„Die Welt als Bühne“

Große Bilderschau in München: Die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung zeigt in der Ausstellung „Mythos Welt“ Werke von Max Beckmann und Otto Dix. Von Susanne Kessling
Foto: Museum | Max Beckmann: „Kreuzabnahme“, Öl auf Leinwand, 1917.
Foto: Museum | Max Beckmann: „Kreuzabnahme“, Öl auf Leinwand, 1917.

Es ist nicht bekannt, ob sich Otto Dix (1891–1969) und Max Beckmann (1884–1950) je begegnet sind. Beide prägten mit ihrem Werk das kulturelle Leben der Weimarer Republik entscheidend. Wie so viele ihrer Zeit wurden auch sie von den Schrecken der zwei Weltkriege traumatisiert und teilten das Los der „entarteten“ Künstler. Die Ausstellung „Mythos Welt“ in der Hypo-Kulturstiftung in München widmet sich den beiden großen Malern. Bereits zu ihrer Zeit waren ihre Bilder gemeinsam in der wegweisenden Schau in der Kunsthalle Mannheim 1925 zu sehen. Seitdem sind sie stilistisch unter dem Begriff der „Neuen Sachlichkeit“ subsumiert, die sie als wichtigste Vertreter nachexpressionistischer figürlicher Malerei einordnet. In der Gegenüberstellung ihrer im Museumseingang gezeigten Porträts manifestieren sich bereits die unterschiedlichen künstlerischen Positionen. Hier der weltmännisch-elegante Beckmann mit ruhigem, konzentriertem Blick, die Pfeife im Mund, dort Dix in altmeisterlicher Peinture vor der Staffelei, der den Betrachter unter zusammengezogenen Brauen eindringlich fixiert. Auch das gewaltige Porträt von Heinrich George (1893–1946), dem Charakterdarsteller, zeigt mit der vor Energie nur so strotzenden Gestalt die ganze Bandbreite an malerischen Möglichkeiten des Otto Dix. Den Schauspieler malt 1935 auch Beckmann. Hier wird er im Kreise seiner Familie dargestellt, breitbeinig und grobschlächtig. Beckmann und George hatten sich in Frankfurt kennengelernt und trafen sich später in Berlin wieder, wo George ein Engagement am Deutschen Theater hatte.

Beckmann stammte aus gutbürgerlichen Verhältnissen. Sein Vater, ein Getreidekaufmann, starb als der Sohn zehn Jahre alt war. Im Oktober 1900 begann Beckmann ein Studium an der Großherzoglichen Kunstschule in Weimar. Hier lernte er Minna Tube (1881–1964) kennen, eine der ersten Frauen, die an einer Kunstakademie eingeschrieben ist. Als Mitglied der Berliner „Sezessionen“ setzte er schon früh Impulse gegen den Akademismus.

Der in der Nähe von Gera (Thüringen) geborene Dix war Sohn eines Arbeiters. „Vom 14–18ten Lebensjahr lernte ich Dekorationsmaler, d.h. ich lernte Hühnerställe ausmisten, Decken & Wände abkratzen, Farbe reiben, Fußböden, Zäune & Sockel streichen und Stiefel vorschriftsmäßig putzen. Sonntags ging ich Landschaften malen“, so Dix in seiner Biographie um 1924. Bei seinen Besuchen in der Gemäldegalerie Dresden konnte er die alten Meister studieren und unterschiedliche Stile ausprobieren, die ihn während seines gesamten Schaffens als Grundlage dienten. Eine Van Gogh-Ausstellung 1912 in der Dresdener Galerie Arnold inspirierte ihn zu dem Gemälde „Sonnenaufgang“ von 1913. Dick und pastos ist der Farbauftrag des Feldes, von dem die Raben auffliegen. Im Zentrum des Bildes hat sich die Sonne gegen die Ausläufer der Nacht durchgesetzt. Sie scheint förmlich zu explodieren.

Im Kaiserreich geboren gelten Otto Dix und Max Beckmann als die deutschen Repräsentanten der klassischen Moderne schlechthin. Beide bleiben in ihrer Kunst dem Gegenständlichen verpflichtet und entwickeln einen ihnen eigenen, unverkennbaren Stil. Da ist zum einen bei Beckmann die charakteristische Anordnung der Menschen und Dinge im Raum. „Es ging ihm darum, die Gegenständlichkeit in einer neuen Kunstform umzusetzen, die Raum (als Gestaltungsprinzip der traditionellen Malerei) und Fläche (als Prinzip moderner, das heißt postimpressionistischer Malerei) miteinander verzahnt“, so Ulrike Lorenz, die neben der Beckmann-Expertin Beatrice von Bormann die Kuratorin der Ausstellung ist. Bei Otto Dix dagegen ist es vor allem in seinen Porträts dieser überzeichnende, oft schockierende Realismus, der schonungslos die Charakteristika der Dargestellten bloßlegt, teilweise karikiert und somit für den Abgebildeten nicht immer schmeichelhaft war.

Beide Künstler wurden von den Ereignissen des Ersten Weltkrieges geprägt. Zunächst war es der Aufbruch in ein großes Abenteuer, dem man enthusiastisch entgegensah, dann folgte die Ernüchterung. Bei Ausbruch des Krieges kam Max Beckmann als Sanitätshelfer zum Einsatz, der für ihn bereits nach acht Monaten wieder beendet sein sollte. Inzwischen hatten er und Minna geheiratet. Später wird Dix in einem Zeitungsartikel sagen: „Man muss den Menschen in diesem entfesselten Zustand gesehen haben, um etwas über den Menschen zu wissen.“

Wie Ernst Jünger (1895–1998) in seinem Tagebuch die Erlebnisse des Krieges festhielt, die jüngst unter dem Titel „Feldpostbriefe an die Familie, 1915–1918“ (Klett-Cotta) publiziert wurden, so schrieb auch Beckmann Briefe an seine Frau, die sie wiederum in der Zeitschrift „Kunst und Künstler“ veröffentlichen ließ. Für beide, Dix und Beckmann, war der Erste Weltkrieg die „Stimulanz für ihr Schaffen“, wie es Birgit Schwarz und Michael Viktor Schwarz treffend in ihrem Beitrag zum Ausstellungskatalog erläutern. Beide Künstler verarbeiten die Schrecknisse des Infernos in Radierungen, bei denen Beckmann seinem Einsatz als Sanitäter entsprechend eher die Toten und Verwundeten zeigt. Seine Grafiken entstehen noch während des Krieges, während Dix erst 1923/24 seinen 50 Blatt umfassenden Radierzyklus „Krieg“ veröffentlicht.

Im Gegensatz zu Max Beckmann hat Otto Dix weder Schriften noch Bücher publiziert. Doch allein 1 000 Dokumente, wie Briefe und Postkarten aus dem Nachlass des Künstlers, wurden von Ulrike Lorenz 2011 gesichtet und ausgewertet und gewähren einen wertvollen Einblick in seine persönlichen Lebensumstände. Die Auseinandersetzung beider Maler mit wegweisenden Vorbildern der Kunstgeschichte wird in der Ausstellung immer wieder deutlich.

In der „Kreuzabnahme“ von 1917, die aus New York in die Ausstellung nach München kam, verarbeitet Beckmann, den die altdeutschen Meister und Druckgrafiken des 15. Jahrhunderts begeisterten, seine Eindrücke des Isenheimer Altars von Grünewald. Es sind die weit ausgebreiteten, überlängten Arme Christi, die nahezu die ganze Bildbreite einnehmen und die den Leib stützenden Männer mit den trauernden, sich abwendenden Frauen verbinden. Die ganze Drastik der Komposition wird noch durch das grau-fahle Kolorit unterstrichen. Selbst die Sonne als dunkelrot schimmernde Scheibe kann die Szene nicht mit Wärme erfüllen. „Die a-naturalistischen Figurenproportionen, die zeichenhaften Gesten und die Bildanlage in flächenparallelen, abschließend zuweilen farb- und gegenstandsneutralen Raumschichten“ zeigen seine Auseinandersetzung mit dem berühmten Vorbild, so Volker Gebhardt in seiner Analyse zur Wirkung der Gotik auf Max Beckmann.

In der nach Mannheim jetzt in München gezeigten Schau werden über 180 Gemälde, Grafiken und Zeichnungen präsentiert und vermitteln dem Betrachter einen Eindruck des Schaffens zweier herausragender Meister der Moderne. „Die Welt als Bühne“ (Lorenz) diente für Otto Dix und Max Beckmann als Inspiration. Der Besucher lernt in der Ausstellung diesen künstlerischen Kosmos in thematisch gruppierten Sektionen kennen. In ihnen werden die Gemeinsamkeiten, aber auch die Unterschiede beider Künstler deutlich. So waren Dix, wie auch Beckmann, begeisterte Anhänger von Zirkus und Varieté. Die „Goldenen Zwanziger Jahre“ finden in Beckmanns „Tanz in Baden Baden“ von 1923 oder in Otto Dix' „An die Schönheit“ (1922) thematisch ihren Niederschlag. Aber auch religiöse und biblische Motive wurden aufgegriffen. So sind von Otto Dix „Lot und seine Töchter“ (1939), „Der heilige Christopherus IV“ (1941) oder die „Verkündigung der Hirten“ (1942) zu sehen. Galten beide Künstler noch in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts als „typisch deutsche“ Maler, wendete sich das Blatt mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Ihre Bildwerke wurden als „entartet“ eingestuft und waren wohl 1937 in der Propaganda-Ausstellung zum letzten Mal gemeinsam in München ausgestellt. Dix zog sich in der NS-Zeit an den Bodensee zurück. Beckmann emigrierte zunächst nach Amsterdam und später nach Amerika. Beide verarbeiteten die im Krieg gemachten Erfahrungen. Dix konzentrierte sich auf die Leidensgeschichte Christi. Auch Beckmann dienten nach 1945 biblische Erzählungen als Grundlage für seine Gemälde.

„Dix – Beckmann. Mythos Welt.“ Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, Theatinerstraße 8, 80333 München. Öffnungszeiten: Täglich 10-20 Uhr. Katalog Dix Beckmann Mythos Welt. 247 Seiten Hirmer Verlag München. ISBN 978-3- 7774-2009-7, Preis in der Kunsthalle 25,00 Euro

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