Missbrauchsprävention

Ideale und Minenfelder begleiten die Debatte

Aktuelle Studien belegen es: Würde man des sexuellen Missbrauchs wegen den Zölibat abschaffen, käme man vom Regen in die Traufe.
Priester in Rom
Foto: Jan Woitas (dpa-Zentralbild) | Zu Unrecht verdächtig? Ein Priester unterwegs in Rom.

Häufiger hört man die populäre Meinung, die Missbrauchsstudien hätten aufgezeigt, dass Priester die versprochene sexuelle Enthaltsamkeit nicht aushalten und sich deswegen an wehrlosen Kinder und Jugendliche vergehen würden. Deswegen sollen Priester heiraten dürfen, um sich nicht mehr an Minderjährigen zu vergreifen.

Tatsächlich ist es so, dass eine große Anzahl der Priester Schwierigkeiten haben, die sexuelle Enthaltsamkeit des bei ihrer Weihe versprochenen Zölibats zu halten. Andererseits ist aber auch jedem Priester, der viel Beichte hört, bekannt, dass Eheleute ihres Ehepartners manchmal ebenfalls die abwesenheits- , krankheitsbedingte oder aus anderen Gründen faktisch geforderte sexuelle Enthaltsamkeit nicht leben, sondern untreu werden. Außerdem geschehen – das ist das einmütige Ergebnis aller Studien – etwa 85 Prozent der sexuellen Missbräuche an Kindern und Jugendlichen in der Familie, gehen also von Menschen aus, die keine sexuelle Enthaltsamkeit versprochen haben. Die Missbräuche geschehen folglich nicht aufgrund sexueller Enthaltsamkeit, sondern – dies zeigen alle entsprechenden Untersuchungen auf –  wegen fehlender reifer Auseinandersetzungen mit der eigenen Sexualität und/oder schwerer seelischer Belastungen.

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Damit soll der Zölibat nicht idealisiert werden: Seriöse Untersuchungen belegen tatsächlich, dass eine hohe Zahl der Priester den Zölibat (sexuelle Enthaltsamkeit) nicht durchgängig lebt. Die Ursachen sind sehr unterschiedlich und vielfältig: die Abnahme eines priesterlichen Idealismus im Verlaufe eines stressreichen Arbeitslebens, die fehlende Geborgenheit und Nähe im priesterlichen Alltag eines Einzelkämpfers, die mangelnde Auseinandersetzung/Reife mit der eigenen Sexualität, die hohe Arbeitsbelastung, die nicht emotional ausgeglichen/verarbeitet werden kann, und manches mehr.

Ein ähnliches Bild zeigt sich aber auch in christlichen Ehen, die sich noch bei der Trauung überzeugt lebenslange Treue versprochen haben. Auch hier kommt es, anders als es beim Eheversprechen intendiert wurde, häufig zum Bruch der sexuellen Treue gegenüber dem anderen Partner. Auch bei Unverheirateten ist die sexuelle Enthaltsamkeit oder Aktivität ein von Sehnsüchten und vielfältigen Problemen durchzogenes Minenfeld. Dies alles ist Seelsorgern und Psychologen bekannt und prägt ihr helfendes Handeln.

„Der Zölibat an sich ist sicherlich keine genuine Ursache des sexuellen Missbrauchs –
sonst müssten die Fallzahlen höher liegen.“

Probleme mit der Sexualität hängen folglich primär nicht vom eigenen Stand ab, ob nun in der Ehe, im Priesterleben, als Unverheirate/r, ehemals Verheiratete/r oder Verwitwerte/r. Die Sexualität selbst ist vielmehr das Problem und eine Herausforderung, die man psycho-dynamisch nie endgültig und vollständig gelöst hat.

Es ist daher nicht erstaunlich, dass die bekannteste Missbrauchsstudie in Deutschland festgestellt hat, dass nicht der Zölibat „eo ipso Ursache für sexuellen Missbrauch von Minderjährigen“ (MHG, 24.09.2018, S. 11) ist. Unter Voraussetzung einer emotional und sexuell reifen Persönlichkeitsentwicklung kommt die Studie zu dem Ergebnis: „Eine reife und freiwillig gewählte zölibatäre Lebensform ist möglich.“ (MHG, S. 13) Auch die jüngste große Missbrauchsstudie, die für das Bistum Münster vom Juni 2022 (Frings u.a. [Hg.], Macht und sexueller Missbrauch […], S. 535), resümiert: „Der Zölibat an sich ist sicherlich keine genuine Ursache des sexuellen Missbrauchs – sonst müssten die Fallzahlen höher liegen.“

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Dies aber legen auch die Ergebnisse der weltweiten Untersuchungen nahe, die übereinstimmend herausgefunden haben, dass um 85 Prozent des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen in den Familien geschieht, demnach von Menschen, die nicht sexuelle Enthaltsamkeit versprochen haben. Die restlichen 15 Prozent teilen sich die pädagogischen, schulischen, kirchlichen und sportlichen Institutionen. Es bleibt für diese vier Bereiche nur je ein geringfügig einstelliger prozentueller Anteil am Missbrauchsfällen übrig. Der kirchliche Bereich ist hiervon nur einer und selbst in ihm hat nur ein Teil der Täter die zölibatäre Lebensform versprochen. Eine Abschwächung oder gar Entschuldigung für die sexuellen Verbrechen kann dieser geringe Prozentanteil selbstverständlich nicht sein.

Signifikant: Zölibatäre sind geringer am Missbrauchsgeschehen beteiligt

Würde man folglich um des sexuellen Missbrauchs willen den Zölibat abschaffen, käme man vom Regen in die Traufe. So zeigt der große, letzte Missbrauchsbericht in Frankreich (CIASE, Okt. 2021, S. 23) auf, dass der Anteil der Priester am sexuellen Missbrauch Minderjähriger knapp unter 4 Prozent liegt, der Anteil zuzüglich der (ohne Kirchensteuereinnahmen eher wenigen) weiteren kirchlichen Mitarbeiter/innen bereits 6 Prozent beträgt.

Zudem hat der Autor dieses Textes selber als Beichtvater und Seelsorger vieler Menschen die Erfahrung gemacht, dass die Probleme mit der eigenen Sexualität vor allem bei Unverheirateten (Sehnsucht), aber auch bei Verheirateten (Zusammenleben/eheliche Treue) eher größer sind als bei Priestern (Zölibat). Vom Glauben aus betrachtet ist die Sexualität ein Geschenk Gottes, das dynamisch auf vielfältige Weise auf die seelischen Zustände eines Menschen reagiert. Der Christ, ob Priester oder Laie, wird folglich umsichtig auf sein emotionales Erleben und seine sexuelle Sehnsucht achtgeben, sich mit ihr reif auseinandersetzen und sie immer wieder betend vor Gott tragen, um auch mit seiner Sexualität dem Willen des liebenden Gottes zu entsprechen.


Der Autor lehrt als Fundamentaltheologe in Rom.

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