesen bestanden, um so die Erschaffung neuer Strukturen zu ermöglichen, und dessen einziges Sakrament der Mord war.“ Dieses mörderische Handeln veranschaulicht Houellebecq an der Euthanasie, der Geringschätzung alter Menschen, am elenden Sterben in unserer Gesellschaft.

Eine Folgeerscheinung dieser kultischen Dekonstruktion ist „vereinheitlichte Hoffnungslosigkeit“. Mit dieser aber begnügt sich Houellebecq nicht. Das Aufglimmen der Hoffnung deutete sich bereits in seinem letzten Roman „Serotonin“ an. Um künstlichen Paradiesen und dem Gefängnis der „eigenen Hölle“ zu entkommen, schließt sich Houellebecqs Protagonist mit gigantischen Bildern der Geliebten an der Wand in ein Zimmer ein, um sich zu opfern und wiederzukehren als Heiland oder Antichrist. Dass in Houellebecq ein Romantiker steckt, dürfte inzwischen zumindest den Lesern seiner Gedichte nicht entgangen sein: „Der magische Ort des Absoluten und der Transzendenz/ Wo das Wort ein Gesang ist, das Gehen ein Tanz/ Den gibt es nicht auf Erden/ Aber wir gehen ihm entgegen.“

Der Glaube an die Himmelsmacht

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Wie brüchig der Atheismus des Schriftstellers ist, offenbart sich nun in „Vernichten“. Lakonische und zynische Betrachtungen weichen einem versöhnlichen Blick auf die Welt. Der spirituelle Wandel lässt sich am deutlichsten an Houellebecqs Lieblingssujet ablesen: Sex gereicht zunächst nicht einmal mehr zum Konsumfetisch. Er ist nur noch „ein aus der Mode gekommenes und offengestanden jämmerliches Phantasma“. Im Laufe des Romans aber findet eine Apotheose der körperlichen Liebe statt. Prudence lässt „kartesische Wirbel im Äther entstehen“, um eine „vielleicht den Gravitationskräften entsprechende Anziehungskraft zwischen ihnen zu erzeugen“, obwohl doch die Nicht-Existenz des Äthers und der Wirbel belegt sind.

Dieser Glaube an die Himmelsmacht Liebe transzendiert auch Wissenschaft. Houellebecq singt das Hohelied der Liebe, einer Liebe freilich, die er in der Ehe verortet. Als Apologet freier Liebe lässt sich Houellebecq nicht vereinnahmen. Der Sinn für traditionelle Strukturen wächst mit jedem Roman. Seine Skepsis gegenüber einer „liberalen Doxa“ tut er ohnehin seit jeher kund. Als ihm 2018 der erste Preis der internationalen Oswald Spengler Society verliehen wurde, bekannte er, dass er „keinesfalls zu einem echten Liberalen“ geworden sei. Houellebecqs freier Geist ist strukturiert.

Notre-Dame zeigt das „Drangsal des Christentums“

Ihm zugehörig sind auch Denker wie Auguste Comte, der den Zustand einer Gesellschaft nach der Gesundheit ihrer Religion bewertete. Auch Houellebecq blickt durch dieses Prisma: Weiße und schwarze Magie laufen der Kirche den Rang ab. In der mehrfach zerstörten Kirche Notre-Dame de la Nativité sieht Paul die ganze „Drangsal des Christentums“ verbildlicht. Dort aber glimmt auch Hoffnung auf. Die Kerzen, die Paul entzündet, werden "unerwartet wirksam".

Hoffnung, diese „Erbsünde des Christentums“, verwandelt sich der Autor an. Ob im festen Glauben an eine bessere Welt oder als Schmerzmittel gegen weltliches Leid, bleibt offen. Dass „neuer Sterne Glut den Himmel leer gebrannt“ (Musset), bedrückt Paul Raison. Michel Houellebecq aber verspricht Trost. Das urmenschliche Verlangen nach einer besseren Welt erfüllt er mit einer verheißungsvollen Deutung des Todes. Mit dem Tod beginne der eigentliche Aufbruch, auf die Dunkelheit folge dann die Morgenröte.

Weniger pessimistisches als es scheint

Vernichten“ ist ein weit weniger pessimistisches Buch als es den Anschein hat. Religion und Liebe, so Houellebecq, seien die einzigen Dinge, die das Verhalten eines menschlichen Wesens ändern könnten.

Den Fall in die Materie, den zeitgenössischen Höllensturz löst unweigerlich die Morgendämmerung ab. Der Ausbruch aus dem zyklischen Weltenlauf kann gelingen. Houellebecqs Himmelfahrt lässt daran glauben.


Michel Houellebecq: Vernichten. DuMont Buchverlag,
Köln 2022, 624 Seiten, ISBN-13: 978-383218-193-2, EUR 28,–

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