Die Suche nach der Urmusik der Menschheit

Anreger, Vordenker und Kulturvermittler: Vor 200 Jahren starb Abbé Georg Joseph Vogler, ein Komponist von europäischer Bedeutung. Von Werner Häußner
Foto: IN | Musiker von europäischem Rang: Abbé Georg Joseph Vogler.
Foto: IN | Musiker von europäischem Rang: Abbé Georg Joseph Vogler.

Die einen hielten ihn für einen Scharlatan. Die anderen für einen der größten Tonsetzer aller Zeiten. Der junge Mozart schmähte ihn als „öden musikalischen Spaßmacher“. Häme und Bewunderung, Spott und Hochachtung lagen im Falle des Abbé Vogler nahe beieinander. Zu seinen Lebzeiten in ganz Europa bekannt, ist er heute gründlich vergessen. Nur noch in Schweden kennt jedes Kind zumindest eine seiner Melodien: Das schwungvolle Weihnachtslied „Hosianna, Davids Sohn“ stammt von Vogler.

Wer war nun dieser Abbé Georg Joseph Vogler, der vor 200 Jahren, am 6. Mai 1814, in Darmstadt gestorben ist? Außerhalb von Expertenkreisen ist das Wissen um ihn kaum ausgeprägt. Vogler hatte eine Reihe später berühmter Schüler, darunter Carl Maria von Weber, Peter von Winter und einen der bedeutendsten Opernschöpfer des 19. Jahrhunderts, Giacomo Meyerbeer. Man weiß von seinem Wirken am Mannheimer Hof und seiner wichtige Rolle für die „Mannheimer Schule“. Aber eine moderne, kritische Arbeit an Werk und Biographie ist erst in den Anfängen geleistet.

Schon sein erster Biograph, der Würzburger Georg Joseph Fröhlich, musste 1845 feststellen, dass zum Beispiel über Voglers Jugend kaum etwas bekannt ist. Auch in seinem späteren Werdegang gibt es genügend „weiße Flecken“, etwa bezüglich seiner Reisen, die ihn von Bergen bis Tanger, von Nordafrika bis ins heutige Polen – und wenn man ihm selbst glaubt, bis auf „armenische Inseln“ – geführt haben.

Die musikalische Qualität seiner Werke lässt sich ebenfalls nur unzureichend bestimmen: Von Hunderten von Kompositionen in allen Gattungen sind nur eine Handvoll bekannt. Selbst Hauptwerke wie die für den schwedischen Hof geschriebene Oper „Gustav Adolf och Ebba Brahe“ (1788) oder seine Aufsehen erregenden Schauspielmusiken zu Anders F. Skjöldebrands „Hermann von Unna“ und zu Shakespeares „Hamlet“ sind nicht greifbar. Aufnahmen seiner Musik sind an einer Hand abzuzählen. „Abgesehen von der gewiss uneinheitlichen Qualität seines kompositorischen Schaffens ist seine Bedeutung als Anreger, Vordenker, Kulturvermittler, Lehrer immens“, urteilt die Musikwissenschaftlerin Silke Leopold über Vogler.

Voglers Leben begann am 15. Juni 1749 im Würzburger Stadtteil Pleich. Vater Johann Georg Vogler stammte aus einer Müllersfamilie aus Füssen im Allgäu und hatte sich als Geigenbauer und Violinist am Würzburger Hof einen Namen gemacht. Der kleine Georg Joseph war ein begabter Junge. Sein Biograph Karl Emil von Schafhäutl berichtet, dass der Knabe „schon frühe die charakteristischen Eigenschaften zeigte, die ihn durchs ganze Leben geleiteten – eine innige Frömmigkeit, ein wunderbares Gedächtnis und eine ebenso wunderbare Sprachengabe“. Geprägt sei er gewesen von unerschütterlicher Energie, eisernem Fleiß und gewaltigem Ehrgeiz.

Die Begabung wurde erkannt: Inzwischen Halbwaise, erhielt Georg Joseph von Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheim ein Stipendium. Laut Schafhäutl sei der Schüler eine „bewunderte, jugendlich schaffende Kraft in Würzburg“ gewesen. Möglich, dass Vogler als 15-Jähriger bereits geistliche Werke für den Gottesdienst geschrieben hat. Überliefert ist auch, dass er ein universitäres Liebhaber-Orchester gründete, mit dem er wohl auch eigene Kompositionen aufgeführt hat.

Mit Sechzehn verließ Vogler seine Heimatstadt. Begeistert darüber dürften höchstens die Nachbarn gewesen sein, die er durch seine nächtlichen Klavierübungen öfter empfindlich gestört hat. In Bamberg bildete er sich in der Rechtswissenschaft und der Theologie weiter. Seinem geplanten Eintritt ins Würzburger Franziskanerkloster kam ein Ruf an den Mannheimer Hof zuvor: Kurfürst Carl Theodor hatte Vogler bei einem Besuch in Würzburg zu schätzen gelernt und gab ihm eine Stelle an seinem „Vorhof für Kunstjünger“.

Bald genoss der 22-Jährige als „Orgel- und Clavierspieler“ einen über die ganze Stadt hinausreichenden Ruf. Carl Theodor finanzierte ihm eine Reise nach Italien, wo Vogler bei Berühmtheiten wie Padre Giovanni Battista Martini in Bologna und Padre Francesco Antonio Vallotti in Padua Komposition studierte und sich in Rom zum Priester weihen ließ. Voglers wechselhafter Lebensweg führte ihn 1775 als Hofkaplan und Zweiter Kapellmeister zurück nach Mannheim. Dort gründete er eine „Tonschule“, in der er Schüler ohne Ansehen von Stand, Geschlecht und Religion unterrichtete. Seine Mannheimer öffentlichen Vorlesungen („Kenntnisse in der Tonwissenschaft“) wurden 1776 gedruckt und gelten als eine der frühesten Abhandlungen zur Musikwissenschaft.

Ab 1780 reiste Vogler. Für Paris etwa schrieb er eine große Symphonie und eine Oper, die ein spektakulärer Misserfolg wurde. Zurück am Hofe Carl Theodors, der inzwischen in München residierte, schrieb Vogler 1784 die Oper „Castor und Pollux“. Zwei Jahre später folgte er einem Ruf an den schwedischen Hof Gustafs III. nach Stockholm, wo er bis 1799 als Lehrer, Komponist, Orgelvirtuose, aber auch katholischer Seelsorger in der schwedischen Diaspora wirkte.

Seine geistliche Mission nahm Vogler in diesen Jahren sehr ernst: In bewegenden Worten berichtet er von Besuchen bei den wenigen Katholiken in der skandinavischen Diaspora in Gegenden, die seit fünfundzwanzig Jahren keinen katholischen Geistlichen mehr gesehen hatten. Von seinem Dienstherrn großzügig beurlaubt, studierte er auf weiten Reisen die Musik der Völker, suchte die Ursprünge des Chorals und die Wurzeln des Gesangs historisch zu ergründen.

Die Ergebnisse dieser frühen Form musikethnologischer Forschung finden sich in seiner Sammlung „Polymelos“, einer „Zusammenstellung … mannigfaltiger, karakteristischer Nazionallieder“. Darin versuchte er, „das eigenthümliche Melos der Nazionen zu studieren, ihre originellen Ideen treu niederzuschreiben“. So trug er 1806 in München bei einem Konzert nicht nur ein schwedisches Lied und einen finnischen Gesang auf der Orgel vor, sondern auch eine „alte Weise von den Gränzen von Grönland“.

Vogler genoss als Organist einen ebenso legendären wie berüchtigten Ruf: Er war nicht nur ein begnadeter Improvisator, sondern darf als innovativer, visionärer, aber auch eigenwilliger Reformer und Anreger des Orgelbaus in die Geschichte eingehen. Vereinfachend gesagt ging es Vogler darum, den Orgelbau auf eine systematisch-naturwissenschaftliche Grundlage zu stellen und die Ausdrucksmöglichkeiten des Instruments zu vervollkommnen. Sein System der „Simplification“ betraf Akustik, Mechanik und Orgel-Ästhetik. Nach seinem Ideal sollte die Orgel der „Abglanz eines wohlgeordneten Orchesters“ sein. Vogler hatte dabei wohl die vielgerühmten Ausdrucksmöglichkeiten des damals schon legendären Mannheimer Orchesters im Sinn.

So darf man Vogler an den Anfang einer Entwicklung sehen, die zur „Orchesterorgel“ im Sinne des ausgehenden 19. Jahrhunderts führte. Der Orgelbauer Eberhard Friedrich Walcker entwickelte nach eigener Aussage Voglers Ideen weiter; sein Instrument in der Frankfurter Paulskirche, 1829 bis 1833 erbaut, war wegweisend für die romantische Orgel in Deutschland. Der französische Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll, der den französischen Orgelbau revolutionierte, lobte sie wegen der Majestät ihrer Grundstimmen, auch wenn ihr für seinen Geschmack die Kraft und Nuancierung des Klangs fehlte.

Vogler versuchte, an der Orgel dramatische Ereignisse darzustellen oder musikalisch Bilder zu erzeugen: „Mahlereyen“ nannte er seine nicht-liturgischen Improvisationen, von denen „eine Spazierfahrt auf dem Rhein, vom Donnerwetter unterbrochen“ zu den berühmtesten zählte. Auch die „Belagerung von Jericho“ gehörte zu seinen Sujets; dabei stellte er auch das „Umstürzen der Mauern“ dar. Erste synästhetische Versuche wie eine musikalische Schilderung von Peter Paul Rubens' „Jüngstem Gericht“ bewertete etwa eine Kopenhagener Musikkritik 1798 höhnisch: Über solche Piecen könne man auch den Titel setzen: „Die Kantsche Philosophie oder Die außerordentliche Kälte, die Anno 1748 in Petersburg herrschte“. Vogler hielt dagegen mit seiner Überzeugung, Ausdruck sei „die Seele der Musik“. Sein Ziel war, die Menschen zu bewegen und zu rühren.

Seine letzte Anstellung trat Abbé Vogler – durch die Ausgaben für seine Orgel-„Simplificationen“ finanziell ruiniert – am Darmstädter Hof Großherzog Ludwigs I. als „Geistlicher Geheimer Rath“ an. Er komponierte weiterhin, etwa sein beeindruckendes Requiem in Es-Dur, und widmete sich seinem Schülerkreis. Als Vogler am 6. Mai 1814 schnell und überraschend starb, schrieb Carl Maria von Weber an seinen Freund Johann Baptist Gänsbacher, ebenfalls ein Vogler-Schüler: „Meinen Schmerz brauche ich Dir nicht erst zu beschreiben. Friede sei mit seiner Asche, Ewig lebt er in unseren Herzen …“.

In Würzburg finden zum Gedenken an Abbé Vogler einige Veranstaltungen statt: Die Internationale Carl Maria von Weber-Gesellschaft und das Institut für Musikforschung der Universität organisieren ein öffentliches Symposion zu Aspekten von Leben und Werk Voglers am Samstag, 17. Mai, 14 bis 18 Uhr, im Toscanasaal der Residenz (www.webergesellschaft.de). Am Sonntag, 18. Mai, 10 Uhr, feiert Bischof em. Paul-Werner Scheele im Würzburger Dom einen Gedenkgottesdienst für Vogler; dabei erklingt dessen „Missa pastoritia“. Die Musikhochschule Würzburg veranstaltet am 23. Mai ab 15 Uhr einen „Tag für Abbé Vogler“ (www.hfm-wuerzburg.de). Im Mainfrankentheater erklingt „Gustav Adolf och Ebba Brahe“ als „Oper am Klavier“ am 30. Mai und 8. Juni, 20 Uhr (www.theaterwuerzburg.de). Am 22. Juni, 18. und 25. Juli sowie 8. August spielt Klaus Linsenmeyer in den Orgelkonzerten in Stift Haug Stücke aus Voglers „Preludes pour Orgue ou Pianoforte“.

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