Eine engelsgleiche Stimme

Der Dokumentarfilm „Francesco und der Papst“ erzählt von einem elfjährigen Jungen und seinem Blick auf den Papst. Von José García
Foto: Constantin | Der elfjährige Francesco Giuffra darf das alljährliche Solo vor dem Heiligen Vater singen, im Anschluss seiner Darbietung gratuliert ihm der Papst.
Foto: Constantin | Der elfjährige Francesco Giuffra darf das alljährliche Solo vor dem Heiligen Vater singen, im Anschluss seiner Darbietung gratuliert ihm der Papst.

Seit im April 2005 mit Benedikt XVI. ein Deutscher den Stuhl Petri bestieg, ist das Interesse am „kleinsten Staat der Welt“ in der deutschen Öffentlichkeit spürbar gestiegen. Das alltägliche Leben im Vatikan steht im Vordergrund verschiedener Dokumentarfilme, so beispielsweise in der im April 2010 vom ZDF ausgestrahlten Dokumentation von Christel Fromm und Cristina Trebbi „Alltag im Vatikan“ (DT vom 07.04.2010) oder in Richard Ladkanis „Vatikan – Die verborgene Welt“ (DT vom 04.01.2011), die die ARD im Januar sendete. Diese Dokumentationen stellen verschiedene Menschen vor, die im Vatikan arbeiten und zum Teil auch leben.

Eine Aufgabe, die bisher nur Erwachsene übernehmen

Im Gegensatz zu diesem, aus unterschiedlichen Blickwinkeln, entstandenen mosaikartigen Vatikan-Bild konzentriert sich der Dokumentarfilm von Ciro Cappellari „Francesco und der Papst“ auf einen Jungen aus dem Knabenchor „Pueri Cantores“, der zusammen mit einigen erwachsenen Männern die päpstlichen Liturgien begleitet. Der argentinische Regisseur mit italienischen, teilweise auf die Familie Papst Gregors XVI. (1831–1846), Fra Mauro Cappellari, zurückgehenden Wurzeln wählte als Protagonisten den elfjährigen Francesco Giuffra, der mit seiner alleinerziehenden Mutter, seinem Zwillingsbruder Lorenzo und dem etwas älteren Marcello in Rom lebt. Dazu führt Ciro Cappellari im Gespräch mit dieser Zeitung aus: „Ausführlich und intensiv habe ich mich mit der Schule der ,Pueri Cantores‘ beschäftigt. Bei all den Gesprächen und im Übrigen durch die Unterstützung der Vatikanjournalistin Crista Kramer von Reisswitz habe ich von dem Privatkonzert für den Papst erfahren. Zunächst wählte ich fünf Kinder mit ihren unterschiedlichsten Geschichten aus, dann machte ich mich an die dokumentarische Arbeit. Die Geschichte von Francesco hat sich ziemlich stringent entwickelt. Relativ früh habe ich mich für ihn als den Protagonisten entschieden.“ Damit bewies der Regisseur ein „glückliches Händchen“. Nicht nur, weil der Widerstand, den Francesco durch seine Brüder erfährt, eine wirksame dramaturgische Wirkung entfaltet. Außerdem wird der pummelige Junge ausgewählt, in der Sixtinischen Kapelle das alljährliche Solo vor dem Heiligen Vater zu singen – eine Aufgabe, die bisher nur Erwachsene übernehmen durften.

Parallel zu den Proben, die sich Francesco in der Zeit bis zu seinem Auftritt unterzieht, begleitet „Francesco und der Papst“ den Heiligen Vater auf seinen Auslandsreisen sowie während des Alltags im Vatikan. Einige Einblicke, die Ciro Cappellaris Kamera in das Leben des Papstes gewährt, sind durchaus interessant. Dies gilt etwa für die berühmt gewordene Pressekonferenz auf dem Flug nach Kamerun im Jahre 2009, als der Heilige Vater als Lösung für die Aids-Frage einzig„eine spirituelle und menschliche Erneuerung“ ansprach, und die Worte äußerte: „Die Immunschwächekrankheit Aids ist nicht mit Kondomen zu überwinden, im Gegenteil, das verschlimmert nur das Problem.“ Die privaten Momente im Leben Benedikts, die ihn etwa im stillen Gebet und auf Spaziergängen in den vatikanischen Gärten zeigen, gleichen allerdings den Bildern in der ARD-Dokumentation „Vatikan – Die verborgene Welt“ auf's Haar. Darüber hinaus fügen sich einige Szenen, etwa die Privataudienzen für Prinz Albert von Monaco sowie für die ehemalige Premierministerin der Ukraine, Julija Tymoschenko, dramaturgisch kaum in den Film ein. Der Versuch, „ein Jahr im Leben des Papstes“ auf Film zu bannen, wirkt recht beliebig – im Unterschied zu Francescos Geschichte, die durchaus stimmig auf ihren Höhepunkt zusteuert. Zu der Verknüpfung der zwei Parallelstränge in „Francesco und der Papst“ führt indes Cappellari aus: „Gerade der Unterschied zwischen den Protagonisten macht den Film interessant, ihn habe ich zum Inhalt des Filmes gemacht.

Spannung durch das Familiäre und den Vatikan

Kurz: Kern des Filmes ist die Welt der Darstellung der Kirche, ihre Rituale um den Papst und, auf der anderen Seite, Francesco mit seiner kindlichen Wahrnehmung. Der Aufbau der Geschichte lebt vom Spannungsbogen aus dem familiären, aus dem normalen Handlungsstrang und dann dem aus dem großen, quasi-übernatürlichen Vatikan. Der Film sollte vor allem durch Francescos Sichtweise eine poetische Ebene erreichen, aus der sich die Erzählperspektive ergibt.“

Regisseur Cappellari gelingt es, dank seines sympathischen Protagonisten mit „Francesco und der Papst“ einen angenehm unaufgeregten, einnehmenden Einblick in den Vatikan zu gewähren sowie ein „authentisches und würdevolles Bild des Papstes“ (Produzent Peter Weckert) zu zeichnen. „Francesco und der Papst“ wurde bereits im Vatikan vorgeführt. Zu den Reaktionen berichtet ebenfalls Regisseur Cappellari im „Tagespost“-Gespräch: „Die hohen Würdenträger der Kirche haben bei dieser Gelegenheit Zensur weder an meinen Entscheidungen noch an meiner künstlerischen Arbeit geübt. Mit mehreren Szenen im Film waren beziehungsweise sind Teile der Kurie nicht einverstanden. Sie haben es mir in einfachem Respekt mitgeteilt. Das war's dann. Der Film war schon fertig und ich habe keinen einzelnen Frame verändert.“

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