Eher literarisch als informativ

Ein Kolloquium im Institut Walberberg hat das Verhältnis von Kirche und Medien kritisch untersucht. Von Matthias Bürgel
Foto: dpa | Kirche im Fokus der Medien: Kameraleute auf dem Petersplatz.
Foto: dpa | Kirche im Fokus der Medien: Kameraleute auf dem Petersplatz.

Das diesjährige 1. Mai-Kolloquium „Kirche-Medien“ des Instituts für Gesellschaftswissenschaften Walberberg beleuchtete aus verschiedenen Perspektiven ein einerseits sehr aktuelles, andererseits, wie Wolfgang Ockenfels OP, der Vorsitzende des Instituts, einleitend unter Bezug auf Karl Krauss bemerkte, wohl schon immer existentes Thema: hysterische Medienberichterstattung, wie sie in jüngerer Zeit gerade bei den mit stark sinkenden Auflagenzahlen kämpfenden Printmedien festzustellen sei.

Günther von Lojewski, Intendant a.D. des Senders Freies Berlin, skizzierte zunächst anhand des Fallbeispiels der Öffnung der Berliner Mauer, die er selbst als Journalist begleitete, die den Medien potenziell innewohnende Macht. Er erinnerte dabei an die auf der Pressekonferenz des Zentralkomitees der SED am 9.11.1989 vorgebrachte Frage nach neuen Reisebedingungen und die folgende unmittelbare Berichterstattung der SFB-Redaktion über den damit in Gang gesetzten historischen Verlauf des Abends. Die Medien hätten also einen wesentlichen Anteil an den Bedingungen des Machtwechsels (dem frühen Zeitpunkt der Maueröffnung) gehabt und somit, den Untergang der DDR beschleunigend, auf die Geschichte eingewirkt. Rückblickend paare sich jedoch bei ihm Stolz über das Erreichte mit Nachdenklichkeit: „Originärer Auftrag von Journalisten ist es nicht, Geschichte zu bewirken. Es ist bedenklich, wenn Journalisten heute de facto Teilhaber der Macht sind, die sie eigentlich kontrollieren sollten“, so von Lojewski, der auf die mit dieser Situation verbundenen Gefahren für das System der Gewaltenteilung hinwies. Andererseits sei zu bedenken, dass ohne Freiheit der Presse Verhältnisse wie in der DDR, in der alle Informationen verschwiegen wurden, herrschten. Also müsse Pressefreiheit unbedingt gewünscht, von der Presse ihrerseits jedoch zugleich Verantwortung gefordert werden.

Sodann erörterte Martin Lohmann, Chefredakteur des Fernsehsenders K-TV, die Schwierigkeit einer Definition des Begriffs „Qualitätsjournalismus“ in einer Zeit, in der die Grenzen zwischen Boulevard- und „Kopfmedien“ sich zunehmend auflösten, objektiver Bericht und subjektiver Kommentar immer seltener voneinander getrennt würden und die Schnelligkeit des Internets zudem jedem die Möglichkeit gäbe, journalistisch tätig zu werden. Dabei würden aber auch innerhalb von Minuten falsche Informationen rund um die Welt verbreiten werden.

Zusätzliche Erschwernisse lieferten die Geld- und Zeitnot vieler Journalisten als Rahmenbedingung von Berichterstattung sowie ein Weltbild des zumeist nur noch von betriebswirtschaftlichen Erwägungen gesteuerten Managements in den medialen Chefetagen, in dem die Würde des Einzelnen oft keine Rolle mehr spiele.

Auch Lohmann präsentierte im Folgenden ein entsprechendes Fallbeispiel: Der sogenannte „Kölner Klinik-Skandal“ (die vermeintliche Abweisung eines Vergewaltigungsopfers durch eine Klinik in katholischer Trägerschaft), ausgelöst durch einen Artikel mit bereits stark tendenziöser Überschrift des „Kölner Stadt-Anzeigers“, dem offenkundig keine sorgfältige Recherche vorausgegangen sei. Um „Skandal“ lebendig zu halten, hätten in der folgenden medialen Debatte Faktenbeiträge nur gestört, wie er selbst in der Gesprächsrunde bei Günther Jauch am eigenen Leibe habe erfahren müssen.

Lohmann erinnerte weiter an die jüngsten Warnungen des Papstes vor einem allgemeinen Medienverfall durch eine von Rufmord, Verleumdung und – moralisch für Franziskus besonders verwerflich – Desinformation geprägte Berichterstattung. Wie sein Vorredner forderte auch Lohmann eine besondere Verantwortung der Medien ein: „Die Voraussetzungen für Qualitätsjournalismus sind hoch – aber Journalisten haben den freiesten Beruf überhaupt, der somit auch verantwortungsvoller als andere ist.“

Im letzten Vortrag des Tages schilderte der Schriftsteller Martin Mosebach schließlich einen Einzelfall, der, ohne dass er ihn generalisieren wollte, eine tiefere Bedeutung in sich trage: die Medienberichterstattung über den früheren Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-von-Elst. In einer wortgewaltigen Stilanalyse untersuchte Mosebach einen vor dem eigentlichen Ausbruch der Kosten-Affäre publizierten FAZ-Artikel vom 24. Juni 2013 – mit dem Resultat, dass besagter Artikel eher an der Erschaffung eines literarischen Stückes denn an Informationsvermittlung interessiert gewesen sei. Der Georg-Büchner-Preisträger, der in der folgenden Diskussion klarstellte, dass er die Verfehlungen des Bischofs durchaus für gravierend erachte, verwies unter anderem auf die vom Text vollzogene Stimmungsmache durch das Schüren von Sozialressentiments, die Anspielungen auf körperliche Eigenheiten des Bischofs und die Verwendung sprachlicher antikatholischer Klischees. Der Beitrag stelle aber nur sekundär ein pressebezogenes Problem dar, vielmehr deute er auf allgemeine Schwierigkeiten der Kirche in Deutschland hin, innerhalb derer der Autor den Sprecher bestimmter Kreise verkörpere: „Bei allem Bedauern über das Verkommen des Qualitätsjournalismus sollten wir nicht vergessen, dass die Kirche andere Aufgaben hat.“

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