Ein Spiel mit verschiedenen Ebenen und Perspektiven

Regisseur und Mit-Drehbuchautor Philip Koch sowie Hauptdarsteller Volker Bruch zum Spielfilm „Outside the Box“. Von José García
Foto: Max von Treu | Mit-Drehbuchautor und Regisseur Philip Koch.
Foto: Max von Treu | Mit-Drehbuchautor und Regisseur Philip Koch.
Nachdem Ihr Erstlingsfilm „Picco“ (2010) in einem Jugendgefängnis spielte, bleiben Sie dem Gruppendynamischen treu. Nur dass „Outside the Box“ in der Wirtschaftswelt angesiedelt ist. Wie kamen Sie auf dieses von einer Firma veranstaltete Survival-Event? Gibt es da zwischen den beiden Milieus Ähnlichkeiten?

Philip Koch: Meine Co-Autorin Anna Schneider und ich haben lange in Unternehmensberatungen – und ganz generell zum Thema Leistungsgesellschaft – recherchiert. Wir sind dabei auf die verschiedensten, zum Teil absurden Team-Events gestoßen. Die im Film gezeigten Übungen und Rollenspiele basieren tatsächlich alle auf wahren Begebenheiten – es werden wirklich waschechte Entführungs- und Geiselnahme-Szenarien als Teamspiele nachexerziert! Als „Adventure“ geplant – aber natürlich nur mit dem Ziel, die Mitarbeiter auf das letzte Quäntchen Leistung auszupressen. Der Film hat frappierende und ganz bewusste Ähnlichkeiten zu meinem ersten Film, „Picco“, der dieselben sozialdarwinistischen Mechanismen des „Survival of the Fittest“ im Jugendgefängnis beschreibt. Ich sehe „Outside the Box“ da als eine Art Kompendiumstück – eine ganz ähnliche Geschichte, nur am völlig anderen Ende des gesellschaftlichen Spektrums. Und, natürlich, in einer völlig anderen Tonalität, nämlich als eine absurde Business-Farce.

Ist es für Schauspieler schwer, sich in die Welt eines Wirtschaftsunternehmens hin-einzuversetzen?

Volker Bruch: Als ich noch in München wohnte, arbeitete mein Mitbewohner in einer Unternehmensberatung. Ich glaube, es ist ziemlich egal, was für einen Weg man einschlägt, weil es immer nur um Charakter geht. In unterschiedlichen Berufen gibt es unterschiedliche Charaktere. Der Unternehmensberater, mit dem ich zusammengewohnt habe, war der geborene Schauspieler. Wir waren zusammen in einer Theatergruppe. Er konnte sehr kreativ denken, was für die Unternehmensberatung eine willkommene Charaktereigenschaft ist. Oft gibt es ungeahnte Parallelen in unterschiedlichen Bereichen.

Dennoch denken die Leute in dem Bereich auch ganz anders. Zum Beispiel dieses Drill-Wochenende in Südtirol ...

Volker Bruch: Dabei geht es vor allem um Wettbewerb, wer schneller, besser, Erster ist. Das ist im Schauspiel zum Glück nicht so gefragt.

Spielen die populärdarwinistischen Einschübe auch darauf an? Welche Bedeutung haben sie im Film „Outside the Box“?

Philip Koch: Dieser Darwinismus ist omnipräsent, weil er urnatürlich ist. Und Natur nichts weiter als Überlebenskampf. Ein Kampf um Leben und Tod, so unerbittlich wie unvermeidbar. Im Leben, wie in der Arbeitswelt im Besonderen. Der Film treibt diesen Berufs-Darwinismus natürlich ins Absurde und Lächerliche. Weil einem letztlich nichts anderes bleibt, als über die fatalistische Unerbittlichkeit dieser existenziellen Situation zu lachen. Das ist groteske menschliche Größe: angesichts des Untergangs schallend zu lachen.

Allerdings ist die von Ihnen gespielte Figur Frederick Schopner nicht gerade der Inbegriff eines aggressiven Consultants – im Gegensatz zum von Stefan Konarske dargestellten Teamleiter Michael Grandier. Wie würden Sie Frederick charakterisieren?

Volker Bruch: Ihm ist dieser ganze Wettbewerb zunächst einmal sehr suspekt. Vermutlich aber gerade deshalb, weil er nicht gut darin ist. Das kennt man ja: Man lehnt Dinge nur deshalb ab, weil man sie nicht gut kann – das würde ich ihm einfach mal unterstellen. Frederick ist schüchtern, zurückhaltend, er lässt lieber den anderen den Vortritt. Das sind alles Eigenschaften, die ihm im Wettbewerb im Weg stehen. Frederick ist ein klassischer Antiheld, dessen Haltung sich im Laufe des Films aber drastisch

ändert.

Interessant an der Figur ist darüber hinaus nicht nur Fredericks Verhältnis zum Vater, sondern auch, dass er seinen Kollegen verschweigt, dass er der Sohn des Chefs ist ...

Volker Bruch: Natürlich will Frederick es aus eigener Kraft schaffen. Er macht seinen Job so gut er kann, will sich nicht auf der familiären Hilfestellung ausruhen. Auf der anderen Seite wäre er ja ohne Hilfe des Vaters gar nicht in der Firma. Er hatte sich überall beworben, aber niemand wollte ihn nehmen. Frederick will sich seinem Vater beweisen, muss sich aber eigentlich von ihm emanzipieren. In diesem Konflikt muss er seinen eigenen Weg finden.

Wie kamen Sie auf den Gedanken, dass die engagierten mittelmäßigen Spieler den Spieß umdrehen und die von der Firma inszenierte Geiselnahme wirklich durchziehen wollen?

Philip Koch: Das ist der fiktionale Kniff, der so natürlich nicht in echt passiert ist. Damit wollte ich das „outside the box“-Denken dieser Welt ad absurdum führen und sehen, wie die auf ihre Führungsqualitäten getesteten Berater auf eine solche Situation, die plötzlich ganz real erscheint, reagieren. Die Absurdität, dass sie durch eine Verkettung unglücklicher Umstände immer noch denken, dass die echte Geiselnahme nur ein Spiel der Firma ist, ist nicht nur absurd komisch, sondern als Milieustudie für die Figuren eigentlich auch sehr tragisch. Auf jeden Fall bezeichnend.

Und wie nahmen Sie es aus Schauspieler-Sicht wahr?

Volker Bruch: Die Handlung von „Outside the box“ nimmt rasend schnell immer wieder neue Wendungen, weil sie auf so vielen Ebenen erzählt wird. Diese Abwechslung und diese Geschwindigkeit machen den Film sehr kompakt.

Dazu kommt noch die Ebene mit den Medien. Das Survival-Team-Event soll auch noch als PR-Maßnahme ausgeschlachtet werden. Welche Bedeutung hat diese Ebene innerhalb des Filmes?

Philip Koch: Einmal um die Verwechslungskomödie durch eine weitere Ebene ad absurdum zu führen – was wird hier für wen, wie und warum gespielt? –, zum Anderen geht es da natürlich um Außenwirkung und Schein, etwas, das für Unternehmen genauso gilt wie für Personen. Man will um jeden Preis das Image, den schönen Schein, am Leben halten – und formt sich schon mal das Sein zurecht, wenn es eben sein muss. Und natürlich sorgt es auch für eine weitere Spannungsebene, da durch die Journalisten das PR-Desaster, zu dem das Firmenevent jederzeit werden kann, ständig auffliegen und an die Öffentlichkeit kommen kann.

Volker Bruch: Dass es noch mal eine Perspektive von außen gibt, in der es um die Außenwirkung dieser Firma geht, macht das Drehbuch etwas kompliziert. Im fertigen Film fällt das Orientieren dann leichter. Die Geschichte spielt auf dem Gelände, wo das Survival-Event stattfindet, aber auch in der Kommandozentrale, wohin die Kameras die Ereignisse übertragen. Der Schnitt spielt gekonnt mit diesen unterschiedlichen Perspektiven. Dass er diese verschiedenen Ebenen hat, macht den Film komplex.

In „Outside the Box“ bietet Philip Koch, der sich mit „Picco“ (2010) einen Namen machte, eine Satire auf als Outdoor-Firmenevent konzipierte Manager-Seminare. Vier Manager des Münchener Bickstein-Unternehmens sollen in Südtirol „outside the box“, in einer Extremsituation, Führungsqualitäten beweisen: Teamleiter Michel Grandier (Stefan Konarske) hat gerade Junior Consultant Frederick Schopner (Volker Bruch) dessen Ideen für eine Präsentation geklaut. Die Kollegen Yvonne von Geseke (Vicky Krieps) und Marco Kretsch (Sascha Gersak) fühlen aber kaum mit dem Junior mit, der nicht ganz ins Team zu passen scheint.

Für das Wochenende haben sich PR-Beraterin Vanessa Kramer (Lavinia Wilson) und Event-Manager Peter Kraußmann (Samuel Finzi) etwas Besonderes einfallen lassen: Während der von einem Sergeant geleiteten Drillübungen soll von abgehalfterten Schauspielern eine Geiselnahme inszeniert werden. Und das Ganze soll sich auch noch vor den Augen geladener Pressevertreter als PR-Coup abspielen. Dumm nur, dass die Möchtegern-Schauspieler es mit ihrem Auftritt zu genau nehmen, und ihre Gage mit echtem Lösegeld aufbessern wollen. Wie sollen sie aber den Managern klar machen, dass es sich nicht mehr um ein Rollenspiel, sondern um eine echte Geiselnahme handelt?

Mit einem überzeugenden visuellen Konzept, das an „Die Tribute von Panem“ erinnert, und teils symbolträchtigen Bildern von Tieren, die buchstäblich unter die Räder kommen, inszeniert Philip Koch sein darwinistisch anmutendes Satirestück auf eine Unternehmens-„Kultur“, die im wilden Kampf aller gegen alle besteht. Laut Regisseur Philip Koch ist der Film von „wahren Begebenheiten inspiriert“. Die schwarze Komödie überzeugt nicht nur wegen ihres Rhythmus, sondern auch wegen der hervorragenden Darsteller. J.G

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Stephan Baier