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Friedrichs Landschaften gibt es noch heute 

Im Pommerschen Landesmuseum Greifswald widmet man sich vor allem dem großen Sohn der Stadt, Caspar David Friedrich.
Caspar David Friedrich, Greifswalder Marktplatz mit der Familie Friedrich im Jahr 1818; Feder mit Aquarell.
Foto: R. Thiede | Caspar David Friedrich, Greifswalder Marktplatz mit der Familie Friedrich im Jahr 1818; Feder mit Aquarell.

Seine Geburtsstadt Greifswald würdigt Leben und Werk des großen Romantikers seit Kurzem in besonderer Weise: Caspar David Friedrich. Mit der neuen „Galerie der Romantik“ im Pommerschen Landesmuseum hat auch der Qualitätstourismus an der Ostsee eine neue Attraktion. Friedrichs erhaltenes Werk umfasst etwa 240 Ölgemälde, rund 800 Zeichnungen sowie circa 200 Aquarelle, Gouachen und Sepien. Diese Zählung geht wesentlich auf die jahrzehntelange Forschungsarbeit des Kunsthistorikers Helmut Börsch-Supan zurück. Der inzwischen über neunzigjährige Börsch-Supan aus Berlin hat die Eröffnung der neuen Galerie zum Anlass genommen und sein wissenschaftliches Archiv über den Künstler – fast sieben Jahrzehnte Forschungen – dem Greifswalder Museum vermacht. Ein Friedrich-Gemälde aus seinem Besitz soll künftig ebenfalls in die Ausstellung integriert werden. 

Friedrich war kein Maler spektakulärer Ereignisse. Seine Kunst lebt von Stille, Einsamkeit und Konzentration. Menschen erscheinen bei ihm meist klein, oft von hinten – als betrachtende Figuren vor der Größe der Natur. In dieser stillen Betrachtung liegt eine zutiefst religiöse Dimension. Für ihn war die Natur ein Ort der Offenbarung. Gott zeigte sich nicht in dramatischen Wundern, sondern im Licht des Himmels, im Nebel eines Morgens, im Schatten einer Ruine oder im Schweigen eines Waldes. 

Der Anfang in Greifswald 

Der Rundgang durch die Galerie beginnt mit einem sehr persönlichen Blick auf den Künstler. Zu sehen ist das Werk: „Greifswalder Marktplatz mit der Familie Friedrich“ aus dem Jahr 1818, eine feine Federzeichnung mit Aquarell. Das Bild zeigt den zentralen Platz der Stadt mit seinen Brüdern und anderen Familienmitgliedern. Hier wird sichtbar: Friedrich blieb innerlich immer mit seiner Heimat verbunden. Obwohl er später in Dresden lebte, dort arbeitete und verstarb, blieb Pommern seine geistige Landschaft. Auch mehrere Zeichnungen aus Greifswald und der Umgebung gehören zu den bedeutenden frühen Motiven des Künstlers – darunter Ansichten der Stadt, der Küste und der berühmten Klosterruine Eldena, die später zu einem zentralen Motiv seines Werkes wurde.

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Ein besonderes Werk der neuen Ausstellung ist das Gemälde „Ruine Eldena im Riesengebirge“. Das Motiv verbindet zwei Landschaften: die pommersche Klosterruine Eldena und eine imaginierte Gebirgslandschaft. Solche Kombinationen waren typisch für Friedrich. Kirchenruinen tauchen in vielen Bildern Friedrichs auf. Sie stehen für den Verfall der irdischen Welt – und zugleich für die Hoffnung auf eine jenseitige Vollendung. Für eine christliche Deutung liegt hier ein tiefer Gedanke verborgen: Das Sichtbare vergeht, doch das Unsichtbare bleibt. Friedrich selbst formulierte einmal: „Der Künstler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht.“ Viele Besucher erkennen Friedrich sofort an einem berühmten Bildmotiv: der einsamen Figur, die in eine weite Landschaft blickt. Diese Motive tauchen auch in Zeichnungen und Studien auf, die in einem kleinen Grafik-Kabinett mit wechselnden Exponaten gezeigt werden. Es können Landschaftsstudien, Figurenentwürfe und Studien zu Motiven wie Küsten, Bäumen und Ruinen sein. Oder wie aktuell Werke seiner Verwandten. 

Besonders bekannt sind Friedrichs Darstellungen der Ostsee – wie die „Kreidefelsen auf Rügen“ oder „Mönch am Meer“. Zwar befinden sich diese weltberühmten Gemälde heute in anderen Museen, doch ihre geistige Atmosphäre ist auch in den hier gezeigten Arbeiten spürbar. Die Ostsee wurde für Friedrich zum Sinnbild der Unendlichkeit. Der Horizont, an dem Meer und Himmel ineinander übergehen, wird bei ihm zu einem Bild der Ewigkeit. Mitten im Raum steht eine Gipsbüste des Künstlers aus dem Jahr 1806, geschaffen von seinem Freund, dem Bildhauer Christian Gottlieb Kühn. Das Porträt zeigt Friedrich mit ernstem Blick und markanten Gesichtszügen. Es erinnert daran, dass hinter den poetischen Landschaften ein Mensch stand, der von tiefen persönlichen Erfahrungen geprägt war. 

Der Tod begleitete Friedrich früh. Vier seiner Geschwister starben bereits in jungen Jahren. Besonders tragisch war der Tod seines Bruders, der beim Versuch, den jungen Caspar aus einem zugefrorenen See zu retten, selbst ertrank. Solche Erfahrungen hinterließen Spuren im Werk des Malers. Der Gedanke an Vergänglichkeit – aber auch an Erlösung – zieht sich durch viele seiner Bilder. 

Freunde und Weggefährten der Romantik

Die Galerie zeigt nicht nur Werke Friedrichs, sondern stellt ihn in den Kontext seiner Zeit. Zu sehen sind Arbeiten bedeutender Künstler der romantischen Landschaftsmalerei. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel sind Werke von Carl Gustav Carus (1789–1869). Seine Bilder zeigen unter anderem italienische Landschaften – etwa den Golf von Neapel mit dem rauchenden Vesuv, das tiefblaue Meer und Fischerboote mit roten Mützen tragenden Männern. Friedrich selbst reiste nie nach Italien. Während viele Künstler seiner Zeit die klassische Landschaft des Südens suchten, blieb er dem Norden treu. 

Auch Werke anderer Landschaftsmaler sind vertreten, etwa von Philipp Otto Runge oder Johann Christian Klengel. Ein Gemälde Blechens, „Waldweg am Wasser“ aus der Zeit um 1835, zeigt bereits eine freiere, dramatischere Auffassung von Natur. Blechen hatte 1823 in Dresden den norwegischen Maler Johan Christian Dahl besucht, der mit Friedrich befreundet war und zeitweise im selben Haus an der Elbe wohnte. So entsteht in der Ausstellung ein Netzwerk romantischer Künstler. Am Beginn des Rundgangs steht eine moderne Installation. Unter dem Titel „AD LUMEN – Ausblicke ins Unendliche“ hat das Berliner Kollektiv ART & COM eine Lichtinstallation geschaffen, die Besucher auf poetische Weise in die Welt der Romantik einführt. Generative Bilder, bewegtes Licht und kinetische Elemente erzeugen eine Atmosphäre der Weite. Das lateinische Wort lumen bedeutet „Licht“. 

Und tatsächlich ist Licht eines der zentralen Themen Friedrichs. Seine Sonnenuntergänge, Mondlandschaften und Morgenstimmungen sind immer auch Bilder eines geistigen Lichtes – einer Hoffnung über die sichtbare Welt hinaus. Greifswald besitzt eine bedeutende Sammlung von rund 60 Zeichnungen und Druckgrafiken Caspar David Friedrichs. Diese Werke sind allerdings wegen ihrer Lichtempfindlichkeit gut geschützt im Depot und werden nur hin und wieder präsentiert. An ihnen lassen sich Friedrichs Arbeitsprozesse besonders gut nachvollziehen: Studien von Bäumen, Felsen, Küsten oder Architekturfragmenten zeigen, wie sorgfältig er Natur beobachtete. Er sammelte Motive wie Bausteine – und setzte sie später im Atelier zu neuen, oft symbolischen Landschaften zusammen. 

Franziskanerkirche und Religiöse Objekte

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Neben Gemälden und Zeichnungen zeigt die Ausstellung auch kulturhistorische Objekte. Dazu gehört eine Totenkrone aus dem 18./19. Jahrhundert. Solche Kronen wurden Kindern bei Bestattungen mit ins Grab gegeben – als symbolischer Ersatz für die Brautkrone, die sie im Leben nie tragen konnten. Die Totenkrone ist in einer Glasvitrine zu sehen – an einem Ort, der selbst Geschichte trägt. Hier befand sich einst der Chor einer Franziskanerkirche, deren Kapelle mit ihren acht Metern Höhe noch immer eine eindrucksvolle räumliche Wirkung besitzt. Die Architektur der Kapelle – mit ihrem Spiel von Licht und Schatten – erinnert fast an eine gemalte Landschaft Friedrichs mit Weite und Enge.  Nach dem Abriss der Franziskanerkirche im Jahr 1789 entstand hier eine Schule, entworfen vom Architekten Johann Gottfried Quistorp. Er war zugleich der erste Zeichenlehrer Caspar David Friedrichs. Hier lernte der junge Greifswalder die Grundlagen der Kunst – lange bevor er später in Dresden zu einem der bedeutendsten Maler Europas werden sollte. 

Biografische Spuren 

In der Ausstellung werden immer wieder Bezüge zur Friedrich-Familie hergestellt. Zu sehen ist etwa eine Familienbibel seines Bruders, in der Geburten, Hochzeiten und Todesfälle eingetragen wurden. Solche Bibeln waren im 18. und frühen 19. Jahrhundert zugleich religiöses Buch und Familienchronik. Ein weiteres Objekt ist ein Druckstock aus Holz, der eine alte Frau mit Katze am offenen Feuer zeigt – ein Werk aus der Werkstatt seines Bruders. Auch ein Tabaksbeutel und eine Lichtschere gehören zu den Alltagsgegenständen jener Zeit. Sie machen deutlich, in welcher Welt Friedrich lebte – einer Welt zwischen Handwerk, bürgerlichem Leben und tiefer Frömmigkeit. Nach Friedrichs Tod im Jahr 1840 verschwand sein Werk zunächst fast komplett aus dem öffentlichen Bewusstsein. Er galt vielen als kunsthistorische Randfigur. Erst die berühmte „Jahrhundertausstellung“ von 1906 in der Berliner Nationalgalerie führte zur Wiederentdeckung seines Werkes. Zum 250. Geburtstag im Jahr 2024 hatten ihm Museen von Hamburg über Berlin und Dresden bis New York große Ausstellungen gewidmet. 

Am Ende der Ausstellung betritt der Besucher einen dunklen Raum mit einem großen Bildschirm. Hier wird eine moderne Installation gezeigt, die Friedrichs Bilder mit aktuellen Landschaftsfotografien aus Mecklenburg-Vorpommern verbindet. Diese Gegenüberstellung zeigt: Die Landschaften, die Friedrich inspirierten, existieren noch immer. Und vielleicht entdecken Besucher hier etwas, das auch Friedrich immer wieder selbst bewegte – die Erfahrung von stiller Weite mit einem Hauch von Ewigkeit. 

Info: Pommersches Landesmuseum Greifswald; Galerie der Romantik, Rakower Straße 9; 17489 Greifswald; Öffnungszeiten: Dienstag – Sonntag 10–18 Uhr; Montag geschlossen; www.pommersches-landesmuseum.de.


Der Autor ist Historiker und schreibt zu Kunst und Kultur in Ost- und Mitteldeutschland.

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