Die therapeutische Kraft des Erzählens

Warum sich die „Odyssee“ in der Gedächtnis der Menschheit eingeprägt hat. Von Clemens Schlip

Am Anfang der europäischen Literatur stehen die Epen „Ilias“ und „Odyssee“. Die Odyssee ist dabei für einen modernen Leser leichter zugänglich als die Ilias mit ihren langen Schlachtenbeschreibungen und Aufzählungskatalogen. Die Geschichte des Odysseus, der nach langjähriger Abwesenheit im Trojanischen Krieg unter mannigfachen Gefahren und Anfechtungen zu seiner Frau und seinem Sohn zurückkehrt, erweckt unmittelbar menschliches Interesse und enthält zahlreiche Spannungselemente. Dies schon alleine dadurch, dass daheim auf der Insel Ithaka viele Freier sich um die Hand der Gattin des vermeintlich verschollenen Königs bemühen und diese ihr Widerstreben immer schwerer aufrechterhalten kann, weil die Freier als unerwünschte Dauergäste Haus und Hof auffressen. Wird ihr Gatte es rechtzeitig nach Hause schaffen? Vieles stellt sich Odysseus in den Weg und verzögert seine Rückkehr. Am Ende freilich wird alles gut: Der Heimgekehrte erschlägt die frechen Freier und das liebende Paar ist nach zwanzigjähriger Abwesenheit wieder vereint. Die Odyssee ist somit maßgebend für literarische Abenteuergeschichten geworden, die ihren Helden nach vielen Leiden schließlich doch zu einem happy end führen.

Woran liegt es, dass diese Erzählung sich dem Gedächtnis der Menschheit eingeprägt hat? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Heidelberger Gräzist Jonas Grethlein in seinem Buch „Die Odyssee und die Kunst des Erzählens“, in dem er die narrativen Strukturen im Werk und die erzählerischen Techniken seines Verfassers beleuchtet.

Von manchen interpretatorischen Übertreibungen heutiger Literaturwissenschaftler grenzt Grethlein seinen Ansatz vernünftigerweise ab: „Das beliebte Spiel, vermeintlich (post)moderne Phänomene im Epos zu entdecken, verkürzt seinen hermeneutischen Reichtum und unterschlägt seine Fremdheit.“

Die Odyssee ist nicht nur eine Erzählung, es wird auch in ihr viel erzählt. Grethlein zeigt, wie der Verfasser der Odyssee in seinem Werk über seine eigene Tätigkeit als Erzähler reflektiert. Dabei kommen viele verschiedene Aspekte zur Sprache. Darunter ist auch die therapeutische Kraft des Erzählens. Als Odysseus am Hof des Phäakenkönigs einen Sänger von seinen eigenen Taten im Trojanischen Krieg berichten hört, nimmt ihn das emotional so mit, dass er zu weinen beginnt. Überhaupt reagieren die Personen des Werkes auf Erzählungen anderer oft mit emotionaler Ergriffenheit. Auf diese Weise machen sie deutlich, wie narrative Texte auf Leser wirken können.

Auch die in der Odyssee von Odysseus selbst vorgetragenen Erzählungen von den Abenteuern, die er nach dem Fall Trojas bis zum Zeitpunkt der Handlung schon erlebt hat, lassen sich als Versuch lesen, seine traumatischen Erlebnisse zu bewältigen. Zu diesen „Apologen“ gehört die bekannte Geschichte von der Begegnung mit dem Zyklopen Polyphem: Dieser hält den Odysseus und seine Gefährten, die in seine Höhle gekommen sind, wider ihren Willen fest und frisst einige der Griechen, bis es Odysseus durch eine List gelingt, das einäugige Ungeheuer zu blenden und zu entkommen.

Von Interesse sind auch Grethleins Ausführungen zur „Telemachie“: Homer erzählt in der Odyssee auch von einer Reise, die Telemach, der daheimgebliebene Sohn des Odysseus, unternimmt, um etwas über den Verbleib seines Vaters zu erfahren. Diese „Telemachie“ hat man oft als „Bildungsroman“ gelesen, in dem der Halbwüchsige zum Mann heranreift. Grethlein widerspricht dieser Deutung mit guten Gründen: Denn faktisch lässt nicht feststellen, dass Telemach hier eine innere Entwicklung durchmacht. Grethlein zeigt auf, wie dieses Missverständnis auf die unterschiedlichen Persönlichkeitskonzepte zurückgeht, die in Antike und Moderne jeweils vorherrschen. Was antike Leser interessierte, war nicht eine „innere Reifung“, sondern die „äußeren Prüfungen“, durch die Telemach zur Tugend findet, wobei seine Charakterzeichnung vorher und nachher unverändert typenhaft bleibt.

Gelungen sind auch Grethleins Ausführungen zur homerischen „Formelsprache“ und „typischen Szenen“. Oft begegnen im antiken Epos feste Wortfügungen, die teilweise sogar einen Vers oder mehrere Verse umfassen können (so heißt es immer wieder bei Beschreibung eines Tagesanbruches: „Als aber die rosenfingrige Morgenröte erschien“). Zudem gibt es Szenenmuster, die sich in der Handlung wiederholen: Wenn etwa in der „Ilias“ ein Held seine Rüstung anlegt, ist die Reihenfolge der angelegten Stücke immer die gleiche, auch wenn der Vorgang jeweils in unterschiedlicher Ausführlichkeit geschildert wird. Grethlein zeigt, wie diese Wiederholungen nicht nur das Auswendiglernen dieser Texte erleichterten, sondern darüber hinaus auch sinnstiftend sein können, indem sie den Leser anregen, solche Szenen, in denen die entsprechende Formel Verwendung findet, zueinander in Beziehung zu setzen.

Grethlein verfügt souverän über die umfangreiche Forschungsliteratur und bindet auch archäologische Zeugnisse klug in seine Argumentation ein. Auch in der Rezeptionsgeschichte der homerischen Epen kennt er sich aus. Besonders herausgestellt wird der italienische KZ-Überlebende Primo Levi, der in seinen autobiographischen Berichten das eigene Schicksal immer wieder vor der Folie der Odysseus-Gestalt reflektierte.

Wenig überzeugend ist allerdings Grethleins Versuch, das Verhalten des Odysseus gegenüber dem Zyklopen Polyphem in Analogie zu dem der Freier gegenüber Odysseus selbst zu sehen: auch Odysseus verhalte sich durch sein Eindringen in die Höhle des Zyklopen falsch. Umgekehrt gleiche die Tötung der Freier durch Odysseus dem kannibalischen Verhalten des Polyphem gegenüber seinen griechischen Gefangenen. Zwar muss Grethlein gleich darauf zugeben, dass bei Homer kein Zweifel daran besteht, dass die Bestrafung der Freier gerecht war (wie auch kein Zweifel besteht, dass Polyphem ein bösartiges Monstrum ist). Dennoch meint er, die Odyssee sei eben „ein vielschichtiger Text, der ganz verschiedene – auch widersprüchliche – Perspektiven auf seine Handlung eröffnet“. Das Auffinden von „Multiperspektivität“, die es dem Leser letztlich freistellt, welcher Perspektive er sich persönlich anschließen möchte, ist heute ein beliebtes Spiel. Meist bleibt dabei allerdings offen, welches Interesse ein antiker Autor denn eigentlich daran gehabt haben sollte, neben die Hauptaussage seines Textes (hier: der Freiermord ist gerechtfertigt) noch eine andere Perspektive zu stellen, die diese Hauptaussage destabilisiert und es dem Leser theoretisch ermöglicht, sich der Hauptaussage gerade nicht anzuschließen.

Trotz solcher gelegentlich zu erhebenden Einwände: Auch wer der modernen Narratologie skeptisch gegenübersteht, kann dieses Buch mit großem Gewinn und Genuss lesen.

Jonas Grethlein: Die Odyssee. Homer und die Kunst des Erzählens. Verlag C.H. Beck, München 2017, 329 Seiten, geb., ISBN 978-3-406-70817-6, EUR 26,95

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