Die Zeit der Wahlkampfstars

Demokratie und Werte – gut und schön. Wer an die Macht will, braucht eine Portion Glamour. Wer den nicht hat, kann ihn sich leihen. Von Oskar M. Jacobsen
Foto: dpa | Der Kandidat und sein Trommler: Peer Steinbrück und Günter Grass.
Foto: dpa | Der Kandidat und sein Trommler: Peer Steinbrück und Günter Grass.

Sie sind einem Millionenpublikum bekannt. Viele Menschen identifizieren sich mit ihnen: Film- und Rockgrößen, Literatur- und Kunststars. Ihre Namen sorgen für Schlagzeilen, sie sind umgeben von der anziehenden Aura des Ruhmes. Natürlich sind sie damit auch für den Wahlkampf interessant.

Politprofis schmücken sich gern mit großen Stars. Sie verleihen manchem Kanzler- und Präsidentschaftskandidaten, der kaum mehr als das Charisma eines Ärmelschoners besitzt das gewisse Etwas. Immerhin werden Wahlkampfveranstaltungen auch in Deutschland immer mehr nach amerikanischem Muster zu Unterhaltungsevents durchgestylt. Parteistrategen setzen darauf, dass die Publikumslieblinge Menschen ansprechen, die mit herkömmlichen Wahlkampfmethoden kaum noch hinter dem Ofen hervorzulocken sind. Längst zählt eine gute Show mehr als politische Kernaussagen.

Manche Stars scheinen Blut zu lecken. Jedenfalls die Zahl derer, die den Karrieresprung vom Showgeschäft in die Politik wagen, wächst. Beispiele gibt es vor allem im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Nur dort konnte jemand wie der in Österreich geborene Arnold Schwarzenegger sein Glück machen. Er wurde nicht nur als anabolikabepackter Muskelprotz „Mister Universum“ gefeiert, sondern mutierte als „Terminator“ zum Inbegriff des Androiden. Ohne sein Äußeres nennenswert zu ändern, schaffte er es zum Gouverneur Kaliforniens, wobei dem Republikaner zugute gekommen sein dürfte, dass er in den demokratischen Kennedy-Clan einheiratete. Seine Ex-Frau Maria Shriver war immerhin die Nichte des großen JFK.

Sonny Bono, früher als Teil des Duos „Sonny & Cher“ weltbekannt, schaffte den Sprung ins US-Repräsentantenhaus. Auch wenn er nicht so viele Schönheits-OPs aufweisen konnte wie seine Ex-Frau, wurde er gemeinhin als Politiker akzeptiert. Chers Aussage, er sei Scientologe gewesen, steht aber nach wie vor im Raum. Immerhin: Tom Cruise, den sie als „anbetungswürdigsten Mann, den man sich vorstellen kann“ bezeichnete, zieht es noch nicht in die große Politik.

Zu den von Cher absolut nicht favorisierten Kandidaten zählt ein Schauspieler, der zum weltweit bekanntesten Politstar seiner Zeit wurde: Der Republikaner Ronald Reagan erklomm den Präsidentenstuhl. Vielen konservativen US-Amerikanern gilt Reagan bis heute als der beste Präsident nach dem Zweiten Weltkrieg. Fest steht, ohne seine klare Haltung gegenüber den Sowjets, die Reagans Gegner als kriegstreiberisch missdeuteten, wäre der Ostblock nicht so schnell zusammengebrochen. Karrieren wie die von Schwarzenegger oder Reagan sind in Deutschland bisher undenkbar. Als Kultshowmaster Hans-Joachim Kulenkampff, der ansonsten seine Nebeneinkünfte mit einem Tabakwerbespot aufbesserte („Feuer, Pfeife, Stanwell“), 1969 auch für seinen Duzfreund Willy Brandt warb, kam das einem Kulturschock gleich. Seither ist der Damm gebrochen. Trotzdem steht es um den Glamourfaktor in der deutschen Politik schlecht. Künstler, die sich offen für die Konservativen einsetzten, blieben Mangelware. Uschi Glas sympathisiert seit jeher für die CSU, würde aber eine Politikerin nur spielen wollen. „Ein Faible für starke, unbequeme Frauen habe ich jedenfalls“, gibt das ehemalige „Schätzchen der Nation“ zu Protokoll. Viel weiter geht auch der bekennende Bambi-Preisträger und Agnostiker Joachim Fuchsberger nicht, er wagte sich kurzzeitig in die große Politik, aber nur als Unterstützer für Edmund Stoiber. Selbst zur Wahl anzutreten, hätte sich der smarte Mime wohl kaum getraut. Zumal nicht jedes Engagement unter einem guten Stern steht.

Schlagerstar Claudia Jung ließ sich für die „Freien Wähler“ in den Kreistag des Landkreises Pfaffenhofen wählen und machte auf dem politischen Parkett zeitweise eine bessere Figur als manche Konkurrentin auf der Bühne. Ende Mai musste Jung einräumen, dass sie 2012 ihren Stiefsohn für wenige Monate eingestellt hatte, um ihre digitale Datenbank zu überarbeiten. Gegen gültiges Recht entlohnte sie ihn mit 2 074 Euro aus der Mitarbeiterpauschale für Landtagsabgeordnete. Solche Summen sind für den ehemaligen Raumschiff-Orion-Kommandanten Dietmar Schönherr Peanuts. Als Nicaragua-Aktivist machte er weitaus mehr Kohle. Für den guten Zweck, versteht sich. Doch zu tagespolitischen Fragen nimmt der zornige alte Mann heute kaum noch Stellung, er verbringt sein Leben lieber auf Ibiza.

Von einer gewissen Realitätsflucht schien auch Ex-Kanzler Schröder befallen zu sein, als er euphorisch äußerte: „Ich glaube, Götz George wäre gut“. Was war geschehen? „Bild am Sonntag“ hatte die Frage gestellt, wen er sich als Darsteller in der Verfilmung seiner Karriere vorstellen könnte. Schröder selbst hat schon 2005 aufgegeben, den Staats-Schauspieler zu geben. Einem Parteifreund sagte er: „Jetzt kommt es darauf an, in den Wahlkampf zu gehen. Ich bin gerne bereit, zu Euch in den Wahlkreis zu kommen und Euch den Fischer zu machen“. Das ist zwar weniger als die halbe Miete, aber immer noch besser, als ganz von der Bildfläche verschwunden zu sein. George macht einstweilen erst mal weiter als ewiger „Schimanski“.

Mit den Stars ist es in Deutschland so eine Sache. Im US-Wahlkampf spielen sie hingegen seit langem eine wichtige Rolle. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten bekunden Glamourschwergewichte wie Steven Spielberg, Clint Eastwood oder Beyoncé nicht nur ihre Vorlieben für Mode, Macht und Micky Maus, sondern gerne auch mal, welchen Präsidentschaftskandidaten sie bevorzugen. Das derzeitige amerikanische Staatsoberhaupt kann halb Hollywood zu seiner Anhängerbasis zählen. Um Obama scharen sich die Superpromis, insbesondere, wenn Wahlkampf ist. George Clooney richtete 2012 in seinem Haus ein sogenanntes Fundraiser-Abendessen aus. Bei diesem Luxusdinner für die präsidiale Pop-Ikone Obama kamen mehr als 15 Millionen Euro Wahlkampfspenden zusammen. Der Politstar bedankte sich zurückhaltend, wohl wissend, dass eine zu große Nähe zu Glamourstars im Wahlkampf kritisch bewertet werden kann. Schließlich ist Hollywood-Beau Clooney nicht jedermanns Liebling. Mit Obamas republikanischen Herausforderer Mitt Romney sympathisierten indes nur wenige. Kid Rock, Ex-Mann von Bay-Watch-Nixe Pamela Anderson, spielt immer mal wieder für die Republikaner zum Tanz auf. Auch Filmstar Clint Eastwood legte sich für Romney ins Zeug. Der als „Honky-Tonky-Man“ und „Dirty Harry“ bekannte 82-jährige Mime legte auf dem 2012er Parteitag der US-Republikaner einen erstaunlichen Auftritt hin, in dem er Zwiesprache mit einem leeren Stuhl hielt: „Also, Mr. President, wie gehen Sie mit den vielen Versprechen um, die Sie im letzten Wahlkampf gemacht haben?“

Amtsinhaber Obama reagierte humorvoll und veröffentlichte ein Foto des Auftritts auf seinem Twitter-Account mit dem Kommentar: „Dieser Stuhl ist besetzt“. Ganz so kopflos muss es nicht immer im Wahlkampf zugehen. Rhythm & Blues Sirene Beyoncé ließ mit ungekünstelter Seriosität verlautbaren, Michelle Obama sei eine „liebevolle Mutter“, „liebende Ehegenossin“, ja, schlichtweg „das ultimative Beispiel einer wahrhaft starken afroamerikanischen Frau“. Mehr Stimmungshologramme schienen nicht möglich zu sein. Doch Überzeugungs-Rapper Jay Z., Beyoncés Gatte, setzte noch einen drauf und gab euphorisch zu wissen, wie sehr er es begrüße, dass der US-Präsident für sexuelle Freiheit einstehe.

Nicht alle aus Obamas schillernder Heilsarmee, die ihn bei seiner ersten Wahl tatkräftig ins Amt gehievt hatten, brachten ihm beim zweiten Wahlkampf uneingeschränktes Vertrauen entgegen. Kritik gab es von Harry Belafonte, Oscar-Preisträger Matt Damon und Skandal-Regisseur Michael Moore. Erst Romneys ultra-konservativer Kurs brachte die traditionell linksliberale amerikanische Kulturelite wieder auf Kurs. Gerade mit seiner Unterstützung für die Homo-Ehe strich Obama in Hollywood große Sympathien ein. Sein Leib- und Magenthema seither, das er auch bei seinem jüngsten Deutschlandbesuch ganz nach vorne rückte.

Parteipolitische Sexualkundelehrer sind in Deutschland ungleich schwächer besetzt. Im letzten Bundestagswahlkampf ging Brettl-Lady Maren Kroymann mit einem speziellen Schwulen- und Lesbenprogramm auf SPD-Wahlkampftour. Kein Vergleich zu Obama. Immerhin warb auch Knödelbarde Peter Maffay für die älteste Partei Deutschlands. Allein, es half nichts; für Kandidat Walter Steinmeier galt einfach nicht „Über sieben Brücken musst du gehen“, das Rennen machte Angela Merkel. Dennoch äußerte sich eine SPD-Parteisprecherin erfreut über das Engagement von Prominenten, weil es identitätsstiftend wirke. Eine schöne Feststellung in einer Zeit, in der sich die Parteiwerbung immer mehr an Waschmittelwerbung orientiert.

Wo weichgespülte Wahlkampfslogans nicht mehr helfen, taucht unweigerlich Grünen-Chefin Claudia Roth auf. „Wir wuppen das“, ist eine der schönsten sprachlichen Entgleisungen, die der Betroffenheits-Souffleuse je entglitten ist. US-amerikanischen Glamour verströmt sie damit nicht.

„Wie rasch die Sprache verschleißt, und wie wenig Wahrheit überzeugt, wenn verbrauchtes Wortmaterial sie kaschiert“, so bedeutungsschwanger schrieb Günter Grass 1965 an den SPD-Kanzlerkandidaten Willy Brandt. Das waren noch Zeiten. Immer, wenn er gerade nichts Besseres zu tun hat, zieht Günter Grass für die SPD in den Wahlkampf – und das ist nicht selten. Als Wahlkämpfer für Willy Brandt rührte er erstmals in den 60ern die Blechtrommel. Grass, der seine Karriere auf moralische Überheblichkeit aufgebaut hat, beweist auch heute noch gerne, dass er sich auch nach Verleihung des Literatur-Nobelpreises für nichts zu schade ist. Das Blech, das er zusammentrommelte, ermöglichte 1969 immerhin die erste sozialliberale Koalition, die eine elementare gesellschaftliche Veränderung mit sich brachte. „Mehr Demokratie wagen“, hieß der Slogan, der das heutige moralische Desaster erst ermöglichte. Auch wenn Grantler Grass seit 1993 aus der SPD ausgetreten ist, schimpft er noch für sie. So, als er in dieser Woche bei einer Diskussion mit dem SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück über Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, sie habe eine „doppelte, gesamtdeutsche Ausbildung“ erfahren: als FDJ-Funktionärin in der DDR und dann unter Kanzler Helmut Kohl. „In der FDJ-Zeit hat sie Anpassung und Opportunität gelernt, bei Kohl natürlich den Umgang mit Macht und das Wegboxen von Nebenbuhlern.“

Auch Guido Westerwelle hat schon sein Fett abbekommen: Als Grass auf jenen „großmäuligen Schaumschläger“ anhob, war keine Selbstbezichtigung gemeint, sondern der frühere FDP-Chef. Den damaligen Linkenboss Oskar Lafontaine bestrafte er gar mit Liebesentzug, denn, wo er ihn früher gern in Anlehnung an seinen Blechtrommler-Helden als „Oskar den Trommler“ verbal streichelte, schlug er ihm nun entgegen, Oskar sei ein „Meister der Demagogie“. In solchen aufwieglerischen Sternstunden seiner Dichtkunst kokettiert der Literaturnobelpreisträger gerne auch mit Aussagen wie: „Ich bin weiß Gott kein Ersatz für den Bundeskanzler, wohl aber bin ich ein erprobtes Wahlkampfross“.

Doch haben die Stars aus Pop, Film und Kunst tatsächlich Einfluss auf die Wähler? Parteienforscher Jürgen Falter analysiert nüchtern: „Der Nutzen von Prominentenwerbung für eine Partei ist umstritten, der Schaden eindeutig – zumindest für die Prominenten“. In den USA jedoch meinen politische Analysten festgestellt zu haben, dass beispielsweise die Unterstützung der Star-Talkerin Oprah Winfrey für Barack Obama ihm den entscheidenden Vorteil im Rennen mit Hillary Clinton einbrachte, wodurch er seine innerparteiliche Mitbewerberin überflügeln konnte.

Ähnliches gibt es in Deutschland nicht. Annähernd vergleichbar ist allenfalls die Politikverdrossenheit. Dagegen scheint kein Kraut gewachsen. „Wähl mich, ich versprech dir das Blaue vom Himmel (...) ich mach auf Kumpel, denn ich brauch deine Stimme...“, rappt der deutsche Rap-Star Sido und sagt damit mehr als hundert Wahlanalysen.

In den USA hat man sich längst daran gewöhnt, dass fast die Hälfte der Bürger nicht zur Wahl geht, manchmal liegt die Wahlbeteiligung sogar unter 50 Prozent. Ob die chronische Politikmüdigkeit durch Showeinlagen abzuwenden ist, darf bezweifelt werden. Die Wähler wollen nicht nur zwischen „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ oder „Verbotene Liebe“ wählen, deren Stars so verwechselbar sind, wie die Politiker und Parteien selbst. Ein eindeutiges Profil könnte Wunder wirken. Vielleicht ist dann auch gegen die Politikverdrossenheit ein Kraut gewachsen. Eine Alternative könnte eine Politik sein, die wieder wirkliche Werte vermittelt. Der so gern beschworene „mündige Bürger“ will keine Show, er will ehrliche Politik und authentische Politiker. Alles andere ist nur Theater.

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