Emotionen in Farbe und Licht

Amsterdam gibt eine umfangreiche Übersicht über Rembrandt van Rijns Spätwerk. Von Sylvia Brück
Foto: Brück | Rembrandt: Die drei Kreuze, Kaltnadel, in der dritten Fassung von 1653.
Foto: Brück | Rembrandt: Die drei Kreuze, Kaltnadel, in der dritten Fassung von 1653.

Rembrandts späte Bilder wirken aus der Nähe wie mit der Maurerkelle angeworfen, ätzt Arnold Houbraken in seiner 1718 veröffentlichten Biografie des Malers. Milder konstatiert er: „Was seine Malweise angeht (obwohl in vielerlei Hinsicht geringzuschätzen), so muss ich schließen, dass er mit Vorbedacht gehandelt hat (...)“.

Gut 100 Gemälde, Zeichnungen und Radierungen zeigen Rembrandt van Rijn (1606–1669) auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Die in der hochkarätigen Sonderausstellung ausgestellten Werke sind aus den Sammlungen führender Museen und Privatsammlungen in der ganzen Welt zusammengetragen. Gezeigt wird im Rijks Museum Amsterdam in Kooperation mit der Londoner National Gallery ausschließlich das Spätwerk des Malergenies, die Schaffensperiode von 1651/1652 bis 1669. Es handelt sich ausschließlich um Werke, deren Urheberschaft zweifelsfrei ist. Die Sonderausstellung gliedert sich in zehn Themen: Die späten Selbstporträts, Alltagsbeobachtungen, Rivalität unter Künstlern, künstlerische Konventionen, experimentelle Technik, Licht, Intimität, Kontemplation, innerer Konflikt und Versöhnung. Sie vermittelt tiefen Einblick in das weit gespannte Oeuvre eines der herausragenden Vertreter des niederländischen „Goldenen Zeitalters“. Das Besondere: Alle Werke sind in Amsterdam entstanden, in der Stadt, in der der gebürtige Leidener Künstler über 20 Jahre lebte und arbeitete und schließlich verarmt in einem anonymen Mietgrab in der Westerkerk begraben wurde.

Von 1639 bis 1658 wohnte Rembrandt in einem vornehmen Kaufmannshaus in der Sint Anthoniebreestraat, heute Jodenbreestraat. Der gefeierte Maler erwirbt das Domizil für den erklecklichen Preis von 13 000 Gulden auf Raten und zieht mit seiner Ehefrau Saskia, der Cousine seines früheren Arbeitgebers und Kunsthändlers Heinrich Uylenburgh, ein. Im heute nach ihm benannten Haus kommt 1641 sein Sohn Titus zur Welt; sein einziges Kind, dass das Erwachsenenalter erreichen sollte. Während Rembrandt zu einem der bestbezahlten Maler seines Landes avanciert und 1642 „Die Kompanie des Hauptmanns Frans Banning Cocq und Leutnants Willem van Ruytenburch“, bekannt als „Die Nachtwache“, vollendet, trifft ihn ein Schicksalsschlag. Seine Ehefrau Saskia stirbt.

Mit der Auftragsarbeit des Gruppenporträts der Mitglieder einer Amsterdamer Schützengilde eröffnet Rembrandt die zweite Phase des holländischen Naturalismus. Entstanden ist jedoch nicht der vom Auftraggeber gewünschte Aufmarsch, sondern vielmehr ein Gruppenporträt, welches sich von anderen bekannten Gruppenporträts unterscheidet, ihnen sogar entgegensteht. Rembrandt zeigt eine besondere Art des Sehens. Obgleich die Braut und eigentliche Hauptfigur hell erleuchtet sind, konzentriert sich das Sehen auf die Gemengelage um sie herum, ein Durcheinander von Personen. Männer suchen ihren Platz, während deren Anführer, der Hauptmann und der Leutnant, in monumentaler Haltung verharren. Die Schützen füllen den Raum perspektivisch aus. Jedoch Handlungen und Bewegungen wirken exaltiert. Der holländische Museumsdirektor Frederik Schmidt-Degener sah bereits 1906 die unbedingte Verbindung zwischen Biografie und Werk und teilte das Bild in die Zeit vor und nach 1642 ein. Auch Ernst van de Wetering sieht einhundert Jahre später eine Zäsur im Jahr 1642, jedoch argumentiert er, Rembrandt hätte seine Bildsprache zu weit vorangetrieben und somit keinen Ausweg gesehen, als seinen malerischen Ansatz neu zu entwickeln. In dem wunderbaren Hirmer-Katalog zur Ausstellung „Der späte Rembrandt“ zeigen die Autoren Jonathan Bikker und Gregor J. M. Weber eine weitere und durchaus plausible Option, „wonach Rembrandt in einem immer stärker konkurrierenden Kunstmarkt das volle Potenzial seines Ruhmes auszuschöpfen suchte – das, was wir heute sein Markenzeichen nennen würden –, indem er sich auf jene Aspekte seiner Kunst konzentrierte, für die er am berühmtesten war: die phänomenale Wiedergabe von Textur und Licht und seine unglaubliche Gabe der psychologischen Durchdringung“.

1647 zieht Hendrickje Stoffels zunächst als Haushälterin bei Rembrandt ein. Sie übernimmt den Platz Geertje Dircx als Haushälterin und Geliebte. Im Untergeschoss des Museums Rembrandthuis ist die Küche samt Alkoven für das Mädchen nachgebildet worden. Der stattliche Raum war wohl Mittelpunkt des Hauses. Dem erhalten gebliebenen Inventarverzeichnis der Küchenausstattung von 1656 ist zu entnehmen: „Ein Wassertopf aus Zinn, diverse Töpfe und Pfannen, ein kleiner Tisch, einige Regalfächer, ein paar alte Stühle, zwei Kissen.“ Diese Liste entstand, als Rembrandt im Juli gezwungen war, seinen Besitz als Insolvenzmasse unter seinen Gläubigern aufzuteilen. Er schreibt, seine finanziellen Probleme seien „im Handel erlittenen Verlusten sowie Schäden und Verlusten auf See“ zuzuschreiben. Rembrandt stellte die Porträtmalerei fast gänzlich ein; somit versiegte eine wichtige Einkommensquelle. Zum Anderen gab er ein Vermögen für seine exzessive Sammelleidenschaft von Kunst und Kuriosa aus. Heute ist im zweiten Obergeschoss des Rembrandt-Hauses im rekonstruierten Kunstkabinett (De Kunst Caemer) eine ähnliche Auswahl wie zu des Künstlers Lebzeiten ausgestellt.

Rembrandt beherrschte wie kein anderer seiner Zeitgenossen die bereits im 15. Jahrhundert erfundene Kaltnadeltechnik. Ein Schlüsselwerk ist die 1653 entstandene Radierung „Die drei Kreuze“, reproduziert in fünf Zuständen. Von den ersten Drucken entstanden 17 auf exklusivem Pergament. Mit der Anzahl der Abzüge nutzen sich Platte und Grate ab und Bildteile rechts und links wurden deutlich heller. Beim nächsten Zustand überarbeitete er die Komposition, verdunkelte die Flächen rechts und links vom Kreuz, veränderte die Figuren und rang der bereits abgenutzten Platte weitere Abzüge ab. So gibt es insgesamt 53 Abzüge der ersten drei und weitere 78 der vierten Druckplatte. Der lebendige Kontrast zwischen Hell und Dunkel lässt die Radierungen erstrahlen. Ein weiteres prominentes Beispiel für seinen virtuosen Umgang mit der Kaltnadel ist das großformatige Blatt „Christus heilt die Kranken“, bekannt als das „Hundertguldenblatt“ aus dem Jahr 1648. Rembrandt benutzte als Trägermaterial für seine Radierungen auch überaus kostspieliges asiatisches Papier. Hier bleibt die Farbe auf der Blattoberfläche liegen und die warme Sepiatönung des Papiers erzeugt feinste Tonwertabstufungen; ein Effekt, der auch bei den Japanpapierabzügen des „Heiligen Hieronymus in bergiger Landschaft“ (um 1653) zu bewundern ist.

Anrührend ist das Bildnis „Schlafende junge Frau“ (um 1654). Es handelt sich vermutlich um Hendrickje Stoffels. Marijn Schapelhouman charakterisierte in ihrem Katalogbeitrag treffend: „Man sieht auf Anhieb, dass die Zeichnung vollkommen ist. Jede Linie, jede Locke, jede Strähne ist genau so, wie sie sein muss – eine bezwingende Illusion.“ Rembrandt benutzt den Pinsel feucht, für Zwischentöne und Schatten, nach der Art japanischer Kalligrafen. Überhaupt verwendet er in seinen letzten Lebensjahrzehnten meist eine Rietfeder, einen halbtrockenen Pinsel, den bloßen in Tinte getauchten Finger und schließlich für Korrekturen weiße Gouache. Im großen Atelier (Groote Schilder Caemer) sind die Fenster nach Norden ausgerichtet, die Lichtintensität konnte durch die an den unteren Fenstern befestigten Läden und einem weißen Tuch oberhalb der Fenster gesteuert werden. Rembrandt arbeitete Zeit seines Lebens mit zwölf, in seinem Spätwerk manchmal nur mit sechs Pigmenten. Die Porträts wurde abschnittsweise, erst der Hintergrund und dann die Kleidung, gemalt. Diese Vorgehensweise war notwendig, da die immer frisch hergestellte Farbe rasch vertrocknete und somit unbrauchbar wurde. Um eine dickere Farbsubstanz herzustellen, mengte er Kreide oder Bleiweiß bei. Letzteres wurde durch die chemische Reaktion von Essig, Blei und Pferdemist erzeugt. Für einen durchsichtigen roten Glanz verwendete er Kirschbaumharz, eindrucksvoll zu sehen bei dem Gemälde (um 1665) „Isaak und Rebecca“, meist „Judenbraut“ genannt. Hier kratzte er in die noch feuchte Pinselfarbe, um die Falten und Muster in Isaaks Umhang und Überrock plastisch erscheinen zu lassen. Eine weitere Maltechnik, die des Skulptierens mit Farbe, also die reliefartige Erhöhungen mithilfe der Pastiglia-Technik zur dreidimensionalen Wiedergabe, erkennt man an Isaaks goldenem Ärmel. Markierungen des Palettenmessers sind in Isaaks Umhang und auf der rechten Seite von Rebeccas Kleid auszumachen. „Als Vincent van Gogh im Jahr 1885 dies Gemälde erblickte, vertraute er einem Freund an, er gäbe mit Freuden zehn Jahre seines Lebens dafür, mit nichts als einem trocken Brotes in der Hand vierzehn Tag lang vor dem Gemälde sitzen zu dürfen.“ Mit dem Porträt „Die lesende alte Frau“ (um 1655) gelingt Rembrandt eine grandiose Illusion. Eine in einen rötlichen Umhang gehüllte und mit einer dunklen Haube gekleidete alte Frau liest konzentriert in einem Buch. Vermutlich religiösen Inhalts. Vom Buch scheint ein helles, sanftes Licht auszugehen, welches ihr weißes Kleid und ihr Gesicht anstrahlt.

Über 80 Selbstbildnisse existieren von Rembrandt – mehr als von jeden anderen Künstler. Im „Selbstbildnis mit zwei Kreisen“ (um 1665 bis 1669) blickt er so, könnte man meinen, die Betrachter folgender Jahrhunderte an. Schonungslos malt er sich. Seine Züge wirken ein wenig aufgequollen, jedoch ist die Haltung fest und der Blick durchdringend. Die Malerkappe ist mit einigen raschen Pinselhieben aufgetragen. Er allein entschied, wann das Werk vollkommen war. Er wirkt zufrieden.

– „Der späte Rembrandt“, Rijksmuseum, Museumstraat, 1071 CJ Amsterdam, bis 17. Mai täglich von 9.00 Uhr – 17.00 Uhr, Eintritt 17,50 Euro.

– Der Katalog „Der späte Rembrandt“ ist herausgegeben bei Hirmer 2014, 304 Seiten, EUR 40,– Hardcover, EUR 25,–

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