Die Suche nach der Arche und der eigenen Identität

Familie, Freundschaft und die Entdeckung der eigenen Stärken: Der Animationsfilm „Ooops! Die Arche ist weg…“. Von José García
Foto: Senator | Weil sie im falschen Moment außerhalb der Arche herumtoben, bleiben der Nestrier Finny (rechts) und die Grymp Leah außen vor.
Foto: Senator | Weil sie im falschen Moment außerhalb der Arche herumtoben, bleiben der Nestrier Finny (rechts) und die Grymp Leah außen vor.

Noch nie von „Nestriern“ und „Grymps“ gehört? Kein Wunder, handelt es sich bei den Hauptfiguren des europäischen Animationsfilms „Ooops! Die Arche ist weg …“ („Ooops! Noah is Gone“) doch um fiktionale Tierarten. Erinnern die „Grymps“ an eine Mischung aus Wildkatze und Wolf, so sehen die „Nestrier“ eher wie Plüschtiere mit flauschigem Pelz, einer rüsselartigen Nase und vor allem bunt, sehr bunt aus. Hinzu kommen bei den einen wie den anderen die für Animationsfilme typischen übergroßen Augen. In „Ooops! Die Arche ist weg …“ lernt der Zuschauer jeweils ein erwachsenes und ein Kindexemplar der jeweiligen Art kennen. Bei den Nestriern sind es Vater Dave (deutsche Stimme: Christian Ulmen) und Sohn Finny (Daniel Kirchberger), bei den Grymps Mutter Kate (Katja Riemann) und Tochter Leah (Maximiliane Häcke). Wobei sich der Zuschauer natürlich fragen könnte, wo denn Mutter Nestrier und Vater Grymp geblieben sind. Aber dies würde zugegebenermaßen die Handlung von Regisseur Toby Genkel und seiner Mit-Drehbuchautoren Mark B. Hodkinson und Richard Conroy etwas durcheinanderbringen.

Offenbar gehört es zum Wesen der Nestrier, andauernd umzuziehen, um immer wieder ein gemütliches Nest zu bauen. Jedenfalls versucht Dave seinen Sohn Finny von den Vorzügen eines neuerlichen Umzugs zu überzeugen, als der Ruf zu einer Versammlung aller Tiere laut wird. Offenbar soll die ganze Erde mit riesigen Wassermassen bedeckt werden. Einzige Rettung vor der Sintflut: Eine riesige Arche, in die sich die Tiere flüchten können, vorausgesetzt, sie stehen auf der Check-in-Liste des Königs der Tiere. Der große Löwe, der von zwei ebenso riesigen Gorillas eskortiert wird, scheint der Herr der Arche zu sein. Vom im Originaltitel auftauchenden Noah oder überhaupt von Menschen fehlt in „Ooops! Die Arche ist weg …“ hingegen jede Spur. Der Film erzählt ausschließlich aus der Sicht der Tiere.

Allerdings stellt sich heraus, dass Dave und Finny nicht auf der rettenden Liste stehen. Aber Dave lässt seinem Erfindungsgeist und seinem handwerklichen Geschick freien Lauf: Er verkleidet sich und Finny als Grymps. Und mit der unfreiwilligen Hilfe von Kate und ihrer Tochter Leah schaffen sie es doch noch auf die Arche. Kaum sind sie in Sicherheit, da toben Finny und Leah auf Deck und auf einem Gerüst neben der Arche herum. Just in dem Augenblick kommt die Monsterwelle, die die Arche in Bewegung setzt, so dass die beiden alleine zurückbleiben. Nun versuchen die Tiereltern den Schiffskapitän zum Umlenken zu bewegen, während Leah und Finny verzweifelt nach einer Möglichkeit suchen, doch noch auf die Arche zu kommen oder aber ein Stückchen Land zu finden, das noch nicht von den Wassermassen bedeckt wurde. Darüber hinaus müssen sich die beiden Tierkinder gegen zwei hässliche und durchtriebene Flugungeheuer namens Griffins behaupten, die immer hungrig sind, und den zwei Ausreißern nach dem Leben trachten.

Natürlich erinnert die Geschichte von „Ooops! Die Arche ist weg …“ an bekannte Animationsfilme, allen voran „Findet Nemo“ und „Ice Age“. Denn in Toby Genkels Film geht es auch darum, dass ein ängstlicher, tollpatschiger Vater seine Furcht überwindet, um seinen Sohn zu retten. Ebenfalls wenig originell nimmt sich die Haupthandlung aus, in der zwei gegensätzliche Charaktere dadurch, dass sie aufeinander angewiesen sind, ihre Differenzen beiseitelegen – dies hier sogar doppelt, einerseits die Tierkinder Leah und Finny, andererseits ihre Eltern Dave und Kate. Dass der sanftmütige und unbeholfene Finny, der es zunächst einmal mit der waghalsigen und temperamentvollen Leah kaum aufnehmen kann, im Laufe des Abenteuers seine eigentliche Stärke entdeckt, ist auch nicht gerade originell.

Dennoch überraschen viele liebevoll gezeichnete Charaktere vom Löwen, der zum Schlafen heimlich Lockenwickler trägt, über die als Hotelpagen fungierenden Schimpansen bis zu dem eigenartigen Paar, das aus dem Parasiten Stayput und dessen Wirt, dem walartigen Koloss namens Mobesy besteht. Dazu legt Regisseur Toby Genkel ein wohldosiertes Tempo ein, das kleine Kinder nicht überfordert, aber auch für ständige Bewegung und Spannung sorgt. Visueller und Wortwitz halten sich darüber hinaus in angenehmer Weise die Waage, wozu die deutschen Synchronstimmen insbesondere von Christian Ulmen und Katja Riemann beitragen. Die ebenfalls spärlich eingesetzten Computerspielsequenzen runden den Gesamteindruck ab. Auch wenn die Animation etwa in den Hintergründen nicht so detailreich wie bei den Filmen der großen Animationsstudios ausfällt und die 3D-Effekte insgesamt überflüssig wirken, kann die solide Animation als insgesamt gelungen bezeichnet werden.

In ihrer Begründung urteilt die Jury der Filmbewertungsstelle Wiesbaden bei der Verleihung des Prädikats „besonders wertvoll“: „Ein großes Vergnügen, sicher nicht nur für das junge Publikum, sondern auch die begleitenden Erwachsenen. Letztere werden mit Freude bemerken, dass die „vermenschlichten“ Tiergeschöpfe auch Werte wie Freundschaft und gegenseitige Hilfe Kindern auf schöne Weise vermitteln können.“ Obwohl Spaß und Abenteuer im Mittelpunkt von „Ooops! Die Arche ist weg …“ stehen, vermittelt Toby Genkels Film solide Werte: Neben dem vielzitierten „Gemeinsam sind wir stark“ und der Bedeutung von Familie und Freundschaft auch den Mut, über den eigenen Schatten zu springen, um die eigenen verborgenen Stärken zu entdecken. Und dies alles in einer wirklich kindgerechten Inszenierung.

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