Eine tiefe Meditation über das Ereignis der Menschwerdung

Chesterton tut einfach gut: Die christliche Apologetik „Der unsterbliche Mensch“

Bücher sind wie Menschen. Sie haben eine Geschichte. Oftmals gibt es einen Anlass, der zu ihrer Entstehung führte. Immer haben sie Freunde wie auch Feinde. Sie haben eine gewisse Lebensdauer und sie üben immer auch einen gewissen Einfluss aus. Letzteres zeigt sich vor allem in der Zahl der Auflagen und in der Rezeption.

Bei Chestertons „Der unsterbliche Mensch“ („The everlasting man“) fällt auf, dass dieses Buch in deutscher Sprache bisher nur ein einziges Mal aufgelegt wurde – und zwar im Jahr 1930. Dennoch zählt es zu den Klassikern und ist Chestertons bedeutendstes Plädoyer zur Verteidigung des christlichen Glaubens. Obwohl es von einem Journalisten geschrieben wurde, der nie Philosophie oder Theologie studiert hat und der sich bewusst eines Fachjargons und einer typischen pastoralen Sprache enthält, hat dieses Buch zahlreiche Konversionen bewirkt.

Natürlich hat es auch zu allen Zeiten die Leser gespalten. Dies liegt einerseits an Chestertons unkonventioneller Argumentationsweise, andererseits aber auch an der Tatsache, dass der Autor selbst erst drei Jahre zuvor zum katholischen Glauben konvertierte und ihm daher seine Begeisterung an einem feurigen Stil deutlich anzumerken ist.

Kurt Tucholsky beispielsweise hat sich in einer Rezension äußerst negativ über dieses Buch geäußert. Er schreibt: „Mich hat es entsetzt. ich bin viel frömmer als er, dieser schacherne Mystiker. Schreit da den Katholizismus aus wie ein paar alte Hosen?!“ Andererseits haben Katholiken wie Graham Greene und Evelyn Waugh das Buch in den höchsten Tönen gelobt. Waugh schreibt: „Es ist ein großartiges, populäres Buch, eines der wenigen wirklich großartigen populären Bücher des Jahrhunderts.“ Sogar der Agnostiker Jorge Louis Borges und der neomarxistische Philosoph Ernst Bloch fanden sehr lobende Worte für Chestertons Apologie.

Clive Staples Lewis (1898–1963) empfiehlt mehrfach dieses Buch als „die allerbeste Verteidigung des christlichen Standpunkts, die ich kenne“. Für ihn, der Chestertons Stil immer sehr schätzte, war die Lektüre dieses Buches das ausschlaggebende Moment für seine Bekehrung zum Christentum. Er „fand zum ersten Mal die ganze christliche Sicht der Geschichte in einer Form dargestellt, die mir einen Sinn zu ergeben schien“.

Das Buch entstand als eine Antwort auf H. G. Wells „Die Geschichte unserer Welt“ im Jahr 1925. Es ist eine kulturphilosophische Studie über das Wesen des Menschen und seine Stellung innerhalb der Welt. Im Gegensatz zu Wells wendet sich Gilbert Keith Chesterton (1874–1936) gegen die Theorien von Haeckel und Darwin. Er lehnt jedes evolutionistische Denken ab und betont: Der Mensch ist allen Geschöpfen der Natur unvergleichbar; mit seinem ersten Auftreten steht er als Wesen eigener Ordnung da. Sein Ursprung kann nur auf einen göttlichen Schöpfungsakt zurückgeführt werden. Bildet die Schöpfungstheologie den Hintergrund für den ersten Teil des Buches, der betitelt ist „Über das Geschöpf genannt Mensch“, so wird der zweite Teil mit dem Titel „Über den Menschen genannt Christus“ dann christologisch und behandelt das Erlösungsgeschehen. Beide Teile des Buches beginnen in einer Höhle: der erste Teil geht aus von den Jenseitsvorstellungen der Höhlenmenschen, der zweite Teil thematisiert die Geburt Jesu in der Höhle zu Bethlehem. Dieser Text („Der Gott in der Höhle“) bildet das Herzstück des Buches und ist eine tiefe Meditation über das Ereignis der Menschwerdung Gottes.

In der Gesamtkonzeption setzt Chesterton die Geburt des Menschen parallel zur Entstehung des Christentums, mit dem der menschliche Geist im Laufe seiner Geschichte eine völlig neue Ebene betritt. Betont Chesterton noch im ersten Teil, wie vorchristliche Mythen auf den wahren Glauben vorbereiten, so stellt er im zweiten Teil prägnant heraus, dass allein der christliche Glaube an den Mensch gewordenen Gott die Antwort auf die Grundfragen der Menschheit bietet. Hier liegt der Akzent auf der Abgrenzung gegenüber den anderen Religionen.

Der Verlag „nova & vetera“, der in den vergangenen Jahren schon mehrfach mit Publikationen Chestertons – teilweise in deutscher Erstausgabe – hervorgetreten ist, hat jetzt dessen theologischstes Werk nach fast achtzig Jahren wieder dem deutschsprachigen Leser zugänglich gemacht. Ein umfangreiches Nachwort aus der Feder des saarländischen Pfarrers Matthias Marx bietet die Rezeptionsgeschichte dieses Buches. Das Vorwort stellt uns einen prominenten Chesterton-Freund der Gegenwart vor. Erzbischof Reinhard Marx benennt, „Warum G. K. Chesterton uns gut tut“. Er ist mutig, originell, humorvoll und verbindet Intellektualität und Frömmigkeit. Des Weiteren zeigt er, dass der Glaube keine langweilige Angelegenheit ist, sondern eher eine Abenteuerreise. Der Münchener Erzbischof meint: „G. K. Chesterton ist einfach gut und tut uns gut.“

Auch der Elsinor Verlag hat in den letzten Jahren mehrere Chesterton-Bücher herausgebracht. Das nächste soll im August erscheinen unter dem Titel „Sind wir uns einig?“ Passend zur neuen Sozialenzyklika „Caritas in veritate“ lässt sich dann in neuer Übersetzung die Debatte über die soziale Frage zwischen G. K. Chesterton und George Bernard Shaw nachlesen, die 1928 unter dem Titel „Do we agree?“ erschienen ist.

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