Heimweh und andere Neurosen

Neele Leana Vollmars Romanverfilmung „Friedliche Zeiten“ erzählt

eine skurrile Familiengeschichte aus den sechziger Jahren

Vor zweieinhalb Jahren gelang der deutschen Regisseurin Neele Leana Vollmar mit ihrem ersten Spielfilm „Urlaub vom Leben“ (DT vom 02.02.2006) ein Überraschungserfolg. „Urlaub vom Leben“ erzählt in einem gemächlichen Tempo, das viel Raum für die Figurenentwicklung lässt, von einem Mann in der „Midlife Crisis“ und von den Auswirkungen einer solchen Krise auf die Familie.

In ihrem zweiten Spielfilm bleibt Regisseurin Vollmar ihrem Sujet treu. Auch „Friedliche Zeiten“ stellt die Familie in den Mittelpunkt. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Birgit Vanderbeke schildert „Friedliche Zeiten“ das Leben der Familie Striesow. Im Jahre 1968 leben in einer kleinen süddeutschen Stadt seit ihrer Flucht aus der DDR sieben Jahre zuvor Irene (Katharina Schubert) und Dieter Striesow (Oliver Stokowski) mit ihren drei Kindern, dem kleinen Sohn Flori und den Töchtern Ute und Wasa.

In diesen sieben Jahren ist es Irene nicht gelungen, sich an den Westen zu gewöhnen. So sind ihr die westlichen Autos so groß, dass sie immer wieder Auffahrunfälle verursacht – ein Zeichen des Heimwehs nach „drüben“, wo ihre Mutter lebt. Irene leidet allerdings unter verschiedenen Neurosen, seit ihr Jugendfreund von einmarschierenden sowjetischen Truppen getötet wurde. Nun, da die Sowjets mit Panzern in Prag einfallen und dem „Prager Frühling“ ein Ende bereiten, steht es für sie fest: Der dritte Weltkrieg breche aus. Dann aber – so erklärt Ute, die jüngere Tochter – brach der eigentliche Krieg mitten im heimischen Wohnzimmer aus.

Denn Irene leidet auch unter der zwanghaften Vorstellung, ihr Mann betrüge sie mit „Zweitfrauen“. Dieters Hang, abends auszugehen, bestärkt sie in dieser Annahme ebenso wie die schönen Augen, die ihrem Mann die Blondine aus der Buchhaltung in Dieters Firma macht. So nimmt Irene eines Nachts ihren Lieblingssatz „Kinder, ich werde nicht alt, ich sterbe bestimmt mal jung“ wörtlich. Sie packt die Kinder ins Auto und nimmt Kurs auf eine Brücke. Als sie bereits auf das Brückengeländer zufährt, greift die neunjährige Ute ins Steuer und rettet die Situation. Die zwei Mädchen begreifen, dass sie etwas unternehmen müssen. Angeregt von einem Scheidungskind aus der Nachbarschaft kommen sie auf den abwegigen Gedanken, dass eine Scheidung das Beste wäre, weil ihre Mutter von den Sorgen um ihren Vater befreit würde.

Obwohl die eigentliche Hauptperson in „Friedliche Zeiten“ die Mutter ist, erzählt der Film – wie der Roman – konsequent aus der Sicht der Kinder, insbesondere der neunjährigen Ute, was der Inszenierung eine gewisse Naivität verleiht. Die Inszenierung überzeugt nicht nur wegen des sorgfältigen Produktionsdesigns, das von der großartigen Kameraarbeit von Pascal Schmit – der bereits Vollmars „Urlaub vom Leben“ fotografiert hatte – zur Geltung gebracht wird. Indem Pascal Schmits Kamera immer wieder die Augenhöhe der Kinder einnimmt, führt sie eine kindlich unbefangene Note, eine gewisse Skurrilität in den Film ein. Darüber hinaus beleben „Friedliche Zeiten“ insbesondere einige Regieeinfälle, etwa schnellgeschnittene Abfolgen von ähnlichen Szenen, vor allem auch deshalb, weil sie knapp gehalten und somit nicht zum Selbstzweck werden. Dadurch, dass die Anfangs- und Endsequenz ins gleiche goldige Licht getaucht werden und auf der gleichen Straße angesiedelt sind, wirkt der Film abgerundet.

Obwohl das von Ruth Toma verfasste Drehbuch den Roman von Birgit Vanderbeke getreu wiedergibt, veranschaulicht die Dramaturgie des Filmes, dass die Buchvorlage kaum genug Erzählpotenzial für einen abendfüllenden Film besitzt. Eine etwas kürzere Spiellänge hätte „Friedliche Zeiten“, der im Sommer beim Filmfest München für den Regie-Förderpreis nominiert wurde und vorige Woche das Internationale Filmfest Oldenburg eröffnete, gut getan.

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