Ungeschminkt

Gut gemeinte Fairness führt zu toleranter Verblödung

Es liegt im Wesen einer überbordenden Identitätspolitik, dass der Strom der Opfer niemals abreißen darf. Das Phänomen ist bekannt aus der Sozial- und Geschlechterpolitik. Jetzt erreicht das Helfersyndrom den Bildungssektor.
Haareraufen
Foto: AntonioGuillem, imago-images | Man mag verzweifeln und es ist zum Haareraufen, was vorgeblich Toleranten so alles einfällt, was diskriminierend sein soll und was per Gesetz verboten oder geändert werden soll oder muss.

Der amerikanische Bundesstaat Oregon hat ein Gesetz in Kraft treten lassen, wonach einwandfreies Lesen, Schreiben und Rechnen nicht mehr als zwingende Grundvoraussetzung für den Erwerb eines High-School-Abschlusses benötigt werden. In Deutschland hieße die Aktion wahrscheinlich „Abitur für Alle“. Das Ganze diene der Toleranz gegenüber nicht-weißen Hautfarben und natürlich der Fairness (!) jenen gegenüber, die sich schwertun, mit Klassenarbeiten und Prüfungen. Die Pressestelle der demokratischen Gouverneurin Kate Brown ließ dazu verlauten, die „neuen Standards“ zum Schulabschluss dienten vor allem dazu „Schwarzen, Latinos, Latinx (was auch immer das sein mag), Ureinwohnern, Asiaten, den Bewohnern der Pazifischen Inseln, fahrenden ethnischen Minderheiten und den „students of color“ zu helfen.

Bei Oregon handelt es sich um denselben Bundesstaat, der bereits im Frühjahr von sich reden machte mit dem Vorstoß, an den Schulen „alternative Ergebnisse“ in der Mathematik zuzulassen, weil die bisherigen Lösungen der Mathematik ein Zeichen „weißer Vorherrschaft“ seien und Schüler nicht-weißer Herkunft durch diesen Imperialismus der Zahlen benachteiligt und die Bildungspläne zu Mathematik „strukturell rassistisch“ seien. Die Aufweichung mathematischer Standards sollte schon hier dem Antirassismus dienen, jetzt wird das Lesen und Schreiben ebenfalls von Rassismus bereinigt.

„Es ist wahrscheinlich die übelste
und auch perfideste Form echten Rassismus,
wenn man Nicht-Weißen intellektuell weniger abverlangt,
weil man ihnen weniger zutraut, als sich selbst
und das Ganze zur Krönung auch noch als Wohltat tarnt.“

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Alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, läuft derzeit Gefahr, „rassistisch“ zu sein. Egal ob Gesetze, Naturwissenschaft, Rechenaufgaben, „Mohren-Apotheken“, Karnevals-Kostüme oder gar Mahlzeiten. In Deutschland macht parallel die „rassistische Currywurst“ medial Karriere. Nein nicht jene, die es jetzt in den Werks-Kantinen von VW nicht mehr geben soll, dort nicht aus rassistischen, sondern aus veganen Gründen. Der Rassismus der Currywurst wurde von einer indischen „Foodbloggerin“ aufgedeckt. Ein Berufsstand, der nur in imperialistisch-weißen Wohlstandsgesellschaften existiert, wo Menschen sich erlauben können, statt zu essen, hauptberuflich einzelne Zutaten ihrer Mahlzeiten in Abhandlungen zu problematisieren. Sie formulierte jedenfalls die These, die Verwendung des Wortes „Curry“ sei irreführend und rassistisch, weil eine reine Erfindung der „Weißen“, wo doch echte Kenner wissen, dass die indische Küche deutlich vielfältiger sei, als dieser undifferenzierte Sammelbegriff. Mehr Diversity beim Curry wagen! Nieder mit dem weißen Imperialistencurry!

Doch zurück nach Oregon: Hält man dort Minderheiten für dümmer? Es ist wahrscheinlich die übelste und auch perfideste Form echten Rassismus, wenn man Nicht-Weißen intellektuell weniger abverlangt, weil man ihnen weniger zutraut, als sich selbst und das Ganze zur Krönung auch noch als Wohltat tarnt.

Frauenquoten nivellieren die Anforderungsprofile

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Die Nivellierung von Standards als politisch korrektes Antidiskriminierungsmerkmal ist eine Argumentationslinie, die bereits bei der Frauenquotenpolitik hinlänglich bekannt ist. Man senke die Zugangsvoraussetzungen, damit alle mitspielen dürfen und keiner durch Defizit an Intellekt oder Leistung ausgegrenzt wird. Nichts zementiert jedoch den viel zitierten „strukturellen Rassismus“ aber auch jenen des „strukturellen Sexismus“, den man vorgibt zu bekämpfen, mehr, als ein Gesetz, das den angeblich Benachteiligten eine Sonderbehandlung zukommen lässt und sie damit in der ewigen Opferposition festnagelt.

Es liegt im Wesen einer überbordenden Identitätspolitik, dass der Strom der Opfer niemals abreißen darf. Das Phänomen ist hinlänglich bekannt aus Sozial- und Geschlechterpolitik. Die strukturelle Institutionalisierung der Opfer ist Selbsterhaltung einer Helferindustrie. Es darf nicht besser werden, zu viele Weltenretter verlieren dann ihren gutbezahlten Job. Der Gutmensch braucht den stetigen Nachfluss an Opfern, denen er helfen kann, damit er sich gut fühlt. Bravo! Wie vorbildlich und barmherzig und natürlich auch mutig und ehrenwert.

Jetzt erreicht das Helfersyndrom den Bildungssektor. Der höchste Grad der Toleranz ist wohl die totale Verblödung. Allerdings auf der Seite der selbsternannten Toleranten.

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