Eine Pille mit Sprengkraft

Ist auf den der ersten Blick nur eine kleine Pille – und verursachte doch eine Kulturrevolution. Vor 50 Jahren kam die Anti-Baby-Pille in den USA auf den Markt. Und seitdem ist alles anders: Sexualität und Fortpflanzung gehören nicht mehr zusammen. Die Frau fühlt sich zwar „befreit“, geht dafür aber ernste gesundheitliche Risiken ein und ist verfügbarer denn je. Die Gesellschaft leidet demografisch unter dem „Pillenknick“. Eine kritische Bilanz. Von Marie-Bernadette Weimann
Foto: dpa | „Eine junge Frau sitzt in Berlin mit einer Packung der Pille zur Schwangerschaftsverhütung auf einem Bett und ihr Freund schaut interessiert“.
Foto: dpa | „Eine junge Frau sitzt in Berlin mit einer Packung der Pille zur Schwangerschaftsverhütung auf einem Bett und ihr Freund schaut interessiert“.

Eine kleine Pille hat die Welt für immer verändert. Vor genau 50 Jahren kam sie auf den deutschen Markt: die Anti-Baby-Pille, im Volksmund kurz die Pille genannt. Sie ist das beliebteste Verhütungsmittel in Deutschland – über 40 Prozent der deutschen Frauen nehmen sie ein. Weltweit etwa siebzig Millionen Frauen schlucken sie täglich und das hat auch seinen Grund: Die Pille gilt als eines der sichersten Verhütungsmittel, der sogenannte Pearl-Index liegt bei 0,1 bis 0,9 pro hundert Frauen; das bedeutet, dass etwa eine von hundert sexuell aktiven Frauen, die diese Methode der Schwangerschaftsverhütung ein Jahr anwenden, schwanger wird (im Vergleich: ohne Verhütung liegt der Pearl-Index-Wert etwa bei 80).

Dass der weibliche Zyklus durch verschiedene Verhütungsmethoden bereits seit frühester Geschichte beeinflusst wurde, ist nicht neu. Mit der Pille wurde dann aber alles anders. 1961 kam sie auf den Markt, wurde aber zunächst nur zur Behandlung von Menstruationsbeschwerden zugelassen. Das änderte sich schnell. Unterstützt von der amerikanischen Frauenrechtlerin Margaret Sanger wurde die Pille bald als Kontrazeptivum vermarktet, anfangs allerdings nur für den Gebrauch durch amerikanische Eheleute. 1965, fünf Jahre nach der Erstzulassung, wurde sie in den Vereinigten Staaten bereits von 41 Prozent der verheirateten Frauen im Alter unter 30 Jahren benutzt. Nach einem aufsehenerregenden Prozess 1972 wurde die Pille dann auch für unverheiratete Frauen verfügbar. 1976 hatten schon drei Viertel der 18- und 19-jährigen verhütenden Frauen auf die Pille zurückgegriffen.

Wurde das Empfängnisverhütungsmittel anfangs eher zurückhaltend aufgenommen, ist es schon bald enthusiastisch beworben und verbreitet worden. Die Möglichkeit, sexuell aktiv zu sein, ohne sich um eine mögliche Empfängnis „sorgen“ zu müssen, erschien und erscheint Frauen als ideale Kombination. Dass sie durch die Einnahme der Pille aber in ihren natürlichen Hormonhaushalt eingreifen und eine Vielzahl körperlicher Risiken hinnehmen, ist den meisten weniger oder nicht bewusst; nicht zuletzt darum, weil solche Folgewirkungen in der Öffentlichkeit weithin verharmlost oder verschwiegen werden. Dabei hat die Pille einen gewaltigen Einfluss auf das Leben der Frau.

Über die Nebenwirkungen der Pille wird heute kontrovers diskutiert. Tausende von Publikationen liegen dazu vor. Der durchschnittliche Bürger kennt die üblichen, leichteren Folgewirkungen der Einnahme – wie etwa Übelkeit, Gewichtszunahme, hormonelle Veränderungen, Migräne, Spannungsgefühle in den Brüsten oder Stimmungsveränderungen.

Weniger bekannt sind die Krebsrisiken infolge der Einnahme der Pille. Immerhin enthält die Pille die sechsfache Dosis einer Hormonersatztherapie. Durch eine längere Einnahme – oder auch wenn sie vor dem 23. Lebensjahr begonnen wurde –, steigt beispielsweise das Brustkrebsrisiko signifikant. Auch ein erhöhtes Risiko von Gebärmutterhalskrebs ist durch die Einnahme der Pille belegt: 2003 fanden Valerie Beral von der Cancer Research UK Epidemiology Unit (Krebsforschungszentrum) in Oxford und ihre Kollegen Hinweise, die darauf hindeuten, dass die Einnahme der Pille nach fünf bis zehn Jahren das Risiko für Gebärmutterhalskrebs auf das Eineinhalbfache erhöht; wird sie zehn Jahre und länger eingenommen, besteht bereits das doppelte Risiko. Wird die Pille abgesetzt, sinkt das Risiko zwar wieder, aber man weiß bislang nicht, in welchem Umfang. Auch psychische Auswirkungen der Pille werden debattiert. So haben Ärzte bei Frauen, die längerfristig die Pille nehmen, depressive Verstimmungen und gelegentliche Depressionen ebenso wie Persönlichkeitsveränderungen aufgrund des veränderten Hormonhaushalts festgestellt. Das anfängliche Gefühl der „Befreiung“ von einem Schwangerschaftsrisiko kann etwa dann schwinden, wenn Frauen sich bewusst werden, dass sie allein die Verantwortung für diese Form der Empfängnisverhütung tragen und damit auch die alleinige Verantwortung für eine – letztlich nie ganz auszuschließende – Schwangerschaft.

Bei Frauen, die die Pille einnehmen, ist auch schon eine Abnahme oder gar der totale Verlust der Libido beobachtet worden. Das sexuelle Interesse sinkt. Dies lässt sich einerseits auf die Wirkung der Hormone zurückführen. Andererseits kann die durch die Pille mögliche Trennung von Sexualität und Fortpflanzung dem Unterbewusstsein signalisieren, dass sich die Libido und das sexuelle Interesse gleichsam nicht lohnen, weil ja eine mögliche Empfängnis von vorneherein ausgeschlossen wird. Umgekehrt ist schon beobachtet worden, dass das sexuelle Verlangen nach einem gänzlichen Libidoverlust zurückkehrt, wenn die Pille abgesetzt wird.

Ein weiteres Thema, das die Forschung und die Diskussion rund um die Pille beschäftigt: Ihre Einnahme kann mit etwa vierprozentiger Wahrscheinlichkeit früh-abtreibende Wirkung haben. Eine Abtreibung im Frühstadium geschieht dann, wenn bei einer sogenannten Durchbruchovulation die Eizelle von (noch) vorhandenen Spermien befruchtet wird. Aufgrund der durch die Pilleneinnahme veränderten Beschaffenheit der Gebärmutterschleimhaut kann sich die befruchtete Eizelle dort nicht einnisten, die sogenannte Nidationshemmung.

Darüber hinaus wurde schon früh festgestellt, dass durch die Pille ein erhöhtes Risiko für Venenthrombosen besteht. Allgemein steigt das Risiko einer Thrombose bei Frauen, die die Pille nehmen, auf das 2,5-fache an. Die Thrombosen treten hier in Form von Beinvenenthrombosen, Hirnschlägen, Herzinfarkten und Netzhautthrombosen auf.

Und sogar auf das Ökosystem wirkt die Pille: Das Östrogen Ethinylestradiol, das in den meisten Anti-Baby-Pillen verwendet wird, scheiden Frauen über den Urin wieder aus. Da Kläranlagen diese Chemikalien nicht filtern können, gelangen sie in den natürlichen Wasserkreislauf und letztlich ins Trinkwasser. Das hat Folgen für die verschiedensten Wasserlebewesen.

In den Auseinandersetzungen um die Pille spiegelt sich die geistig-sittliche Situation Europas, ja der gesamten industrialisierten Welt wieder. Ob die einen sie als Segen wahrnehmen und die anderen nicht – sie hat größten ideologischen Einfluss auf die Gesellschaft genommen, indem sie die Sexualität von der Fortpflanzung getrennt hat. Damit dominiert das Lustprinzip und die Forderung nach frei verfügbarer Sexualität die biologische Bestimmung von Sexualität. Sexualität hat ihren Platz wesentlich selbstverständlicher auch außerhalb der ehelichen Gemeinschaft gefunden, das Alter für den ersten sexuellen Kontakt unter Jugendlichen ist gesunken, alles begleitet auch von einer gezielten Freigabe der Pornografie. Die moralischen Grundlagen der westlichen Welt – insbesondere die der Jugend – sind durch die Pille erschüttert, vielleicht zerstört worden.

Zu diesen Auswirkungen gesellen sich noch jene für die Demografie. Der sogenannte Pillenknick hat zu wesentlich weniger Geburten in den vergangenen Jahrzehnten geführt. Das belastet den Sozialstaat und das Sozialwesen nicht allein Deutschlands, sondern zahlreicher Industrienationen. Die zusehends älter werdenden Gesellschaften stehen vor großen Problemen. Was wäre also, wenn es die Pille nicht gegeben hätte? Wie sehr könnten die Menschen, deren Existenz nicht „verhütet“ worden wäre, heute dieser Gesellschaft ein anderes Gesicht geben? Die Tragik dieser Frage kann sich jeder selbst überlegen.

Überhaupt: In ihrer kulturellen Dimension ist die sexuelle Befreiung der Frau durch die Pille ausgeblieben, sie hat sich eher in ihr Gegenteil verkehrt. So bekannte die deutsche Feministin Alice Schwarzer 1977: „Wir haben sexuell verfügbarer zu sein als je zuvor.“ Und wenngleich prominente Protestanten wie Margot Käßmann die Pille als „Geschenk Gottes“ bezeichnen, ist die Haltung der katholischen Kirche klar: Einst verkündete Papst Paul VI. in seiner Enzyklika „Humanae vitae“ (Hv) das kompromisslose Verbot jeder künstlichen Geburtenkontrolle und lehrte, „dass ,jeder eheliche Akt‘ von sich aus auf die Erzeugung menschlichen Lebens hingeordnet bleiben muss“ (Hv, Kapitel 11). Das war im Jahre 1968. Auch 43 Jahre und zwei Päpste später gilt das „Pillen-Verbot“. Papst Johannes Paul II. prägte die „Theologie des Leibes“, seine Lehre über menschliche Liebe und Sexualität, und Papst Benedikt XVI. lehnt künstliche Empfängnisverhütung ab, weil solche Methoden „die innerste Wahrheit der ehelichen Liebe“ verletzten.

Damit bleibt die positive Grundaussage, dass die eheliche Gemeinschaft, die empfänglich ist für neues Leben und dieses nicht mit möglichst unkomplizierten Pilleneinnahmen zu verhindern sucht, im Sinne des Schöpfers ist. Die kirchliche Lehre stellt für den rational denkenden Menschen nicht Belastung oder gar Schikane dar, sondern sie will dem Wohl des Menschen dienen. Sie appelliert an ihn, die sittengesetzliche Ordnung wiederherzustellen und sie will dem modernen Menschen den schöpfungsgemäßen Sinn und Auftrag der Sexualität neu bewusst machen.

Für die Recherche wurden unter anderem Ergebnisse der Arbeit des Instituts für medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE) als Quelle benutzt. Infos: www.imabe.org

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