Fernseh-Kritik

Reißerisches über den Missbrauch in der Kirche. Von Tobias Grünwald

Missbrauch in der Kirche steht weiterhin im Fokus der Öffentlichkeit. Nachdem bereits Anfang März „Arte“ die Dokumentation „Hinter dem Altar – Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche“ ausstrahlte (DT vom 1. März), folgt nun auf ZDFinfo am Mittwoch kommender Woche ein weiterer Film mit dem Titel „Das Schweigen der Hirten – Missbrauch in der Kirche“.

Bereits im Anfangssatz wird der reißerische Ton der „Dokumentation“ deutlich: „Die katholische Kirche, eine multinationale Organisation mit einem dunklen Geheimnis: Pädophile“. Ein französisches Journalisten-Team reist um die Welt, um die Theorie zu untermauern, die Kirche setze bei der Verschleierung von Missbrauchsfällen auf eine „geografische Lösung“. Diese bestehe darin, dass „Täter systematisch geschützt und in andere Länder“ insbesondere nach Afrika und Lateinamerika versetzt würden. Die Methode wirkt allerdings aus mehreren Gründen nicht besonders seriös: Einerseits zeigen die Autoren eine Datenbank einer Missbrauchsopfer-Organisation namens SNAP in den Vereinigten Staaten, die mehr als 4 400 Priester auflisten soll. Im Missverhältnis dazu kommen sie auf lediglich 95 Täter, für die seit 1990 ihre Oberen „die geografische Lösung“ angewandt haben sollen.

Die Umsetzung der „Null-Toleranz“, die Benedikt XVI. ausgerufen und Franziskus immer wieder bekräftigt, so beispielsweise als er im Juni 2016 die Regeln für Bischöfe verschärfte, die einem Verdacht auf sexuellem Missbrauch in ihrem Bistum nicht ausreichend nachgehen, wird mit keinem Wort erwähnt. Die Journalistin Elise Lucet fragt etwa Pater Hans Zollner, der zur Päpstlichen Kommission für den Schutz von Minderjährigen gehört, ziemlich harsch nach den Kardinälen im vatikanischen Beratergremium. Als Pater Zoller ihr sagt, dass sich Kardinal Pell verpflichten wird, mit der Justiz zu kooperieren, unterbricht sie ihn: „Sie sagen, er wird. Das ist Zukunft“. Eigenartig, dass diese Passage aus der Dokumentation nicht herausgenommen wurde, nachdem dies eben keine Zukunft mehr ist, sondern gegen Kardinal Pell in Australien bereits ein Prozess eröffnet wurde.

Eigenartig mutet etwa an, dass der Priester Joannes Rivoire, der bereits im Jahr 1998 in Kanada Kinder missbraucht haben soll und seitdem mit Internationalem Haftbefehl gesucht wird, von den Journalisten ziemlich einfach aufgespürt wird. Denn Rivoire lebt unbehelligt in einem Kloster in Straßburg. Hier – wie in anderen Fällen – setzen die französischen Journalisten eine versteckte Kamera ein. Die letzten zehn Minuten widmet die Dokumentation dem Vorwurf, als Erzbischof von Buenos Aires habe Papst Franziskus den inzwischen rechtskräftig verurteilen Ordenspriester Julio Cesar Grassi geschützt und dabei die Justiz beeinflussen wollen.

Elise Lucet konfrontiert den Papst bei einer Generalaudienz damit, als Franziskus an ihr vorbeikommt. Die Dokumentation verschweigt aber Stimmen, die den Papst in dieser Frage entlasten. So schrieb etwa Juan Ignacio Fuentes, Mitglied des argentinischen Rates für Katholische Erziehung Consudec und Experte im Kampf gegen sexuellen Missbrauch Minderjähriger in „La Nación“ im März 2017: „Im Fall Grassi haben weder Bergoglio noch die argentinische Kirche auf die Justiz Druck ausgeübt. Überhaupt nicht. Ich denke, die Ermittlungen standen im Rampenlicht der Medien und waren strittig – aber auch ganz frei.“

„Viele Bischöfe und andere Geistliche begreifen die Gewalttätigkeit des sexuellen Missbrauchs eines Kindes einfach nicht“, äußert sich Pater Stéphane Joulain, Priester und Therapeut, in der Dokumentation. Ob dies nach so vielen Jahren Kampf gegen dieses abscheuliche Verbrechen noch so pauschal behauptet werden kann, sei dahin gestellt. Sexueller Missbrauch von Minderjährigen ist nicht nur ein schweres Verbrechen. Er raubt den Opfern die Zukunft und auch den Glauben. Diese Sünde schadet darüber hinaus insgesamt der Kirche. Deshalb ist jede Aufklärung willkommen – solange sie fair vorgetragen wird.

„Das Schweigen der Hirten – Missbrauch in der Kirche“. Film von Martin Boudot. ZDFinfo, Mittwoch, 16. Mai 2018, 20.15 Uhr, 45 Minuten

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