Die Päpste und ihr Wasser

Erstmals in ihrer Geschichte hat die Vatikanstadt ihre Brunnen außer Betrieb genommen. Von Ulrich Nersinger
Foto: Nersinger | Hier sprudelt nichts mehr: Ein Brunnen in der Vatikanstadt.

Mittel- und Süditalien leiden derzeit unter einer beispiellosen Trockenheit. Für die Ewige Stadt sind rigorose Maßnahmen vorgesehen, unter anderem eine Rationierung des Trinkwassers. Acea, dem städtischen Wasserversorgungsunternehmen von Rom, verbieten staatliche Behörden, aus dem nahe gelegenen Bracciano-See Wasser zu pumpen.

„Trockenheit in Rom – Der Vatikan schaltet die Brunnen ab“, meldete Radio Vatikan. Die Entscheidung des Kirchenstaates betrifft sowohl die Trinkbrunnen und die beiden monumentalen Fontänen auf dem öffentlich zugänglichen Petersplatz als auch die hundert kleineren Brunnen in den Vatikanischen Gärten. Die Abschaltung der Wasserspeier in der Vatikanstadt ist ein bisher einmaliges Geschehen in deren Geschichte. Das Governatorat, die weltliche Verwaltungsbehörde des Vatikanstaates, gab die Maßnahme am Montagnachmittag bekannt und berief sich dabei auf Papst Franziskus. Dieser hatte in seiner Umwelt-Enzyklika „Laudato si“ sauberes Trinkwasser als Gut ersten Ranges bezeichnet, das unerlässlich für das menschliche Leben und die Aufrechterhaltung der Ökosysteme zu Land und Wasser ist.

In den vergangenen Jahrhunderten waren es die Päpste, die für eine Versorgung der Ewigen Stadt mit dem kostbaren Nass sorgten. Sie setzten die antiken Aquädukte instand, verbesserten sie und entwickelten sie weiter. So stellte Papst Paul V. (1605–1621) eine aus dem See von Bracciano kommende antike Wasserleitung wieder her, die seitdem seinen Namen trägt. Die „Acqua Paola“ wurde für die Residenz der Päpste beim Vatikan zur Lebensader. Ein Teil des Wassers aus diesem für Rom unverzichtbaren Aquädukt wurde in den Vatikan geleitet. Bei der Villa Carpegna zweigte eine Nebenleitung ab, in der eine Wassermenge von 1 050 römischen Unzen (243 Liter) in der Sekunde in die Vatikanstadt floss, wo sie auf die Brunnen in den päpstlichen Gärten und den Petersplatz verteilt wurde.

Im Jahre 1897 gab der Zufluss der „Acqua Paola“ dem Papst die Möglichkeit, das erste vatikanische Elektrizitätswerk zu errichten. Es bestand aus einer Wasserturbine, die mit neunzig Litern unter Ausnützung eines Gefälles von fünfzehn Metern betrieben wurde. Die Turbine war mit einem Generator und einer Akkumulatoren-Batterie verbunden. Im Apostolischen Palast konnten damit 600 Lampen versorgt werden. Gegen Ende der Regierungszeit Leos XIII. (1878–1903) wurde die Wasserkraft auch für den Aufzug im Apostolischen Palast genutzt, der Staatsgäste des Vatikans in die päpstlichen Gemächer transportierte.

1929, fast sechs Jahrzehnte nach dem Ende des alten Kirchenstaates, söhnte sich der Heilige Stuhl mit dem Königreich Italien aus. Am 11. Februar des Jahres fand die feierliche Unterzeichnung der Lateranverträge statt, und somit auch die Gründung des souveränen „Staates der Vatikanstadt“. Dieser sollte nach dem Willen von Pius XI. (1922–1939) zu einem mustergültigen Staatswesen werden – mit einer effizienten Wasserversorgung. Nach den Plänen seines Neffen Franco Ratti und des Architekten Leon Castelli wurde ein hochmodernes Wasserverteilungs- und Drainagesystem geschaffen. Der Pontifex ließ sich über den Fortgang der Arbeiten ständig informieren und erschien nicht selten unangekündigt vor Ort.

Auf dem höchstgelegenen Terrain der Vatikanstadt entstand eine drei Millionen Liter Wasser fassende, aus dem Lago di Bracciano gespeiste Zisterne, die durch ein 65 km langes Verteilungsnetz die Bewässerung der gesamten Gartenanlage und ihrer Brunnen garantiert. Bei der Palazzina Leos XIII. schuf man eine weitere Zisterne mit einem Fassungsvermögen von vier Millionen Liter Trinkwasser, um die Versorgung aller Büros und Wohnungen in der Vatikanstadt zu gewährleisten. Die in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts vorgenommenen Arbeiten sind noch heute substanziell für die Wasserversorgung des Vatikans.

Die päpstlichen Villen in Castel Gandolfo blieben nach dem Ende des Kirchen-staates (1870) für viele Jahrzehnte geschlossen. Sie verwahrlosten und litten unter den neuen, durch die Politik bestimmten Umstände. Mit den Lateranverträgen von 1929 stand einem erneuten Aufenthalt der Päpste in ihrer Sommerresidenz nichts mehr im Wege. Pius XI. ordnete auch hier umfangreiche Restaurierungs- und Baumaßnahmen an.

Die Umgestaltung von Castel Gandolfo benötigte drei Jahre – und den Einsatz von dreißig Tonnen Sprengstoff. Der Sprengstoff war erforderlich, um das Gelände an seinen ausgesprochen felsigen Stellen zu ebnen, neue Wege zu schaffen, Gärten zu ermöglichen und Brunnen anzulegen. Da die bisherige Wasserversorgung unzureichend war, verlegte man ein beeindruckendes Netz von Röhren und Pumpen, um direkt den Albanersee zu erreichen. Um dessen Wasserbestand nicht zu gefährden, hob man den Spiegel des Sees um gut einen Meter durch eine Korrektur des Ablaufs an, der unter dem Hügel der Sommerresidenz hindurch das überschüssige Wasser in die Gräben der römischen Campagna beförderte.

Die Gartenberieselung der Päpstlichen Villen in Castel Gandolfo nannte der Vatikankenner Silvio Negro „ein Schauspiel der Wasserkunst“: „Es scheint, als ob sich unversehens eine dampfende silberige Wolke, in geometrische Formen zerteilt, auf die Beete und die Wiesen niederlasse, dann gehorsam von einem Landstreifen zum nächsten hinüberwechsle, sich im launischen Kreisen eines Wasserrades vervielfältige, in berückenden Figuren aus Wasserstaub ihr Spiel treibe, wie wenn dies nicht eine alltägliche Verrichtung, sondern ein außergewöhnliches, neues Schauspiel wäre.“ Auch in Castel Gandolfo liegt noch heute die Wasserversorgung im Wesentlichen den Plänen und Arbeiten von Pius XI. zugrunde.

Dem heiligen Johannes Paul II. (1978–2005) waren nach dem Attentat auf seine Person im Jahre 1981 von seinen Ärzten verschiedene Betätigungen zum Erhalt und Stärkung seiner Gesundheit empfohlen worden, darunter auch das Schwimmen. So erbaute man in der Sommerresidenz einen Swimmingpool, den er eifrig nutzte. Als sich in den Medien die üblichen Bedenkenträger meldeten und die Kosten (darunter die „Wasserverschwendung“) anmahnten, entgegnete der Papst: „Es kommt billiger als ein neues Konklave“. Im Übrigen war der Pool durch Sponsoren finanziert worden.

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16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier