Eigentlich fehlen nur noch die Zuschauer

Mit einem Digitalkanal will das ZDF veränderten Sehgewohnheiten entgegenkommen

Die privaten Fernsehanbieter sind über das jüngste Kind der ZDF-Familie mit Namen ZDF neo nicht gerade erfreut. „Das ist die gebührenfinanzierte Kopie eines Privatsenders – nur ohne Nachrichten“, sagt Tobias Schmid, Vizepräsident des Privatsender-Verbands VPRT und Medienpolitik-Chef bei RTL. Er kritisiert, dass das Hauptabendprogramm überwiegend aus Unterhaltungssendungen bestehe. In einem von den Ministerpräsidenten genehmigten Konzept hatte das ZDF einen Sender „mit vielfältigen Inhalten aus den Bereichen Bildung, Kultur, Wissenschaft, Beratung, Information und Unterhaltung“ angekündigt. ZDF neo führt das Neue gleich im Namen, auch die neonbunten Logos wirken neu. Um den digitalen „Zielgruppenkanal“ zu bewerben, benutzt das alte ZDF für seine Verhältnisse neue wie zugleich alberne Begriffe wie „Factual-Entertainment“.

In der „Selbstverpflichtungserklärung Programm-Perspektiven 2009–2010“ vom ZDF las sich die Beschreibung von ZDF neo noch so: „Es (das Programm, Anm. d. Red.) wird für die Zielgruppe 25- bis 50-Jähriger und junge Familien vielfältige Inhalte aus den Bereichen Bildung, Kultur, Wissenschaft, Beratung, Information und Unterhaltung bieten.“ Im Programmschema gibt es vor allem erfolgreiche US-Serien in deutscher Erstausstrahlung wie „30 Rock“ (die mit zahlreichen Fernsehpreisen ausgezeichnete Serie spielt hinter den Kulissen einer fiktionalen Comedy-Serie) oder die Krimi-Serie „In Plain Sight“. Es gibt allein vier neue Formate einer Dokusoap (von soap opera: Seifenoper und Dokumentation) wie „Mamas Traumjob“. Hier tauschen acht Mütter ihr Familienleben für 14 Tage mit ihrem Traumjob. Ein solches Format könnte vom Konzept her ohne weiteres auch bei RTL 2 seine Heimat finden, wie überhaupt die Dokusoap ein ureigenes Format des Kommerzfernsehens ist. Begonnen hat das Zweite Deutsche Fernsehen mit ZDF neo am 1. November, indem es den bisherigen ZDF Dokukanal in ein Zielgruppenprogramm für 25- bis 50-Jährige umwidmete. Zur Begründung heißt es dem Sender zufolge: „Der Umbau des ZDF Dokukanals zum Zielgruppenkanal ZDF neo ist Teil der strategischen Neuausrichtung des ZDF, mit der der Sender die Herausforderungen der digitalen Zukunft erfolgreich meistern will. Charakteristisch für die veränderte digitale Medienlandschaft ist die Aufsplittung der Zuschauerschaft, der das ZDF mit einer neuen Angebotsstrategie begegnen möchte.“

Es ist vor allem der Versuch, jüngere Menschen von der privaten Konkurrenz zurückzugewinnen. Beim ZDF heißt das so: „Das Sendeschema des neuen Kanals reflektiert den Lebensrhythmus der Zielgruppe: Um den Sehgewohnheiten der jüngeren Zuschauer entgegenzukommen, beginnt die Primetime von ZDF neo um 21 Uhr. Einer Zeit, wenn für beruflich stark Eingebundene, junge Eltern oder sehr aktive Menschen der Feierabend erst beginnt.“ So will der neue Kanal mit einem Programmkonzept überzeugen, das sich an der Lebenswelt junger Familien und den Nutzungsgewohnheiten der Zuschauer zwischen 25 und 49 Jahren orientiert.

Der neue Kanal kostet Geld. Angeblich will das ZDF erheblich mehr Gebührengelder aufwenden als zunächst angegeben. Das meldet das Nachrichtenmagazin „Focus“ unter Berufung auf Zahlen der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF). Bis zum Jahr 2012 wolle der Sender knapp 94 Millionen Euro für das digitale Programm ausgeben. Für den Vorgänger, den ZDF Dokukanal, seien nur knapp fünf Millionen Euro bei der KEF angemeldet worden. Auch für den ZDF Infokanal und den Theaterkanal plant der Sender bis 2012 den „Focus“-Angaben zufolge höhere Ausgaben, als der KEF zunächst mitgeteilt worden seien. Für den Infokanal lägen die Ausgaben bei 48,8 Millionen Euro (statt 37,6 Millionen), für den Theaterkanal bei 41,6 Millionen (statt 18,4 Millionen). Die von „Focus“ genannten Zahlen stammen aus dem Entwurf zum 17. KEF-Bericht, der im Januar offiziell vorgestellt wird. Wegen der höheren Investitionen bei den Digitalkanälen wird das ZDF die Ausgaben für den Sender 3Sat senken. Mit 74,4 Millionen Euro stünde bis zum Jahr 2012 ein Viertel weniger an Programmgeldern zur Verfügung. Das ZDF betreibt 3Sat zusammen mit der ARD, dem ORF (Österreich) und der SRG (Schweiz).

Die neue digitale Angebotsstrategie des ZDF mit einem bunten Mix aus Dokumentationen, Soaps und Lizenz-Serien stützt sich auf sichere Gebührengelder. Allerdings kann derzeit nur ungefähr die Hälfte aller Haushalte in Deutschland den nur digital verbreiteten Kanal empfangen. Und während die Rahmenbedingungen zu stimmen scheinen, fehlt somit ein dann doch nicht unwichtiger Faktor: der Zuschauer. Die Einschaltquoten von ZDF neo lagen in den ersten Tagen im kaum messbaren Bereich und sind jetzt angesichts mancher hochwertigen Programmware auch noch extrem niedrig.

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