Eine Schatzkammer der Moderne

Das „Newseum“ in Washington ist einen virtuellen Besuch wert

Als am 16. April 2008 Papst Benedikt XVI. auf der Andrew Air Force Base in Maryland als zweiter Papst überhaupt amerikanischen Boden betrat, waren die Augen der ganzen Welt auf ihn gerichtet. Vom amerikanischen „Anniston Star“ bis zu den „Ultimas Noticias“ aus Venezuela, überall war ein Bild des Papstes auf den Titelseiten. Der Papst als globales Medienphänomen – selten wurde die internationale Strahlkraft des Kirchenoberhaupts eindrücklicher gezeigt als auf der Internetpräsenz des Newseums, des neuen Medienmuseums von Washington.

Jeden Tag werden auf www.newseum.org die Titelseiten von mehr als 600 Tageszeitungen aus Dutzenden von Ländern präsentiert. Eine Galerie dessen, was die Menschen in den verschiedenen Winkeln der Erde bewegt. Aus Urheberrechtsgründen sind immer nur die aktuellen Titelseiten zu sehen, wichtige Tage sind jedoch in einem Archiv abgelegt. So kann man sich auch Jahre später noch mittels des Schlagzeilenpanoramas in die Stimmung eines Tages zurückversetzen.

Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern. Das hat auch Vorteile. Denn hier lässt sich die Stimme der Gegenwart klar und eindrücklich vernehmen. Zeitungen sind Zeitkapseln. Neben erfreulichen Ereignissen wie dem Papstbesuch wird im virtuellen Newseum auch Tragisches konserviert. Denn schlechte Nachrichten sind für Journalisten leider immer auch auch gute Nachrichten. Es gibt etwas zu berichten. Konsequenterweise beginnt die Sammlung auch mit dem bisher größten Medienereignis des Jahrhunderts: die Attacke auf das World Trade Center am 11. September 2001. Dutzendfach sind auf den gesammelten Titelseiten noch einmal die einstürzenden Türme zu sehen. Wie sich die Informationsgesellschaft durch Großereignissen plötzlich synchronisiert, das ist eindrücklich. Trotzdem bleiben Unterschiede, selbst in Redaktionen, die Tür an Tür in der gleichen Stadt arbeiten. „USA attackiert“, notiert die New York Times unterkühlt am 12. September, während die Daily News aus New York ihren Lesern verkündet „Es ist Krieg“. In der South China Morning Post aus Hongkong spricht man fast mit ein wenig Schadenfreude von „Amerikas Albtraum“. Wahrlich verblüffend aber ist die französische „Le Monde“ aus Frankreich. Als vielleicht einzige Zeitung der Welt erwähnt sie den Anschlag auf ihrer Titelseite mit keinem Wort.

Der Presse ein Denkmal

Aber nicht nur punktuelle Ereignisse, auch längerfristige Entwicklungen werden dokumentiert, mit Schlaglichtern aus verschiedenen Stationen des Prozesses. Dem Tod von Papst Johannes Paul II. und der Wahl von Benedikt XIV. ist ein solches Dossier ebenso gewidmet wie dem Hurrikan Katrina in New Orleans. Immer größer wird der Schwerpunkt zum Irakkrieg. Eine funkelnde Asservatenkammer des Augenblicks wächst da auf Newseum.org heran, eine Erstfassung der Geschichte, wie sie die Zeitungen wie kein anderes Medium erzählen. Gleichzeitig entsteht hier mit der Zeit auch eine Geschichte der Medien, von ihnen selbst erzählt.

Das Newseum ist aber nicht nur auf den virtuellen Raum beschränkt, sondern es ist auch ein Museum im herkömmlichen Sinne. Und ein ziemlich großes dazu. Zehn Jahre haben die Bauarbeiten für Washingtons jüngsten Bildungstempel gedauert, 280 Millionen Euro hat das wuchtige Haus mit 23 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche gekostet, die Adresse Pennsylvania Avenue 555 ist eine der besten des Landes. Weiter die Straße hinauf, an der Nummer 1 600, liegt das Weiße Haus. Im Newseum erwarten den Besucher nicht nur eine 3 000 Jahre alte sumerische Tontafel mit einer „Nachrichteninschrift“, eine Gutenbergsche Druckerpresse, der Presseausweis von Ernest Hemingway, ein TV-Helikopter oder der mit Einschusslöchern übersäte Wagen, mit dem sich „Time“-Reporter ins umkämpfte Sarajevo vorwagten. Für die zwanzig Dollar Eintritt gibt es auch jede Menge Unterhaltung, komplett mit 3D-Kino und Radio- und Fernsehstudios, in denen sich jeder einmal als Nachrichtensprecher versuchen darf.

Der Besucher bekommt viele Geschichten geboten, in denen Journalisten die Helden sind. Sie berichten aus dem bombenumtosten London, sie trotzen der Dschungelhitze in Vietnam, sie stürzen mit ihren Enthüllungen Präsidenten. Die etwas eitle Selbstbespiegelung wird bei einem Blick auf die Liste der Geldgeber verständlich. Es sind die Medienhäuser, die sich einen Schrein errichtet haben. Die Idee hatte Allen Neuharth, der Gründer von „USA Today“, der mit 2,3 Millionen verkauften Exemplaren erfolgreichsten Zeitung des Landes. Dass ausgerechnet Neuharth der großen Vergangenheit der Presse hier ein Denkmal setzt, ist nicht ohne Ironie. Denn von vielen wird das „Fernsehen auf Zeitungspapier“, das er mit der grafikbetonten und kurzatmigen „USA Today“ vorantreibt, für den Niedergang der traditionellen Printpresse mit verantwortlich gemacht.

Den deutschen Journalistenkollegen ist das Newseum zu positiv, zu rückwärtsgewandt und zu amerikanisch. Doch im Internet kommt das laut Eigenwerbung „interaktivste Museum der Welt“ zu sich selbst, hier löst es ohne großes Trara seinen Anspruch ein, Medien und Geschichte intelligent zu verknüpfen. Indem es einfach zeigt, was die Medien zeigen. Tag für Tag. So einfach und doch so effektiv kann moderne Mediendidaktik sein.

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