Hilfe zwischen allen Fronten

Mit Seelsorge und Nahrung, Schutz und medizinischer Betreuung – die katholische Kirche war im Ersten Weltkrieg immer nah bei den Menschen. Von Benedikt Vallendar
Foto: IN | Politisch neutral, sozial engagiert: Beispiel eines während des Krieges zum Lazarett umfunktionierten Kirchenraums.
Foto: IN | Politisch neutral, sozial engagiert: Beispiel eines während des Krieges zum Lazarett umfunktionierten Kirchenraums.

Mehr als zehn Millionen Menschen ließen im Ersten Krieg ihr Leben. Ein Blutzoll, auf den keine Institution der Welt vorbereitet war, auch nicht die Kirche. Doch während des globalen Tötens taten gerade Priester, Ordensleute und katholische Laien alles menschenmögliche, um den betroffenen Menschen zu helfen. Und betroffen, das war auf irgendeine Weise fast jeder.

Sei es durch eigene Verletzungen als Zivilist oder Soldat, sei es durch Verwundete und Todesopfer im Familien- und Bekanntenkreis. Die Steyler Missionsschwestern beispielsweise, erst 1889 gegründet, entsprachen bei Kriegsbeginn den Bitten verschiedener Hilfsorganisationen, unter anderem dem Roten Kreuz, und schickten knapp zweihundert Schwestern als Krankenpflegerinnen ins Deutsche Reich, wo sie dringend gebraucht wurden, derweil in den überseeischen Missionsgebieten der Steyler viele Pfarreien für Jahre verwaist blieben. Gleichzeitig gewährten die Missionare an ihrem Stammsitz in Steyl an der Maas unterernährten deutschen Kindern Asyl; nur knapp sieben Kilometer hinter der deutschen Grenze in den kriegsneutralen Niederlanden. Und dies war kirchlicherseits nicht die einzige Form der karitativen Hilfe.

Als nämlich 1916 in Deutschland wegen verheerender Missernten eine Hungersnot ausbrach und sich die Bevölkerung monatelang von Steckrüben ernähren musste, klopften vielerorts Menschen an die Pforten der Gotteshäuser und baten um etwas zu Essen. Der materielle Reichtum der Kirche, ihre Ländereien und deren moderne Bewirtschaftung erwiesen sich in dieser Situation einmal mehr als Segen für viele, die damit vor dem sicheren Hungertod bewahrt wurden – obwohl bis Kriegsende mehr als 800 000 Deutsche an Unterernährung starben. Doch wahrscheinlich wäre die Opferzahl noch um ein Vielfaches höher gewesen, hätte in dieser Situation nicht vor allem die katholische Kirche so beherzt agiert, wie es historisch unstreitig belegt ist. Vorausschauend hatten bei Kriegsausbruch viele Klöster in Deutschland ihre Magazine aufgefüllt und für eine Mischbepflanzung auf den ordenseigenen Ländereien gesorgt, sodass sie vor Ernteausfällen durch Schädlinge weitgehend gefeit war. Der über Jahrhunderte gewachsene Erfahrungsschatz der Mönche in landwirtschaftlichen Dingen zahlte sich aus und stärkte das Vertrauen vieler Menschen in ihre, die katholische Kirche. Allen politischen Versuchen zum Trotz, antiklerikale Stimmungen zu schüren. Denn gerade die politische Klasse Deutschlands, die im allgemeinen dem national-orientierten Protestantismus näher stand als der zu Neutralität verpflichteten Weltkirche, war sich – nicht erst seit Bismarcks „Kulturkampf“ – darüber im Klaren, dass die allsonntäglich gut besuchten katholischen Kirchen, in denen vereinzelt auch lauthals gegen die Gewalt in Europa gewettert wurde, zu Ausgangsbasen für eine flächendeckende Antikriegsstimmung mutieren konnten.

Dabei mussten die deutschen Militärs und Behörden dem katholischen Personal eigentlich dankbar sein für die Bewältigung unbequemer Aufgaben. Denn als dem gegnerischen Feuer binnen kurzem ganze Jahrgänge zum Opfer fielen, darunter auch viele Geistliche und gläubige Soldaten, waren es Kapläne und Vikare, die in staatlichem Auftrag die Nachricht vom Tod des Bruders, Sohnes oder Vaters zu überbringen hatten. Diese Kleriker wussten deshalb aus ihrer täglichen Arbeit von den Verheerungen des Krieges.

Doch im Umgang mit der weltlichen Obrigkeit hielt die katholische Kirche während des Krieges noch eine weitere Trumpfkarte in der Hand, die sie bis Kriegsende geschickt ausspielte, und für die ihr später Respekt und Beifall gezollt wurde. Eine wichtige Rolle spielten dabei wiederum die Ordensgemeinschaften: Als im Herbst 1914 von den Fronten die ersten Züge mit Verwundeten im Reich eintrafen, wurden flugs zahlreiche Klöster kurzerhand zu Lazaretten umfunktioniert. In seinem Weltkriegsepos „Im Westen nichts Neues“, das 1930, nur zwei Jahre nach seinem Erscheinen, in Hollywood verfilmt wurde, hat der Autor Erich Maria Remarque den katholischen Ordensschwestern in dieser Hinsicht ein literarisches Denkmal gesetzt. Als der durch einen Granatsplitter schwer verwundete Ich-Erzähler Paul Bäumer in ein von Nonnen betriebenes Lazarett eingeliefert wird, schreibt er: „Wir liegen in einem katholischen Hospital, im gleichen Zimmer. Das ist ein großes Glück, denn die katholischen Krankenhäuser sind bekannt für gute Behandlung und gutes Essen“. Und weiter: „Die Nonnen sind zuverlässig. Sie wissen, wie sie uns beim Umbetten anfassen müssen; aber wir möchten gern, dass sie etwas lustiger wären. Einige allerdings haben Humor, sie sind großartig. Wer würde Schwester Libertine nicht jeden Gefallen tun, dieser wunderbaren Schwester, die im ganzen Flügel Stimmung verbreitet, wenn sie nur von weitem zu sehen ist? Und solcher sind noch mehrere da. Wir würden für sie durchs Feuer gehen. Man kann sich wirklich nicht beklagen, man wird direkt wie ein Zivilist hier behandelt von den Nonnen. Wenn man dagegen an die Garnisonslazarette denkt, in denen man mit angelegter Hand im Bett liegen muss, kann einem die Angst kommen…“

Geschickt hat es die Kurie vermieden, Lazarette als „kirchliche“ Einrichtungen zu bezeichnen, sich gar ihrer zu brüsten und die Regierungen angesichts des tagtäglichen Elends von der Kanzel weg vorzuführen. In Lazaretten eingesetzte Schwestern und Brüder verrichteten ihre Arbeit allein im Auftrag ihres Oberen und immer nur für einen Gotteslohn. Den organisatorischen Part hatte die Kirche offiziell den Ordensleitungen überlassen und sich selbst dezent im Hintergrund gehalten. Dieser diplomatische Schachzug ermöglichte es Papst Benedikt XV., der seinen Bischöfe strikte Neutralitätswahrung angeordnet hatte und als „Friedenspapst“ in die Geschichte eingegangen ist (vgl. DT vom 21. Juni), als Vermittler aufzutreten, ohne sich dem Verdacht auszusetzen, für eine der am Krieg beteiligten Länder Partei zu ergreifen.

So wirkte die Kirche in vorbildlicher Weise als zwischen allen Fronten vermittelnde und helfende Friedens-Institution während des Ersten Weltkriegs.

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