„Druck von außen ist hilfreich“

Im Zeichen der Missbrauchsskandale: Kardinal Marx sprach bei der Eröffnung eines Master-Studiengangs zum Kinderschutz an der Gregoriana in Rom. Von Guido Horst
Foto: Romano Siciliani | Pater Hans Zollner SJ (m.) und Kardinal Reinhard Marx (r.) bei der Eröffnung des Studiengangs „Safeguarding of Minors“ an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom.

Neben dem Podium ein mit den Splittern zerbrochener Spiegel bestücktes Kreuz. Und über dem Podium weithin sichtbar das Motto der Veranstaltung: „Verwundung spürend wagen wir Veränderung“. Ganz im Zeichen der aktuellen Missbrauchskrisen in der katholischen Kirche hat die Päpstliche Universität Gregoriana in Rom vor einer knappen Woche den zweijährigen Master-Studiengang „Safeguarding of Minors“ eröffnet. Leiter des dortigen „Centre for Child Protection“ (CCP) ist der deutsche Psychologe Hans Zollner SJ, der das Kinderschutz-Zentrum ab Januar 2012 als Gemeinschaftsprojekt der Gregoriana, der Erzdiözese München und Freising sowie der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Ulm aufgebaut hat. Nach einer dreijährigen Startphase bis 2014 wurde der Sitz des Zentrums von München an die Gregoriana verlegt. Den Hauptvortrag bei dem Festakt hielt der Erzbischof, der das Zentrum seit seiner Gründung aus nächster Nähe begleitet hat, der Münchener Kardinal Reinhard Marx. Dass die Deutsche Bischofskonferenz soeben erst einen umfassenden Missbrauchsbericht veröffentlicht hat und dieses leidige Thema auch immer wieder bei der laufenden Jugendsynode angesprochen wird, war den Worten des Kardinals deutlich anzumerken.

Der neue Master-Studiengang ergänzt die bisherigen Angebote des Zentrums, die sich vor allem an die Verantwortlichen für den Kinderschutz und die Missbrauchs-Prävention nicht nur in katholischen Einrichtungen in der ganzen Welt richten. So gibt es einen einsemestrigen Diplomkurs „Safeguarding of Minors“, ein E-Learning-Programm, das weltweit in verschiedenen Sprachen zur Schulung künftiger Trainer angeboten wird, und zahlreiche interdisziplinäre Forschungsprojekte. Das Kinderschutz-Zentrum ist auf internationalen Tagungen und Fachkongressen präsent. An der Gregoriana arbeitet das CCP nicht unter dem Dach einer Fakultät, sondern ist direkt der Universitätsleitung unterstellt.

Wie Pater Zollner bei der Begrüßung sagte, arbeitet das Kinderschutz-Zentrum inzwischen mit 56 Partnerinstitutionen in dreißig Ländern zusammen. Dementsprechend waren viele Botschafter auswärtiger Staaten zu dem Festakt in der Großen Aula der Jesuiten-Universität gekommen, für die diplomatische Vertretung der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl der neue Botschafter Michael Koch. Bisher wurden in den Programmen des CCP fünfzehnhundert Verantwortliche für den Kinderschutz in der ganzen Welt ausgebildet. Als Ziele seiner Arbeit nennt das Zentrum die zunehmende Sensibilisierung innerhalb von Kirche und Gesellschaft für den Kinderschutz, die Förderung einer sicheren Diskussion über die Risiken von Missbrauch, die Vermittlung von Kompetenzen in der therapeutischen Versorgung und Seelsorge, die spirituelle und psychologische Stärkung der Opfer sowie die Schaffung eines globalen Netzwerks in Wissen und Praxis in der Präventionsarbeit.

Kardinal Marx plädierte in seinem Vortrag für strukturelle Veränderungen in der Kirche. Er erinnerte an das Jahr 2010, in dem die Kirche in Deutschland ihre erste Debatte über die Verbrechen von Klerikern an Schutzbefohlenen zu führen hatte – intern, aber auch in der Öffentlichkeit. Damals sei der Druck der Medien auf die Kirche sehr groß gewesen, erinnerte sich der Kardinal. Wer jedoch die Missbrauchsdebatte als Verschwörung der Medien darstelle oder behaupte, pädophile Übergriffe erfolgten vor allem innerhalb von Familien, mache sich zum Komplizen der Täter, warnte Marx: „Missbrauch außerhalb der Kirche macht ihn innerhalb der Kirche nicht besser“, meinte er. Kritiker, auch auf Seiten der Opfer, sollten in diesem Zusammenhang nicht als Gegner, sondern als Helfer des Heiligen Geistes gesehen werden. „Druck von außen ist hilfreich für uns.“ Nur mit diesem Druck von außen könne die Kirche die nötigen Veränderungen vornehmen. Es sei überraschend, schockierend und unverständlich, dass beim Umgang mit sexuellen Übergriffen in der Kirche in der Vergangenheit und teilweise noch heute andere Maßstäbe als in demokratischen Staaten herrschten. Aufarbeitung und Prävention von Missbrauch sei für die Kirche eine „Frage des Überlebens“. Es sei theologisch falsch zu behaupten, die Kirche sei etwas Spezielles, so als sei sie vom Himmel gefallen. Vielmehr sei sie ein Stück menschlicher Gesellschaft, wie die Gesellschaft insgesamt.

Überdies zeigten die Berichte über Missbrauchsskandale in der Kirche weltweit, dass diese ihren Umgang mit Sexualität überdenken müsse, meinte der Kardinal weiter. Bestürzt zeigte er sich über die hohe Zahl von Tätern und Opfern, die der neue Missbrauchsbericht der deutschen Ortskirche zu Tage gefördert habe. Das sei mehr gewesen, als er 2002 – es war der Beginn der Amtszeit von Marx als Bischof von Trier – oder dann 2010 erwartet habe. Das verlange eine Untersuchung systemischer Effekte in der Kirche. Marx mahnte Fortschritte bei der Möglichkeit an, kirchliche Würdenträger zur Verantwortung zu ziehen, wenn diese ihre Pflichten verletzt hätten.

Zum Abschluss nannte Marx drei Prinzipien des Kinderschutzes in der katholischen Kirche. Da sei zunächst die verantwortungsbewusste Führung (governance). Leitung müsse in der Praxis gelernt werden und es habe ein Training in Sachen Führung zu geben. Zudem müsse man Lernfähigkeit (compliance) an den Tag legen. Man habe das schon, aber es müsse weiterentwickelt werden. Und schließlich die Rechenschaftspflicht (accountability). Es werde für die Kirche keine Rückgewinnung der Glaubwürdigkeit geben ohne eine Wandel und systemische Veränderungen, schloss der Münchener Kardinal.

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