„Die trauen sich was“

Literatur in Krisenzeiten setzt auf den Mut des Menschen zur Selbsterkenntnis. Von Anna Sophia Hofmeister
Foto: dpa | Der Schriftsteller J. M. Coetzee hat einen neuen Roman mit dem Titel „Die Kindheit Jesu“ veröffentlicht.
Foto: dpa | Der Schriftsteller J. M. Coetzee hat einen neuen Roman mit dem Titel „Die Kindheit Jesu“ veröffentlicht.

Krisen sind Umbruchzeiten. Zeiten, in denen die Frage nach einer Richtung existenzielle Bedeutung gewinnt. Zeitgenössische Romane spiegeln ihre Gegenwart wieder: Oft sind es Schriftsteller, die immer wieder seismographisch auf solcherlei Frage eine mögliche Antwort formulieren. So nimmt es nicht Wunder, dass in den Regalen auf der Messe in Frankfurt in diesem Jahr viele Bücher stehen, die direkt aus Finanzkrisen, Naturkatastrophen, Bürgerkrieg, Ausbeutung und Unsicherheiten gewachsen zu sein scheinen.

„Frühling der Barbaren“ (C. H. Beck) heißt die Debütnovelle des Wahlmünchners Jonas Lüscher. Das Lehrstück zeigt, wie dünn die Decke der Zivilisation in der Krise ist. Lüschers Protagonist, der Schweizer Fabrikerbe Preising, wird auf einer Geschäftsreise in einem tunesischen Oasenresort Zeuge aufwendiger Hochzeitsvorbereitungen. „Obszön“ reiche junge Engländer aus der Londoner Finanzwelt haben Freunde und Verwandte für ein ausschweifendes Fest versammelt, als die wirtschaftlichen Krisensignale Alarm schlagen: Das britische Pfund stürzt ab, kurz darauf ist England bankrott. Mit Folgen, die auch Tunesien nicht unberührt lassen; auch nicht die Firma von Preising, der dort billig durch Kinderhände fertigen lässt. „Wo das Geld ist, ist die Wahrheit“, heißt es auf Seiten der Reichen, doch Preising, ein träger Mann, „fürchtete das Geld, wie er jedes Werkzeug fürchtete“. Er müsste sich entscheiden, mutig sein. Doch er schafft es nicht. Ohne zu handeln und ohne Verantwortung zu übernehmen beobachtet er lediglich das Geschehen, das in der Barbarei endet. Mit geradezu beiläufiger Sprache beschreibt Lüscher den Untergang einer Gesellschaft, der dem Aufgang, dem „Frühling“ der Unmenschlichkeit die Straße ebnet.

Anders als Preising, den seine Lethargie in die psychische Anstalt bringt, schafft es der Protagonist in Alina Bronskys Roman „Nenn mich einfach Superheld“ (Kiepenheuer&Witsch), durch Tätigkeit seine Psyche zu heilen. Marek war ein beliebter junger Mann, bis ihm ein Rottweiler das Gesicht zerbiss. Seither sitzt er in der U-Bahn immer allein. Mithilfe einer Selbsthilfe-Gruppe, die er täglich verflucht, aber wegen einer hübschen Rollstuhlfahrerin nicht verlässt, beginnt er regelmäßig, seinen inneren Schweinehund zu überwinden – was dazu führt, dass er seinen Weltschmerz für immer vergisst. Alina Bronsky beschreibt mit einem Schmunzeln, wie einer, der sein Gesicht verlor, sich wiederfindet und Zufriedenheit gewinnt. So auch in dem neuen Roman von J. M. Coetzee mit dem Titel „Die Kindheit Jesu“ (Fischer-Verlag). In einem fremden Land finden sich ein Mann und ein Junge, um ihr Leben neu zu erfinden. Coetzee schreibt eine Allegorie auf die Emigration und die Einsamkeit einer Flucht: Simón und David müssen nicht nur eine neue Sprache lernen, sondern auch eine Mutter für David suchen. In der Sonnenbrille des Jungen spiegelt J. M. Coetzee unsere Welt, die es Flüchtlingen so schwer macht. Doch Simón und David setzen sich durch, weil sie trotz neuer Namen und neuer Sprache sie selbst bleiben. Nur so können sie die Krise durchstehen, in der alles Nebensächliche des Umgangs verliert und die elementarsten Gesten sichtbar werden. Die sind liebevoll und machen Mut.

Mutig ist auch der etwa zehnjährige Junge, der vor dem Haupteingang zur Frankfurter Buchmesse an einem aus Plastikeimern konstruierten Stand sein Erstlingswerk verkauft. Die zwanzig Seiten handeln von Außerirdischen. „Süße Rüssli“ seien die, sagt er, „und die trauen sich was“. Sein Stand geht ein wenig unter zwischen all den anderen Bücherstapeln zum Verkauf. Doch er bleibt tapfer sitzen, die Arme wegen der Kälte verschränkt.

Themen & Autoren

Kirche