„Durch Gott an der Spitze der Christenheit“

Ludwig XIV., Idealbild des absoluten Herrschers: Der König, von dem, wie die Sonne, alles ausgeht. Von Urs Buhlmann
Foto: dpa | Eigentlich ist er heute noch der König von Frankreich, meint Buchautor Wrede.
Foto: dpa | Eigentlich ist er heute noch der König von Frankreich, meint Buchautor Wrede.

Dieses Jahr feierte den 300. Todestag eines französischen Herrschers, der nicht nur im westlichen Nachbarland, sondern auch diesseits des Rheines breite Spuren hinterlassen hat. An diesem Tag im Jahr 1715 starb König Ludwig XIV., der in seinem Heimatland noch zu Lebzeiten den Titel „der Große“ verliehen bekam, während er in deutschen Landen, die er mehrfach mit Krieg überzog, damals eher eine „bete noire“ war. Allen aber, die sich heute noch für ihn interessieren, ist er als Sonnenkönig bekannt, ein in der Tat strahlender Beiname, weitaus wirksamer und sympathischer als alle Bezeichnungen eines Herrschers als weise, streitbar oder krumm gewachsen. Ihm, der mit 72 Jahren auf dem Thron zu den am längsten regierenden Monarchen der Geschichte zählt, hat der deutsche, in Grenoble wirkende Historiker Martin Wrede eine vergleichsweise knappe, aber sehr treffende Biographie gewidmet.

Hilfreich ist zunächst des Autors kritischer Gang durch die zeitgenössische Memoiren-Literatur, aus der für uns die Ludwig übelwollende Figur des Herzogs von Saint-Simon und die sehr viel nüchterner urteilende Liselotte von der Pfalz, die mit dem Bruder des Königs verheiratet war, bekannt sind. Er macht dann auf die schwierige, wenngleich für Adelssprösslinge dieser Zeit nicht seltene Konstellation der mühsamen Ehe der Eltern aufmerksam: Ludwig XIII., ein schwieriger und in mehrfacher Hinsicht gehemmter Mann, der mit seiner lebhaften Frau Anna von Österreich aus der spanischen Linie des Hauses lange nichts anzufangen wusste und zu früh starb, als dass er seinen Sohn hätte prägen können. Die Mutter wandelte sich von einer entschiedenen Vertreterin spanischer Ambitionen in der Zeit der Regentschaft nach dem Tod ihres Mannes zur Sachwalterin französischer Interessen, die zudem ihren Kindern eine zärtliche, zugewandte Mutter war. Aber so waren eben die Regeln: „Der jüngere Bruder, Philippe von Orléans, wurde dem König gegenüber offenbar systematisch zurückgesetzt... Ludwig erfuhr also früh, dass er Macht besaß und dass es letztlich sein Wille war – oder doch irgendwann sein würde – der zählte. Ein hohes Selbstwertgefühl, das hieraus resultieren musste, war durchaus Erziehungsziel.“

Darüber hinaus interessierte sich Ludwig besonders für Geschichte, das Lateinische und Religion, worauf auch seine Mutter, Premierminister Kardinal Mazarin, der Nachfolger des legendären Richelieu, und der Abbé de Péréfixe als Präzeptor Wert legten. Doch wurde der König nicht zum Buchmenschen – zumal ihm Ausritte, Jagd, Fechten und Tanz sehr behagten –, es war gar nicht erwünscht: „Ein König von Frankreich brauchte auch gar kein Intellektueller zu sein; er durfte schlechterdings – in der Sprache und nach den Idealen von Renaissance und Klassik – nicht zum Pedanten werden. Denn Pedanterie, also Spezialistentum auf der Grundlage von Buchwissen, war unhöfisch beziehungsweise unaristokratisch.“ Prägende Erfahrungen während der Ausbildungszeit des jungen Monarchen, als noch die Mutter als Regentin gemeinsam mit dem Kardinal-Premier die Geschicke des Landes lenkten, waren die Fronde, eine Erhebung einiger Prinzen im Verbund mit dem Pariser „Parlement“ (= Gerichtshof), die testen wollten, ob sie in der noch schwankenden Machtbalance etwas für sich herausholen konnten, was nicht gelang, sowie die unerhörte Nachricht von der Hinrichtung Karls I. von England 1649. 1660, kurz nach dem sogenannten Pyrenäen-Frieden mit Spanien, wurde, in klassischer Manier als „politische Heirat“, die Ehe Ludwigs XIV. mit der ältesten Tochter Philipps IV. von Spanien, Maria Teresa, geschlossen – wobei für die Zukunft zu beachten ist, dass in Spanien, anders als in Frankreich, Thronrechte auch in weiblicher Linie erblich waren. Es waren günstige Vorzeichen, unter denen Ludwig, der 1654 in Reims gekrönt und gesalbt wurde, 1661, kurz nachdem der Mentor Mazarin gestorben war, de facto seine Herrschaft begann. Seine Erklärung, künftig allein regieren zu wollen, womit die jahrzehntelange Oberherrschaft der Kardinäle an ihr Ende kam, wurde von den Großen des Landes, aber auch dem gemeinen Volk als Rückkehr zu „normalen Zuständen“ begrüßt.

Es boten sich „dem König von Frankreich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts andere Möglichkeiten als etwa dem König von Schweden oder dem römisch-deutschen Kaiser, deren Mittel weitaus beschränkter waren. Der König von Spanien war nach 1659 kein Konkurrent mehr, der König von England war noch keiner – er hatte ja überhaupt erst 1660 seinen Thron wiedererlangt“. So nützte das junge französische Staatsoberhaupt seine Chancen – in jener eigentümlichen monarchischen „Bellizität“, wie sie dem Zeitalter typisch war: Der „Devolutionskrieg“ stützte sich auf Erbansprüche im Herzogtum Brabant, die Ludwig im Namen seiner Frau geltend machte, ermöglichte die Inbesitznahme fast der gesamten Franche Comté und endete 1668 mit dem Frieden von Aachen, der zwar die Spanischen Niederlande in ihrer Substanz bestehen ließen, aber Frankreich doch einige bedeutende Städte und Festungen, darunter Lille, Tournai und Charleroi, zusprach.

Ludwig änderte nichts an der immer noch vorsintflutlichen Finanzverfassung des Landes – besser gesagt, er konnte gegen den Widerstand der Provinzen, des Adels und der Kirche nichts Wesentliches ändern – doch kam mit dem Code Louis von 1667/70 ein Grundlagenwerk zum Rechtsfindungsprozess und besonders zum Strafrecht, das bis zum Ende der Monarchie in Kraft blieb. Auf einem anderen Gebiet der Innenpolitik setzte Ludwig scharfe Akzente: 1685 wurde das vom Großvater Heinrich IV. für die Protestanten erlassene Toleranzedikt von Nantes widerrufen. Wrede führt das auf die Maximen des Reformkatholizismus zurück – früher nannte man es Gegenreformation – die sich Ludwig persönlich zu eigen gemacht hatte und die ihn veranlassten, die evangelischen Franzosen, darunter auch viele Angehörige des Adels, wieder zur Konfession der „ältesten Tochter der Christenheit“ zurückzuführen. Das protestantische Bekenntnis blieb als solches unangetastet, doch war es nun vor allem Staatsdienern quasi unmöglich, ihm zu folgen. Die Maßnahme war damals durchaus populär und Wrede erinnert uns daran, dass Toleranz „noch kein Wert des 17. Jahrhunderts“ gewesen sei. Zu den inneren Reformen des Roi-Soleil zählt schließlich noch der Auf- und Ausbau des stehendes Heeres und die Schaffung einer Marine, die es vorher nur rudimentär gegeben hatte und deren Linienschiffe bald auf 130 anwachsen sollten. Bis zum heutigen Tag trägt die französische Marine den inoffiziellen Beinamen „la royale“.

Solchermaßen vorbereitet konnte man das Ziel weiter verfolgen, „die französischen Grenzen künftig so zu gestalten, dass sie gut zu verteidigen sein würden“. Wieder arbeitete man mit einer fadenscheinigen Rechtsfigur, den sogenannten Reunionen oder „Wiedervereinigungen“, um große Teile des Elsass und am Ende auch Straßburg für Frankreich zu gewinnen. Dies gelang zwar, brachte aber auch die europäischen Nachbarn gegen den Aggressor Frankreich auf. Wrede nennt den Spanischen Erbfolgekrieg in Ludwigs Regentschaft den am besten begründeten und am wenigsten vermeidbaren. Der König von Frankreich sah sich dabei einer großen Allianz aus England, den Niederlanden, dem Kaiser und den meisten Reichsständen sowie Savoyen und Portugal gegenüber. Durch die weiter heranwachsenden Heeresstärken – die Franzosen brachten es zeitweise auf mehr als 400 000 Mann – und die schiere Dauer unterschied sich dieser Waffengang von den übrigen. Es ging hin und her, bis der österreichische Kandidat 1711 als Karl VI. den Wiener Thron bestieg. Denn damit endete die englische Unterstützung, man befürchtete in London eine „Universalmonarchie“, die das europäische Gleichgewicht bedrohen würde. So wurde nun in Utrecht ein Jahr verhandelt, bis im April 1713 (bekräftigt durch den Frieden von Rastatt 1714 zwischen Karl VI. und Ludwig XIV.) durch den Friedensschluss die bourbonische Thronfolge für Spanien besiegelt wurde, mit der Abrede, dass die europäischen Nebenländer (Neapel, Sardinien, Mailand, südliche Niederlande) an Karl VI. fallen sollten. Anders formuliert: Wenn man die Thronfolge in Spanien als den Hauptpreis ansieht, hatte Paris gewonnen, wenn man territoriale Zugewinne und zusätzlich noch den Frieden an der Westgrenze des Reiches höher gewichtet, Wien. Auf Ludwigs Reich bezogen, spricht Wrede von einem Erfolg für die bourbonische Monarchie, „aber weniger für Frankreich: Es ging nichts Wichtiges verloren, es wurde aber auch kaum etwas gewonnen“. Dieses etwas zwiespältige Urteil kann auf die meisten kriegerischen Unternehmungen Ludwigs XIV. ausgedehnt werden. Er war zudem am Ende seines Lebens nicht mehr der unumstrittene Herr der Lage wie ganze Jahrzehnte davor, sondern von europäischen Strukturen und Konjunkturen abhängig, auf die er nur wenig Einfluss besaß. Für viele Europäer war Frankreich unter seiner Ägide zum Hauptaggressor geworden, den man misstrauisch beobachtete.

Bleibt noch die Frage zu beantworten, die Martin Wrede an den Anfang seines präzis argumentierenden Buches stellt: Was bleibt eigentlich von Ludwig XIV., weswegen sollten wir uns seiner erinnern? Der Sonnenkönig wirkte am besten und am meisten als er selber, als der Monarch, der den höfischen Absolutismus auf die Spitze trieb. „Er sah sich von Gott an die Spitze der ... mächtigsten Krone der Christenheit gestellt. Es war an ihm, diese Position zu rechtfertigen beziehungsweise sichtbar zu machen und dabei die Machtmittel, die Frankreich ihm bot, auch zu nutzen.“ Der Satz: „L'État, c?est moi!“ ist nicht belegt, wohl aber auf dem Totenbett: „Ich gehe nun, aber der Staat bleibt.“ Sein Erfolg als Außen- wie als Innenpolitiker war ein relativer, doch war er der prägende Mäzen und Patron der Künste und Wissenschaften seiner Zeit – auch Versailles legt Zeugnis davon ab –, wobei auch auf diesem Gebiet alles der Mehrung seines Ruhmes dienen sollte. Wrede urteilt zu Recht am Ende seines Buches, das einen aufs Wesentliche verknappten Überblick auf dieses bemerkenswerte Leben gestattet und sich nur gelegentlich eine etwas „zeitgeistige“ Sprache leistet: „Ludwig XIV., das lässt sich mit nur geringer Übertreibung sagen, ist König von Frankreich geblieben weit über seinen Tod hinaus. Im Grunde ist er es noch heute.“

Martin Wrede: Ludwig XIV. Der Kriegsherr aus Versailles. Theiss Verlag WBG, Darmstadt, 2015, 304 Seiten, ISBN 978-3- 8062-3160-1, EUR 24,95

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