Für Houellebecq ist der Westen eine erschlaffte Gesellschaft

Romanverfilmung: Regisseur Titus Selge und Produzent Clemens Schaeffer zu "Unterwerfung". Von José García
Filmszene "Unterwerfung"
Foto: rbb

Wie kamen Sie auf das von Ihnen eingesetzte, sehr eigenwillige Format – Mischung aus Theateraufführung, Spielfilmszenen und Dokumentarbildern?

Titus Selge: Durch den Stoff. Ich habe die Aufführung mit meinem Onkel Edgar Selge am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg gesehen. Vermutlich fühlte ich mich auch deshalb angesprochen, weil die Hauptfigur in etwa in meinem Alter ist – ich hatte also nicht nur ein politisches, sondern auch ein persönliches Interesse. Mir wurde klar, dass die emotionale Situation dieser Figur eine Metapher für den gesellschaftlichen Zustand der liberalen Demokratien im Westen ist. Obwohl ich die Theateradaption sehr gelungen finde, geht auf der Bühne notgedrungen eine Intimität verloren, die sich im Roman durchaus findet, und die im Film darstellbar ist. Daraus entstand die Idee, beides zu kombinieren.

Brisant an Roman und Film ist, dass zu Beginn der muslimische Politiker Ben Abbes sehr gemäßigt ist ...

Titus Selge: Im Roman wird er als freundlicher Humanist beschrieben. Michel Houellebecq wurde häufig gefragt, ob der Roman islamkritisch sei. Aber im ganzen Buch gibt es keine einzige Kritik am Islam. Im Gegenteil. Wenn man selber eine kritische Meinung zum Islam hat, dann empfindet man Houellebecqs Stil möglicherweise als ironisch.

Wird da nicht eher der Westen kritisiert, der so individualistisch geworden ist, dass jeder nach dem Motto verfährt: „Solange es mir gut geht, kann ich Muslim, Christ oder Buddhist sein“?

Titus Selge: Das ist auch der Effekt der Inszenierung: In der Pause und nach der Aufführung reden die Zuschauer darüber: „Man müsste mehr tun, um die westlichen Werte zu verteidigen.“ Wenn überhaupt eine Gefahr besteht, dann die Verweichlichung, die Schwäche der liberalen Demokratie gegenüber dem Islam. Aber Houellebecq zeigt nicht mit dem Finger darauf. Er erzählt eine Geschichte, und regt zum Nachdenken an. Man muss sich schon die Mühe machen, sich selbst zu befragen.

Clemens Schaeffer: Nach meinem Verständnis beschreibt Michel Houellebecq kritisch den Zustand unserer Gesellschaft, in der Menschen entweder keine Haltung haben, oder bereit sind, ihre Haltung für ein paar Vorteile einzutauschen, da sie keine Prinzipien mehr haben und ihnen die Werte, die unser Zusammenleben prägen, zunehmend gleichgültig werden. Es geht Michel Houellebecq um eine Zustandsbeschreibung unserer Gesellschaft. Die Schlaffheit des Protagonisten François, der sich mit seiner festen Stelle an einer der angesehensten Universitäten Europas gemütlich eingerichtet hat und der keinerlei Ambitionen mehr hat, steht prototypisch für die Schlaffheit unserer Gesellschaft.

Eine ganz markante Figur ist der Universitätspräsident Robert Rediger. Ist er ein Zyniker?

Titus Selge: Er ist ein Opportunist. Im Roman wird das sogar noch deutlicher, weil er als ehemaliges Mitglied der Identitären Bewegung beschrieben wird. Das ist sehr geschickt gemacht: Ein ursprünglich Rechter hat kein Problem damit zu konvertieren, wenn es für ihn angenehmer ist.

Clemens Schaeffer: Da in der neuen politisch-gesellschaftlichen Situation die Konversion eine Voraussetzung für sein Amt als Präsident der Universität ist, konvertiert Robert Rediger ohne mit der Wimper zu zucken zum Islam. Er schreibt sogar ein Büchlein „10 Thesen zum Islam“, als leichten Einstieg für jeden, der sich mit der neuen Staatsreligion beschäftigen möchte, und freut sich ganz bescheiden über den großen Erfolg der Millionenauflage. Houellebecq überspitzt gerne, nicht nur die Hauptfigur François, sondern auch die anderen Charaktere: den genannten Robert Rediger, die Kollegin an der Uni oder deren Mann, der beim Inlandsgeheimdienst arbeitet. Kein Vertreter der gesellschaftlichen Elite stört sich wirklich daran, dass sich die politischen und gesellschaftlichen Umstände derart rasant und radikal verändern. Sie berauschen sich vielmehr daran, wie es passiert.

„Unterwerfung“. Regie: Titus Selge, Mittwoch, 6. Juni, 20.15 Uhr, ARD, 90 Minuten

Im Januar 2015 veröffentlichte Michel Houellebecq seinen dystopischen, im Jahre 2022 angesiedelten Roman „Unterwerfung“ („Soumission“) über die schleichende Islamisierung in Frankreich. Die Satirenschrift „Charlie Hebdo“ widmete gerade Houellebecq ihre Titelseite, als al-Kaida den Anschlag verübte, bei dem elf Menschen getötet wurden. „Unterwerfung“ erzählt vom Aufstieg des Islamismus in Frankreich in einer nahen Zukunft, weil die bürgerlichen Parteien mit der Partei des charismatischen, sich liberal gebenden Ben Abbes ein Bündnis eingehen, um den Wahlsieg des rechten Front National zu verhindern. Nach dem Wahlsieg ändert sich jedoch Ben Abbes' Haltung: Er führt die Scharia, das Patriarchat und die Polygamie ein. Frankreich ist kein laizistisches Land mehr.

Titus Selge hat den Roman fürs Fernsehen adaptiert, wobei er ein originelles Format verwendet: Rahmenhandlung ist die Theaterinszenierung von Karin Beier am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg als One-Man-Show mit François (Edgar Selge), der Hauptfigur im Roman. Der mittvierziger Literaturdozent mag guten Wein und junge Frauen, vorwiegend Studentinnen.

Nach Ben Abbes' Sieg und der Umwandlung der Pariser in eine Islamische Universität wird François vor die Wahl gestellt, zu konvertieren oder pensioniert zu werden. In die Rahmenhandlung werden Spielszenen eingestreut, beispielsweise mit François' Geliebter Myriam (Alina Levshin), die als Jüdin mit ihrer Familie Frankreich verlässt, insbesondere aber mit Robert Rediger (Matthias Brandt), dem Präsidenten der „islamischen Universität Paris Sorbonne III“.

Dazu kommen noch Dokumentaraufnahmen von Krawallen in Hamburg. Das Ergebnis ist ein Fernsehfilm, der über die Lage einer „erschlafften“ Gesellschaft und ihre künftigen Probleme zum Nachdenken anregt. J.G

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