Handy im Museum erwünscht

Vom Schlüssel zu Big Data: Die digitale Revolution in einer Ausstellung in der Pfalzgalerie Kaiserslautern. Von Burkhardt Gorissen
Foto: Museum | Als der Schlüssel noch geholfen hat: Sargschlüssel der „Wilhelmine Gräfin Alberti“ in Etui, Österreich, 19. Jahrhundert.

Das Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern zeigt die Ausstellung „Ohne Schlüssel und Schloss? Chancen und Risiken von Big Data“. Die interaktive Ausstellung ist nicht nur ein Ausblick auf den Datenwahn, sondern eine groß angelegte Gegenüberstellung historischer Schlösser bis zur menschenleeren Produktion in der Industrie 4.0. Klassische Exponate, wie die manierierten Schlüssel und Schlösser dekorativer Minnekästchen und Buchkassetten zeigen die filigrane Präzisionsarbeit früherer Tage.

Der heutige Mensch: Zerrbild und Datenwust der Moderne

In die Rubrik Geschichte fallen auch die Zunft- und Reisetruhen aus dem 16. Jahrhundert, Eichenholz mit Eisenbeschlägen, meisterhafte Handwerkerkunst der Renaissance, ebenso virtuos wie die verschließbaren Gefäße für Heiligtümer oder medizinische Ingredienzien. In welchem Verhältnis die Schlüssel für mittelalterliche Keuschheitsgürtel und Sargschlüssel des 19. Jahrhunderts stehen, bleibt ein unlösbares Geheimnis. Ein offenes Geheimnis dagegen können Möbelstücke mit Geheimfächern sein, wie jener Sekretär, der als Corpus Delicti in der „Spiegel-Affäre“ eine bedeutsame Rolle spielte und aus dem „Abgrund von Landesverrat“, so Adenauer 1962 im Bundestag, einen Ministerrücktritt machte. Nicht weniger geheimnisvoll ist die legendäre Chiffriermaschine Enigma der Deutschen Wehrmacht, deren Verschlüsselungen die Briten erst mit enormem personellen und maschinellen Aufwand entziffern konnten. Kein Geheimnis bleiben die Überwachungskameras: Während die Besucher die grandiosen Erfindungen zur Geheimhaltung begutachten, erfassen spezielle Kamerasysteme unbemerkt ihre Blickpositionen und errechnen, welche Objekte sie am meisten interessieren. „Das Zentrum der Ausstellung ist der Besucher“, erklärt Svenja Kriebel.

Um die vielfältige Datenerfassung im Alltag sichtbar werden zu lassen, haben Forschungsinstitute, wie die Universität Stuttgart, die Kaiserlauterer Technische Universität, sowie das ebenfalls in Lautern ansässige Deutsche Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz und Fraunhofer IESE eigens für diese Ausstellung interaktive Stationen entwickelt. Die Kuratorin hat auch verschiedene Firmen der IT-Stadt Kaiserslautern mit in das Projekt einbezogen. Das Unternehmen „Human Solutions“ stellt beispielsweise einen Bodyscanner aus. Das harmlos aussehende Gerät dient dazu, weltweit Menschen zu vermessen, um Konfektionsgrößen anzupassen. Tor zur Welt oder datenfressendes Monster? Wer will, kann es am eigenen Leib erfahren, Erstaunen inklusive: Mit nur vier Informationen, Größe, Gewicht, Alter und Geschlecht, lässt sich die exakte Konfektionsgröße errechnen und ein Bild des Probanden erstellen. Obwohl der Scanner uns bis auf die Haut entblößt, weiß keiner so genau, wo die Daten alle landen. Beim Seelen-Striptease auf Facebook weiß man das schließlich auch nicht so genau. Aber wer sein Herz dort ausschüttet, sollte eigentlich die AGB's gelesen haben. Unmöglich? Nicht unbedingt. Der auf zwölf Metern ausgedruckte Text hängt von der Decke im Treppenhaus herab. Experten behaupten, um die Geschäftsbedingungen von Facebook komplett zu lesen, brauche es etwa zweihundertzwanzig Stunden, also fast ganze zehn Tage. Für James Joyce' „Ulysses“ braucht der geneigte Leser kaum länger. Wahrscheinlich lohnt die Lektüre auch mehr. Dazu braucht sie nicht mal in einem Museumstreppenhaus auszuhängen. So schnell und einfach lässt sich der Kulturverfall der Postmoderne darstellen.

Ein Beispiel mehr für den gläsern gewordenen Menschen, der rein digital betrachtet kaum mehr als eine verunglückte Kombination aus Datenwust und Zerrbild der Moderne ist. Trotzdem ändert sich nichts an unserem Benutzerverhalten. Umso prekärer erscheint vor diesem Hintergrund der durch die neuen Technologien verursachte tiefgreifende kulturelle Wandel. Fluch und Segen der digitalen Welt macht die Ausstellung erlebbar, manchmal auch gnadenlos: Besucher ohne Smartphone sind vom Ausstellungserlebnis nämlich teilweise ausgeschlossen. Denn für die Ausstellung wurde eine App als kostenloser Download entwickelt. Die erleichtert den Weg durch das Museum. Nicht nur das, sie speichert auch alle Daten, die sie uns entlocken kann. Allerdings ist diese Serviceleistung, wie im echten Leben, nicht ganz folgenlos. Wer allzu zurückhaltend mit seinen Daten ist, hat am Ende zu bestimmten Räumen keinen Zugang. Kuratorin Svenja Kriebel gibt zu, dass die Besucher fotografiert werden, ohne es zu wissen: „Das passiert an ganz, ganz vielen Stellen weltweit.“ Naja, vielleicht wollen wir das nicht hören, neu ist das allerdings nicht. Dennoch erfreut sich die Ausstellung zu Recht großer Beliebtheit. Nicht nur für Technikfreaks oder historisch Interessierte lohnt sich der Weg nach Kaiserslautern.

Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern, Museumsplatz 1. Bis 18. Februar 2018 geöffnet.

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