Würzburg

Einkehr zum Wesentlichen

Der Geist überwindet die soziale Distanz: Wie und warum Katholiken ihre religiöse Praxis jetzt neu akzentuieren müssen und können.
Wie und warum Katholiken ihre religiöse Praxis jetzt neu akzentuieren müssen und können.
Foto: Archiv | Monika Metternich ist katholische Publizistin und Autorin.

Corona stellt alle Werte auf den Kopf. „Soziale Distanzierung“ ist das Zauberwort der Stunde. Oder: Wer seinen Nächsten liebt, bleibt ihm fern. So einleuchtend angesichts der geradezu explosionsartigen Verbreitung des bösartigen Virus diese Schlussfolgerung der Vernunft erscheint, das Herz widerspricht so vehement, dass es weh tut. Sind wir nicht alle, ist nicht gerade die Kirche Christi auf Gemeinschaft geradezu existenziell angewiesen? Das Wort eines hochbetagten Verwandten verstärkt die Verunsicherung: „Karwoche und Ostern ohne Messe! Man spürt, dass der große Verwirrer selbst seine Finger im Spiel hat.“ Doch gerade aus dieser Deutung erwächst ein auferbauender Gedanke: Heißt dann nicht die einzig richtige Antwort: „Ich widersage“? Ich widersage der Verzweiflung, der Sorge, der Angst? Ich widersage aber auch dem blindwütigen Aktionismus, dem kindischen Aufbegehren? Der Gegenpart des „Ich widersage“ ist das „Ich glaube“. Und das gilt es in dieser unerhörten Situation ganz neu zu entdecken, obwohl uns gerade „fast alles aus der Hand genommen“ ist, wie Bischof Voderholzer es so treffend ausdrückte. Also Exerzitien in Distanz, ohne die Krücken der Gewohnheit, der Festkultur, der liturgischen Gewissheiten.

Den Debatten, ob es richtig sei oder nicht, dass öffentliche heilige Messen – insbesondere zum höchsten Fest der Christenheit – verboten sind, entziehe ich mich weitgehend. Wenn diese schlimme Situation wirklich eine Lehre für mich bereithält, will ich mich nicht mit „hätte“ und „könnte“ ablenken. Ich vertraue dem Papst und den Bischöfen als Nachfolgern der Apostel, dass sie sich aus gutem Grund den Vorgaben der Staaten beugen, um Ansteckungsgefahren weitgehend zu vermeiden und so Leben zu schützen.

"Ich vertraue dem Papst und den Bischöfen als Nachfolgern der Apostel,
dass sie sich aus gutem Grund den Vorgaben der Staaten beugen,
um Ansteckungsgefahren weitgehend zu vermeiden
und so Leben zu schützen."

Eine der ersten Überraschungen meiner nicht selbst gewählten Exerzitien sind in der Tat Papst, Bischöfe und Priester: Viele von ihnen scheinen in dieser Situation ihre wichtigste Aufgabe als Hirten ganz neu zu entdecken. Sie sprechen ihren verunsicherten, oft ängstlichen Gläubigen kraft- und glaubensvoll Mut, Trost und Beistand zu. Jenen, die leiden an der Situation der „geschlossenen Kirchen“, sagen sie, dass die Kirchen offen bleiben zum persönlichen Gebet. Vielerorts wird eucharistische Anbetung angeboten: Was eben noch in manchen Kreisen als eher „konservativer“ Usus belächelt wurde, wird nun zum echten Heilmittel. Der Papst und einige Bischöfe bitten ihre Priester – in angemessener Entfernung und unter Beachtung aller Vorgaben – den Gläubigen Beichte, Kommunion und Krankensalbung anzubieten. Priester fahren in Cabrios segnend mit dem Allerheiligsten durch die Straßen – so gesehen in München. Es hat den Anschein, dass die katastrophale Lage, in welche Corona uns gebracht hat, einen Glutkern von Glauben offengelegt hat, der lange unter den selbstreferenziellen Gesprächsrunden und Stuhlkreisen verschüttet war, und der auch alle furchtbaren Sünden in der Kirche überdauert hat. Dass in Italien über hundert Priester ihr Leben geopfert haben, um Corona-Kranken Christus in den Sakramenten zu bringen, hat ein wahres Fanal gesetzt.

Wenn man sich erst einmal damit abgefunden hat, dass heilige Messen vorübergehend hauptsächlich über TV und Internet stattfinden müssen, sind der Auswahl keine Grenzen gesetzt: Man kann virtuell mit dem Papst in Rom, in einem beliebigen Dom, in Gemeindekirchen oder mit der Kinder-Aids-Station der Malteser in Südafrika heilige Messe feiern. Das Stundengebet der Kirche wird zudem von unzähligen Glaubensgemeinschaften und Klöstern zum Mitmachen übertragen, und riesige, überkonfessionelle Gruppen finden sich virtuell zum Gebet zusammen.

Manches muss aber auch erst eingeübt werden. Wie gestaltet man gemeinsam eine heilige Messe am Bildschirm? Tatsächlich hat es nämlich einen Moment der Peinlichkeit, daheim zu zweit oder mehreren vor einem Computer oder Fernseher zu beten und wirklich aktiv teilzunehmen. Für viele kranke oder ältere Menschen ist die Übertragung am TV oder Internet schon längst die einzig mögliche Form der Sonntagsmesse. Fragen wir sie! Meine Ratgeberin steht immer zeitig vor Beginn der ausgewählten Messe auf, zieht sich festlich an und begibt sich zu ihrem mit Kerzen und Blumen geschmückten Schreibtisch an den Computer. „Das gibt mir das Gefühl, richtig dabei zu sein und nicht nur nebenbei eine Sendung zu schauen“, sagt sie. So nehmen wir ihre Anregungen an, bereiten unseren Tisch mit Blumen, zünden Kerzen an und folgen der heiligen Messe am Laptop, wie wir es auch in der Kirche tun: Stehen, sitzen, knien, bekreuzigen. Wir singen die Lieder und sprechen die Gebete laut mit. Es ist gut und wichtig, das zunächst besprochen zu haben. Denn so entsteht kein Moment der unsicheren Peinlichkeit, sondern eine ganz besondere Erfahrung, selbst im Leben eines alten Ehepaares. In oft tief zu Herzen gehenden Erklärungen und Gebeten wird vielen von uns das erklärt, was wir vorher zuweilen gern „den anderen“ vorgeschlagen, selbst aber nie genutzt haben: die geistige Kommunion. Und so wird auch die virtuelle eucharistische Anbetung eine ganz neue, gemeinsame Erfahrung – über die durch den Geist überbrückte Distanz hinweg: Der Herr selbst ist da.

Das Wissen, dass unzählige Katholiken in aller Welt mit uns beten und Messe feiern, wird jetzt, da dies „über die Bildschirme“ öfter betont wird, so richtig konkret. Eine weltumspannende Gemeinde. Unsichtbar und real wie der Virus, der unsere Gemeinschaft im Herrn nicht zerstören kann. Auch die klassische Hauskirche gehört dazu: ein gemeinsam gestalteter Hausaltar, die Texte des Tages aus der Bibel (oder Kinderbibel) lesen, Fürbitten und gemeinsam ein Vater Unser beten, ein paar Lieder singen – gerade mit Kindern eine schöne Alternative.

"Nicht nur der liturgische, sondern auch der caritative Aspekt
von Kirche ist unter dem Eindruck
des todbringenden Virus ganz neu erwacht."

Nicht nur der liturgische, sondern auch der caritative Aspekt von Kirche ist unter dem Eindruck des todbringenden Virus ganz neu erwacht. Die Gemeindemitglieder, die für Gefährdete Einkäufe erledigen, die Jugendlichen, die im Kölner Priesterseminar die Obdachlosen mit Essen versorgen – der schönen Beispiele gibt es viele. Aber auch der Nachbar, der allabendlich die „Ode an die Freude“ auf seinem Saxophon vom Balkon spielt und so die von Einsamkeit oder Entnervung bedrückten Herzen zusammenführt, gehört dazu. Ebenso das häufige Telefonieren mit Menschen, die diese Situation alleine durchstehen müssen, manchmal mit echtem Überraschungseffekt: Eine alte Dame, die in einem Altenheim mit Coronafällen sitzt, vermittelte so ihrer besorgten Verwandtschaft, dass sie selbst viel weniger beunruhigt sei als diese. Dass alte Menschen oft viel weniger Angst vor dem Sterben haben als jüngere, regt durchaus zu Gesprächen und ganz neuen Gedanken an: Was trägt dich denn mit einer solchen Festigkeit und Zuversicht? Und was trägt mich?

Und so bringt die Zeit der nötigen sozialen Distanzierung nicht nur ganz neue Nähe, sondern auch eine Einkehr zum Wesentlichen. Zeit, die zu diesen Tagen gehörenden Passagen in den Evangelien zu lesen und mitzuerleben. Schmerz, Angst, Tod – und das Licht der Auferstehung. Wie die Emmausjünger spazieren, dabei „das Herz aufgehen lassen“, gemeinsam bitten: „Herr, bleibe bei uns!“ Und ganz neu entdecken, dass auch die Jünger noch bis Pfingsten (!) hinter verschlossenen Türen saßen, trotz Auferstehung, und obwohl der Herr doch bereits durch verschlossene Türen und Wände zu ihnen gekommen war. In Erwartung des Heiligen Geistes, der mit Brausen kommt, der alles neu macht, die Kirche erweckt und die Herzen seiner Gläubigen erfüllt. Und sie dann gestärkt in die Welt sendet, um alle zu Christi Jüngern zu machen.

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