Gottbesessenheit

Das Leiden und Sterben Jesu als Sinn der Karwoche ist dem durchschnittlichen heutigen Bewusstsein kaum noch gegenwärtig – diese Woche ist banalisiert als Endspurt vor einem langen Wochenende. Die zeitgenössische Literatur will sich jedoch von dieser religiösen Ungezwungenheit nicht anstecken lassen und bewahrt Spuren der Kartage in ihren Werken, Palimpseste der Moderne. Von Stefan Meetschen
Foto: dpa | Sein Kreuz tragen – wer das aushält, lernt, Leid und Scheitern in sein Leben zu integrieren, was zur Hoffnung kräftigt. Der kann dann das Kreuz in ganz anderer Weise halten denn als bloße Last.
Foto: dpa | Sein Kreuz tragen – wer das aushält, lernt, Leid und Scheitern in sein Leben zu integrieren, was zur Hoffnung kräftigt. Der kann dann das Kreuz in ganz anderer Weise halten denn als bloße Last.

Kaum mehr als fünfzig, sechzig Jahre sind vergangen, seit in weiten Teilen des Nachkriegsdeutschlands die Karwoche noch als Zeit der öffentlich spürbaren Stille und Trauer begangen wurde: Festlichkeiten, Vergnügungen, Unterhaltung – während der letzten Woche der Fastenzeit war dafür kein Platz in einer weitestgehend christlich sozialisierten Gesellschaft. Die Schrecken des Krieges, persönliche Todes- und Verlusterfahrungen halfen mit, das für diese Phase gebotene Lebensgefühl der Klage und des Kummers (althochdeutsch: kara) zu erhalten, zu kultivieren.

Heute, ein halbes Jahrhundert später, wirkt die damals weitverbreitete religiöse Mentalität und Sitte wie ein Relikt aus einer fernen Welt, hinweggefegt im Ostereierhagel des Zeitgeistes, im hektischen Chorgesang der neuen Medien und der Spaßgesellschaft. Die Kirche ist nicht mehr Volkskirche, sondern Kirche im Volk, und ihre gefährdeten Bräuche und Feste werden nur noch von wenigen gelebt, verstanden und weitergereicht. Auch in der Kirche selbst scheint die Wahrnehmung und Erfahrung der vollen Dimension des Leidens und Sterbens Christi gefährdet zu sein.

Zu den wenigen Interpreten und Kennern der Karwoche (und der in sie eingeschriebenen menschlichen Tragik) gehören heute interessanterweise einzelne Schriftsteller, in deren Werken immer wieder Anklänge an die Zeit zwischen dem Palmsonntag und den eigentlichen Kar-Tagen, dem Gründonnerstag, dem Karfreitag und dem Karsamstag, dem „längsten aller Tage“ (George Steiner), zu finden sind. Was nicht automatisch bedeutet, dass diese Autoren im strengen Sinne gläubig sein müssen. Oft (und anders als bei Mel Gibsons „Passion“-Film) ist es ein freies literarisches Spiel mit Motiven und Metaphern aus der Karwoche, die in schöpferischer Neugestaltung auftreten. Religiöse Palimpseste der Moderne, psychologische Erfahrungsmuster vor biblischem Hintergrund.

Zu sehen ist das beispielsweise im Werk des niederländischen Schriftstellers Cees Nooteboom, Jahrgang 1933 und Klosterschüler, der bereits in seinem zweiten Roman, „Der Ritter ist gestorben“ (1963), den Helden seiner Geschichte, der sich auf den Spuren seines verstorbenen Schriftstellerfreundes Andre Steenkamp befindet, in tiefe Betrübnis fallen lässt und diese Situation mit dem Bachschen Petrus-Zitat aus der Matthäus-Passion bilanziert: „Und weinte bitterlich.“ Auch in Nootebooms Roman „Rituale“ (1980) taucht dieses Zitat ironisch gebrochen auf: „Und weinte bitterlich, aber kurz.“ Es ist die Geschichte von Philip Taads Freitod, die von Nooteboom durchgängig mit der Leidensgeschichte Christi assoziiert wird. Als es Philip Taads gelingt, die lang ersehnte Teeschale zu erwerben, hebt er sie „wie bei einer Weihehandlung“ in die Höhe mit einer Geste, die seinen bevorstehenden Tod zunächst mit dem letzten Abendmahl und schließlich mit dem Sühneopfer Christi in einen Kontext stellt. Inni Wintrop, der sich zu Philip Taads verhält wie Petrus zu Christus, bemerkt dazu: „Sobald Opfer gebracht werden mussten, war man doch schon wieder auf Golgatha angelangt, und dieser Taads konnte offenbar nicht erlöst werden, ohne jemanden zu schlachten, und wäre es er selbst.“

Auch bei den deutschen Schriftstellern Arnold Stadler, Jahrgang 1954, und Ralf Rothmann, Jahrgang 1953, ziehen sich Motive der Kar-Zeit durchs Oeuvre, wobei dies vor allem darauf zurückzuführen ist, dass beide katholisch aufgewachsenen Autoren eine Vorliebe für Protagonisten haben, die – vordergründig betrachtet - scheitern.

Stadlers Held in seinem bekanntesten Roman „Ein hinreißender Schrotthändler“ ist ein frühpensionierter Geschichtslehrer und „promovierter Träumer“, dessen Ehe mit einer hanseatischen Chirurgin ebenso aus den Angeln läuft, wie der Versuch einer bürgerlichen Existenzweise. Zurückgekehrt aus Köln in die heimatliche Bodensee-Region, zeigt sich jedoch, dass auch die Rituale des einst prägenden Katholizismus offenbar keinen Trost mehr spenden können. Auch von Abraham a Sancta Clara, dem aus Kreenheinstetten stammenden Bußprediger des 17. Jahrhunderts, ist für den Lehrer kein erlösendes Wort mehr zu erwarten. Er bleibt allein mit religiösen Rudimenten, verlassen von Freunden und letzten Hoffnungsschimmern zurück.

Kaum besser ergeht es dem Kameramann Simon DeLoo, dem Protagonisten in Ralf Rothmanns „Hitze“-Roman, der nach dem Tod seiner Lebensgefährtin als Hilfskoch und Fahrer in einer Großküche in Berlin-Kreuzberg arbeitet. Wobei dank der neorealistischen Erzählweise Rothmanns jedes Detail des Alltags eine tiefere Bedeutung erfährt, somit auch der Name des Stadtteils kein zufällig gewählter ist: Kreuz-Berg, was ebenfalls – wie bei Nooteboom – auf Golgatha verweist. DeLoo tut alles, um den Menschen, denen er begegnet, zu helfen, er liebt sie, er hört zu, er beobachtet, doch am Ende bleibt ihm nur die Einwilligung in den Tod. „Gelassen im Schmerz“ und „wohlauf“, wie Rothmann mit fast schon christlich-meditativer Gelassenheit konstatiert, stirbt DeLoo. Sein Hinscheiden wird von rätselhaften Geräuschen und plötzlicher Dunkelheit begleitet. Dramaturgische Elemente, die an die Kreuzigung Jesu erinnern. Erinnern können, wenn der Leser mit den Evangelien vertraut ist, wie der Ruhrgebiets-Katholik und gelernte Maurer Ralf Rothmann, der über seine Protagonisten einmal gesagt hat: „Das erbärmliche Scheitern der Figuren ist für mich nur ein vordergründiges Scheitern. Gibt es jemanden, der grandioser gescheitert ist als Jesus?“

Was wohl sagen soll: Die wirklichen existenziellen Siege auf der Ebene des Menschlichen wie des Göttlichen vollziehen sich versteckt, verborgen, sogar als äußerliches Gegenteil dessen, was in der Gesellschaft gemeinhin beklatscht und bewundert wird. Ist es dies, was moderne Schriftsteller und solche früherer Zeiten fast schon magnetisch zum bitteren Leiden, Sterben und vermeintlichen Scheitern Jesu gezogen hat? Ein unbewusstes Erspüren dieser tieferen Wahrheit? Aus Sicht des Philosophen und Literaturwissenschaftlers George Steiner liegt die Ursache für die häufige Verbindung von Religion und Literatur jedenfalls in der „unausrottbar im Menschen“ pochenden Frage: „Gibt es Gott oder nicht? Gibt es eine Bedeutung des Seins oder nicht?“ Die „Gottbesessenheit“ großer Künstler, so Steiner, wurzele im „Mysterium“ der menschlichen Existenz überhaupt: in einer Existenz des Schmerzes und des Todes. Solange der Mensch in einem paradiesischen Zustand leidlos und versöhnt mit sich und Gott gelebt habe, habe es „vermutlich keinen Bedarf für Bücher oder Kunst“ gegeben. Erst mit dem Bewusstsein des Todes komme ein Ernst des Fragens auf, der „letztlich religiös“ sei. Großen Kunstwerken sogar „Transzendenzcharakter“ verleihe. Was im Falle von Leonardo da Vincis „Letztem Abendmahl“ leicht nachvollziehbar ist, auf dem Feld der Literatur vielleicht auch hinsichtlich Patrick Roths Christus-Trilogie „Resurrection“, in welcher im zweiten Teil die Erhebung aus der Todestrauer in die Auferstehungsdimension angedeutet und im dritten Teil sogar vollzogen wird. Nach Lebensbeichte, Zweifel und „Seelenrede“.

Die Karwoche mit all den jahrhundertealten Bräuchen wie Kruzifix-Verhüllung, Zuklappen der Flügelaltäre, Ratschen und Klappern statt Geläut muss man somit wohl als die religiöse Repräsentation der „Conditio humana“ schlechthin verstehen, als sinnlich stimmige Zeit der Entsinnlichung, des Mitleidens, der ultimativen Solidarität mit einem Sterbenden, der das Bildnis jedes Menschen trägt – wenn man sich denn diesen erhöhten Blick, diese metaphysische Fragestellung noch erlaubt. Aus Sicht des Schriftstellers Botho Strauß jedenfalls ist es gerade ein Hauptelend der gegenwärtigen Konsumgesellschaft, dass bei den meisten Individuen die religiöse Glaubensfrage früherer Generationen zur verzweifelten Identitätssuche herabgesunken sei. Es „schmerzt jedesmal“, so Strauß bereits in seinem vor fast dreißig Jahren veröffentlichten Buch „Paare, Passanten“, „wenn man die inbrünstige Phrase von der Identität hört, der Anklang an Gott bzw. der Missklang der Selbstvergottung, die das kleine, das freie und armselige Subjekt sich herausnimmt“.

Einer derartig schwächlichen Gesellschaftsmentalität des egomanischen Identitäts-Karnevals setzt Strauß eine Ästhetik der Restauration, eine aktive Aneignung des intellektuellen und religiösen Erbes entgegen. „Kaum bedarf die Literatur jetzt der Kräfte des Chaos. (...) Menschenklugheit hätte an ihre Stelle zu treten.“ Die wenigen Dichter, „die der Allgemeinheit Kraft spenden“, müssten „Durchdrungene sein, nicht Durchschauer“. Wobei Strauß betont, dass ihm das christliche Erbgut näher steht als die Mythologien der Hopi-Indianer.

Doch kann man allein von der Betrachtung der Karwoche, der Kar-Erfahrung als literarischem Sujet bis zur christlichen Transzendenz, zur Auferstehung durchdrungen werden? Hat Nooteboom nicht gerade deshalb Bachs Version der Leidensgeschichte bevorzugt, weil sie entgegen den Evangelien und Patrick Roths Trilogie nicht mit der Auferstehung und Himmelfahrt Christi endet, sondern mit dessen Tod: „Wir setzen uns in Tränen nieder“? Braucht große Literatur also Tragik und Versagen anstelle von gutgemeinter Tröstung? Vermutlich schon. Allein aus Gründen der fiktionalen Glaubwürdigkeit, des Realismus, weil – ähnlich wie bei Jesus in Gethsemane – die Kelche des Lebens eben nicht immer an einem vorbeigehen. Zumal sich aber auch bei einem christlich inspirierten, resignativen Schluss ahnen lässt, dass dies noch nicht die ganze Wahrheit ist, dass die Wahrheit des Karfreitags eine Wahrheit in der Schwebe ist. So wie Romano Guardini das „Wesen des Kunstwerks“ darin sah, etwas voraus zu entwerfen, was noch nicht da ist. „Hinter jedem Kunstwerk öffnet es sich gleichsam. Etwas steigt auf. Man weiß weder, was es ist, noch wo, aber man fühlt im Innersten die Verheißung.“

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