„Ich halte nichts von historischen Textkriegen“

Frau Professor Neuwirth, seit rund einem Jahr arbeiten Sie am „Corpus Coranicum“, einer textkritischen Edition des Koran. Die Feuilletons bescheinigen Ihrem Projekt an der Akademie Berlin-Brandenburg eine gewisse Sprengkraft für die islamische Welt ...

Das ist längst nicht so explosiv, sondern in erster Linie staubtrockene Textforschung. Wenn wir unser Projekt in Ländern wie Iran oder Ägypten vorstellen, sind wir nie auf Proteste gestoßen. Muslimische Gelehrte haben über Jahrhunderte verschiedene Lesarten des Koran kommentiert und erfasst. Da sind wir gar nicht so weit auseinander. Diejenigen, die dahinter gleich einen Affront für die islamische Welt vermuten, unterschätzen den Islam. Sie meinen, Muslime lebten noch in der Steinzeit und schotteten sich gegen alles, was nach Fortschritt aussieht, rigoros ab. Es ist betrüblich, dass sich ein gewisser Kultur-Antiislamismus bei uns immer mehr breit macht.

Was ist das Ziel ihres Projekts?

Wir werden eine dokumentierte Edition und einen historisch-kritischen Kommentar erstellen. Damit wollen wir den Koran als einen Text wiederentdecken, der sich zuerst noch gar nicht an Muslime richtete, sondern an vorislamische Hörer aus dem Erfahrungshorizont der Spätantike. Sie kannten christliche und jüdische Traditionen. Der Koran fiel also nicht vom Himmel, sondern steht in einem bestimmbaren historischen Kontext. Er markiert auch keinen einschneidenden Bruch mit der von uns Europäern reklamierten Spätantike, sondern bietet eine arabische Kommentierung und zum Teil selbstbewusste Neuinterpretation der jüdischen und christlichen Tradition.

Wo machen Sie die Anknüpfung zur biblischen Tradition fest?

Die ältesten Suren stehen beispielsweise dem Psalterium nahe. Wie der Sprecher der biblischen Psalmen spricht der Verkünder, Muhammad, aus seiner persönlichen Frömmigkeit heraus. Politisch wurde die koranische Botschaft erst nach der Auswanderung der Gemeinde von Mekka nach Medina. Da erst war sie geprägt durch die Auseinandersetzung mit Andersgläubigen. Mit dieser von uns vorgeschlagenen Wiedereinordnung des Koran in eine gemeinsame europäisch-nahöstliche Spätantike müssen wir uns von unserem stereotypen Europabild verabschieden, in dem nur das Jüdisch-Christliche Platz hat. Die Muslime leben nicht nur längst mitten in Europa, ihre Tradition ist unser Erbe.

Die historisch-kritische Methode, mit der Sie den Koran erforschen, ist nicht neu. In der christlichen Exegese der Bibel hatte sie einen aufklärerischen Impuls – Rudolf Bultmann sprach von Entmythologisierung.

Der Koran selbst entmythisiert. Wenn der Koran zum Beispiel in der 19. Sure von Maria im Tempel spricht, wird damit das damals lebendige mythische Bild der Christen von „Maria als der Tempel“ neu interpretiert. Abstrakte theologische Formeln setzt der Koran in einfach Verständliches um und schneidet Übermenschliches zurück auf Menschenmaß. Insgesamt findet man im Koran weniger mythische Elemente als in der Bibel. Aber was Bultmann damals in der Exegese unter dem Vorzeichen der Entmythologisierung gemacht hat, stünde uns auch gar nicht zu. Wir sind keine Theologen und haben weder eine theologische noch eine aufklärerische Absicht in unserer Projektarbeit.

Mit dem Pathos der Entzauberung betreiben Ihre Kollegen Karl-Heinz Ohlig oder Christoph Luxenberg ihre aufsehenerregenden Studien über die Einflussgeschichte des Koran. Sie stellen sogar die historische Existenz von Muhammad infrage.

Ich halte nichts von der Wiederbelebung historischer Textkriege. Mit ihrer islam-polemisch motivierten Koranforschung verbaut diese Gruppe die Möglichkeit zu einem Dialog mit der islamischen Gelehrtenwelt. Diese Forscher sind nicht an einem Wissensaustausch mit arabischen Gelehrten interessiert. Sie haben zum Teil nicht einmal arabische Sprachkenntnisse. Es ist zwar das Verdienst von Christoph Luxenberg, die Aufmerksamkeit wieder auf die syrischen Traditionen in der Umwelt des Koran gelenkt zu haben. Für den Koran selbst ist der Zugang der Gruppe aber wenig relevant: Der Koran dient ihnen als Steinbruch für ihre bereits vorgefassten Ideen über die Entstehung des Islam. Die Textkomposition, die diese Konstruktionen widerlegt, ignorieren sie vollständig. Um die These, dass Muhammad nicht existiert habe, zu untermauern, werden abenteuerliche Konstruktionen errichtet, die die wissenschaftliche Kompetenz der Gruppe weit überschreiten.

Was ist dagegen Ihr Ansatz?

Wir wollen mit unseren muslimischen Kollegen über den Koran ins Gespräch kommen. Das ist aussichtsreich, weil wir glaubhaft machen können, dass wir ein aufrichtiges akademisches Interesse haben und keine politische oder antireligiöse Hinterabsicht. Es wäre eine Vergeudung, wenn wir die unschätzbaren Kenntnisse und Erfahrungen islamischer Korangelehrter, die wir uns als Außenstehende kaum je vollständig aneignen können, einfach ignorieren würden. Wir können nicht annähernd so viel über die sprachlichen und theologischen Aspekte des Koran wissen wie diese Gelehrten. Was wir von der islamischen Tradition mit unseren Methoden erfassen, ist nur die Spitze des Eisbergs.

Wie sieht das im Konkreten aus?

Wir hatten beispielsweise Gespräche über Sure 112. Sie vereint direkte textliche Bezüge zum jüdischen Glaubensbekenntnis, dem „Schema Israel“ und zum christlichen Credo von Nizäa und Konstantinopel. Wenn man beispielsweise in Damaskus hebräische Originaltexte im Zusammenhang mit dem Koran vorstellt, ist das zunächst irritierend. Hebräische Schriftzeichen sind heute ja auch politisch konnotiert. Außerdem betrachtet man den Koran im Islam als Neuanfang, bei dem andere Traditionen nicht formgebend waren. Dennoch ergibt die Diskussion immer wieder denselben Eindruck: Die Wiederentdeckung der älteren Texttraditionen, die im Koran nachhallen, findet großes Interesse bei den Gelehrten, wenn sich dahinter nicht die Absicht verbirgt, dass die Originalität des Korans an sich infrage gestellt werden soll.

Ihr Potsdamer Projekt berücksichtigt im Besonderen die Arbeit von jüdischen Gelehrten.

Wir stehen auf den Schultern der Wissenschaft vom Judentum aus dem 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Gelehrte wie Abraham Geiger entdeckten den Koran dank ihrer sprachlichen Kompetenz als einen historisch mehrschichtigen Text und begannen ihn zu historisieren – ernst und unpolemisch. Da Kommentare zum Koran nicht vorlagen, gingen sie direkt vom Text aus, unbeeinflusst von späteren Interpretationen, das war ein großer Vorteil. Da diese Wissenschaft im deutschen Reformjudentum in deutscher Sprache stattfand, wurde sie nach dem Holocaust nirgends fortgeführt und geriet in der Forschung für lange Zeit in Vergessenheit. Diese Arbeit nehmen wir jetzt wieder auf. Dabei berücksichtigen wir auch das Handschriften- und Tonarchiv von Gotthelf Bergsträsser, das nach dem Zweiten Weltkrieg als verschollen galt. 2009 werden wir dann die ersten Ergebnisse unserer Arbeit präsentieren. Aber das Projekt ist so umfangreich, dass wir noch weit über den angesetzten Zeitraum bis 2018 forschen könnten.

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