„Die Welt aus den Angeln heben“

In Rom ehren die Kapitolinischen Museen den großen Archimedes mit einer Ausstellung über das Erfinder-Genie der Antike. Von Natalie Nordio
Foto: Nordio | Die Weltkugel-Wippe auf dem Treppenabsatz: Bereits Archimedes hat das Gesetz der Hebelwirkung erkannt.
Foto: Nordio | Die Weltkugel-Wippe auf dem Treppenabsatz: Bereits Archimedes hat das Gesetz der Hebelwirkung erkannt.

„Heureka“ soll Archimedes nach Überlieferungen von Plutarch und Vitruv gerufen haben, als er beim Baden das nach ihm benannte Archimedische Prinzip entdeckt hatte. Aus der bis zum Rand gefüllten Wanne sei genau die Menge an Wasser ausgelaufen, die er beim Hineinsteigen mit seinem Körper verdrängte hatte. Die gewonnene Erkenntnis half ihm auch dabei, den Betrugsversuch eines Goldschmieds an König Hieron II. von Syrakus aufzudecken. Der Schmied hatte der goldenen Krone des Herrschers billigeres Silber beigemischt, wurde jedoch von Archimedes entlarvt. Dies ist nur eine von vielen Legenden, die sich um den großen Wissenschaftler der Antike ranken.

Archimedes wurde um das Jahr 287 vor Christus vermutlich in Syrakus auf Sizilien geboren. Sein Vater Pheidias war Astronom am Hofe Hierons II. und mit diesem gut befreundet und vielleicht sogar entfernt verwandt, wie einige Quellen mutmaßen. Eine wissenschaftliche Karriere und ein guter Draht zum Königshaus waren Archimedes also mehr oder minder in die Wiege gelegt. Auf dem ersten Treppenabsatz des ehrwürdigen Konservatoren-Palasts der Kapitolinischen Museen steht vor einer Stellwand mit der Aufschrift „Archimede. Arte e scienza dell’invenzione“ eine Wippe. Den rechten Platz besetzt eine Pappmaché-Weltkugel, der linke Sitzplatz ist noch frei. Direkt darunter ist ein großer blauer Punkt auf den Boden geklebt, auf dem zu lesen ist: „Gebt mir einen festen Punkt, auf dem ich stehen kann, und ich werde die Welt aus den Angeln heben.“ Darunter die Aufforderung an die Besucher, stehen zu bleiben und selbst zu versuchen, die Weltkugel anzuheben. Die kleineren Ausstellungsbesucher freuen sich darüber besonders. Endlich darf im Museum mal etwas angefasst werden und es eilt nicht sofort ein strenger Ordner herbei, der in höchst bissigem Ton „non toccare! – nicht anfassen“ meckert.

Syrakus, die Heimatstadt von Archimedes, steht im Zentrum des ersten von acht Teilen, die die Ausstellung gliedern. Im dritten vorchristlichen Jahrhundert genoss die Stadt als kleines, aber wegen ihrer geografisch-strategisch günstigen Lage dennoch wichtiges Territorium innerhalb der hellenistischen Welt, eine Zeit der Blüte und des Wohlstands. In solch einem kulturpolitischen Klima herrschten für den jungen Archimedes und seine Forschungen geradezu ideale Bedingungen. Mit viel Geschick und Feingefühl hatte es Hieron II. verstanden, diplomatische Beziehungen zu den unterschiedlichen griechischen Königreichen, nach Kleinasien, Ägypten und vor allem nach Rom zu pflegen. Er machte Syrakus zu einem der wichtigsten Anlaufpunkte innerhalb der komplexen Handelsbeziehungen des Mittelmeerraums. Die wirtschaftlich gute Lage schlug sich in einer wahrhaftigen Bauwut in der antiken Stadt nieder. Das griechische Theater aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus wurde unter Hieron II. erweitert und das antike Stadtzentrum mit einem neuem, dem Göttervater Zeus geweihten Tempel versehen. In unmittelbarer Nähe des griechischen Theaters stiftete Hieron II. zudem einen Altar, der mit einer Länge von knapp zweihundert Metern einem antiken Station gleichkam. Drei kleine Vasen und einige Opferschalen, die in einer Art Votiv-Graben unmittelbar neben dem Altar gefunden wurden, haben ihren Weg gemeinsam mit weiteren Fundstücken von Syrakus in die Kapitolinischen Museen gefunden und illustrieren, was die Texttafeln dem Betrachter erklären. Hundertfünfzig Originale aus Neapel, Syrakus, Rom und Berlin bilden gemeinsam mit mehr als zwanzig neu angefertigten Modellen des großen antiken Tüftlers und kurzen Komik-Filmen das Herz der Ausstellung. Als „ein längst überfälliges Muss“ bewertete Paolo Galluzzi, Direktor des Galileo-Museums, die Ausstellung, denn „zu Ehren Archimedes hat es noch nie eine gegeben“. Nur durch die enge Zusammenarbeit verschiedener musealer Institutionen wie dem in Florenz beheimateten Galileo-Museum, dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, natürlich den Kapitolinischen Museen und vielen anderen Trägern war ein solches Großprojekt überhaupt möglich.

Neben Syrakus war vor allem Alexandrien im dritten vorchristlichen Jahrhundert ein wahres Mekka der Wissenschaft. Auch Archimedes soll sich dort einige Zeit aufgehalten haben, um seine mathematischen Studien zu vertiefen. Als sicher gilt, dass er mit den berühmtesten Mathematikern Alexandriens, Dositheos, Eratosthenes und Konon, ein freundschaftliches Verhältnis pflegte und mit ihnen in wissenschaftlichem Dialog stand.

Allgegenwertig zieht sich das Phänomen Archimedes wie ein roter Faden durch die Räume. Ob als Protagonist zahlreicher Ölgemälde – reine Phantasiedarstellungen, da keiner wirklich Kenntnis hat, wie Archimedes ausgesehen haben könnte – oder als kluger Kopf hinter technischen Meisterleistungen wie dem ausgeklügelten Bogen- und Gewölbebau der Bäderanlage von Morgantina, etwa achtzig Kilometer von Syrakus in der Provinz Enna. Zwar legte Archimedes hier nicht selber Hand an, doch waren es seine mathematischen Berechnungen über die Kugel, die den entscheidenden Schritt, so zu bauen, erst möglich machten. Die komplizierte Rechnerei wird anhand eines Filmes kinderleicht erklärt. Einige an Sauerstoffflaschen erinnernde Tongefäße, aus der Mitte des dritten Jahrhunderts vor Christus, die beim Bau der Bögen zum Einsatz kamen, veranschaulichen die Technik zusätzlich. Es ist genau diese Mischung der antiken Exponate mit modernen Hilfsmitteln, die den besonderen Reiz der Ausstellung ausmacht.

Am Ende eines Raumes nimmt man Geräusche war, die für eine Ausstellung doch eher ungewöhnlich sind – Wasserplätschern und Vogelgezwitscher. Spielerisch veranschaulicht ein kleiner Brunnen Archimedes' Studien über die Druckverhältnisse und Umverteilung von Wasser- und Luftmassen. Immer wieder pumpt der Brunnen Wasser, ergießt sich in einer kleinen Fontäne und bringt als netten Nebeneffekt eine Gruppe seitlich angebrachter Vögel aus Bronze zum Zwitschern. Der schneckenförmig gewundenen Schraube, die weithin als Archimedische Schraube bekannt ist, begegnet man gleich mehrmals. Vielseitig einsetzbar diente sie aber vor allem zum Transport von Wasser auf ein höheres Niveau oder zum Abtragen von Erde und Geröll. In einem kleinen Glaskasten ist ein Schiffmodell aufgestellt, das über ein Tau am Bug befestigt mit einer Winde verbunden ist. Kaum zu glauben: Auch hier dürfen die Besucher mit eigenen Händen Archimedes Erfindungen testen und sich an der Kurbel der Seilwinde zu schaffen machen.

Ein Raum steht ganz im Zeichen seiner Kriegsmaschinen zur Verteidigung der Stadt gegen die Römer im Jahre 212 vor Christus Besonders die als archimedische Kralle bezeichnete Waffe, die sich wie eine Harpune beim Walfang in den Rumpf der Schiffe bohrte und diese zum kentern brachte, und die Brennspiegel, die auf der Stadtmauer angebracht die gegnerischen Boote in Brand setzten, haben ihn als Meister der Verteidigung berühmt gemacht. Kein Wunder, dass der Feldherr Marcus Claudius Marcellus großes Interesse an Archimedes gehabt hatte und mehr als erbost darüber gewesen war, dass einer seiner Soldaten den großen Wissenschaftler getötet hatte.

Im letzten Teil der Ausstellung dreht sich alles um Geometrie und Physik. Kleine und große Holzmodelle geometrischer Körper bestimmten neben zig weiteren Modellen von Flaschenzügen, Brückenwaagen, unterschiedlichen Hebel- und Seilwinden die Räume. Überall darf gekurbelt, gedreht, gezogen und ausprobiert werden. Und das Angebot nutzen nicht nur die Kleinen. Gestandene Männer kurbeln und drehen, was die Arme hergeben. Besonders die beiden konkav gewölbten Parabolspiegel, die jeweils an einem Ende des Ganges aufgestellt den Schall von einem zum anderen transportieren, erfreuen sich bei den Besuchern großer Beliebtheit. Wer erinnert sich da nicht an in der Kindheit selbst gebastelte Telefone aus Joghurtbechern und Packet-Schnur, die nach dem gleichen Prinzip funktionieren. Dass der Erfinder aber ein gewisser Archimedes vor über zweitausend Jahren gewesen war, wussten bisher wohl die wenigsten.

Piazza del Campidoglio 1, I-00186 Rom, geöffnet bis Januar 2014.

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