Die Ordnung der neuen Welt

Alexander Kissler über das Regieren mit dem humanitären Imperativ. Von Burkhardt Gorissen
George Orwell: "Farm der Tiere"
Foto: IN

In seinem neuen Buch kritisiert Alexander Kissler den Wortkrawall der Gegenwart. Bekannt als scharfzüngiger Journalist, schreckt er dabei nicht vor unangenehmen Einsichten zurück.

Kissler, der das Kulturressort des liberal-konservativen „Cicero“ leitet, nimmt den Kulturverfall in Kirche und Staat wahr. Seine Analyse stimmt mitunter traurig, ist aber wahr: „… bevor es zu einer globalen Umwertung der Worte kommt… gibt es ein Interregnum der entleerten Begriffe.“ Was Kissler kritisiert, sind die Auswüchse des sozialpädagogischen Neusprech, jenes bräsige Gutmenschen-Palavers, das in seiner Weise den moralischen Verfall begleitet, solange man sich damit in den Himmel der Ignoranz halluzinieren kann.

Mit fünfzehn exemplarisch ausgewählten Sätzen von „Wir schaffen das“ bis zu „Das ist alternativlos“ schlägt Kissler, mal pointiert, mal augenzwinkernd, der Konsensgesellschaft Wahrheiten um die auf Durchzug gestellten Ohren, dass selbst den eigentlich Kritikunempfänglichen bei gründlicher Lektüre das Hören, Sehen und Erkennen neu gelingen sollte. Am Anfang steht Trainerprofi Felix Magath: „Die Sprache wurde einmal erfunden, um sich zu verständigen und um etwas auszudrücken. Heute soll mit der Sprache etwas versteckt werden.“ Doch Kissler will mehr. Wenn er schon das „Rasiermesser der Logik“ (Verlagswerbung) ansetzt, dann nicht um des Deutschen liebsten Kindes willen, also dem Fußball, sondern um auf den „Untergang des Abendlandes“ (Spengler) anzuspielen. Kissler tut das wortstark und mit viel Wortwitz. Wenn er fragt: „Wird sich jemand durch moralische Gestellungsbefehle der Regierung in seinem Konsumverhalten dauerhaft beeindrucken lassen?“, liegt die Antwort schon in der Frage. Das Land ist dem Korrektheitswahn anheimgefallen. Mit einher geht eine nietzscheanische Umwertung aller Werte, und eine infame Manipulation der Sprache, ganz wie in Orwells „Farm der Tiere“ und jüngst von Mitarbeitern des öffentlich-rechtlichen „Framing“-Fernsehens vorexerziert. Der Verfall von Kultur und Sitte vollzieht sich in rasantem Tempo. Wo bleibt der Aufschrei? „In einer liberalen Republik sollte es ein Gegenüber geben, einen oppositionellen öffentlichen Geist, wie er sich etwa in den 1960er und 1970er Jahren manifestierte“, fordert Kissler. Da kommen Kisslers „Widerworte“ gerade recht. Im gegenwärtigen deutschen Feuilleton gibt es kaum jemanden, der besser das große Blabla der opportunistischen Gauklertruppen entlarven könnte als er. Viele seiner Sentenzen sind Leuchttürme in der bedrohlich wachsenden intellektuellen Wüste: „Der humanitäre Imperativ des 21. Jahrhunderts ist zum Herrschaftsinstrument der Regierenden geworden. Und es ist letztlich Alchemie, will er doch wie diese die physische und die geistige Welt zusammenbringen. In dessen Umrissen stehen wir.“ Hier werden zwei so gewaltige, die Welt und das Elend der anderer Völker strukturierende Probleme angerissen, die durch die wohl kalkulierte Flüchtlingswelle entstanden sind, unter Akzeptanz der Prämisse, dass das Christliche des Abendlandes zerstört werden wird. Als letzter Ausweg bleibt die Ordnung der neuen Welt.

Natürlich wollen die Deutschen in der Geschichte auch mal die Guten sein, damit ließ sich spekulieren. „Wird die Welt aber besser, wenn die Bösen geliebt werden, unter allen Umständen?“, fragt Kissler nicht ohne Ironie, um festzustellen, „der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm nahm das Weihnachtsfest des Jahres 2014 zum Anlass, den Dschihadisten des ,Islamischen Staates‘ seine Liebe anzubieten“. Nun ist Bedford-Strohm nicht gerade ein leuchtendes Beispiel für christlichen Bekennermut, Kisslers Konklusion liegt somit auf der Hand: „Niemand kann in einer Welt leben wollen, in der sich immer der Brutalere durchsetzt, weil auch er einmal zu den Schwächeren gehören wird.“

Mutige Worte sind selten geworden in einer Zeit, wo Genderstars und -sternchen wie schwarze Löcher die „dunkle Nacht der Seele“ verdunkeln. Allein deshalb tut die Lektüre des Buches sehr gut. Wer Lust auf einen vitalen Schub Ehrlichkeit hat, wird es nicht bereuen. Und für eine aussterbende Spezies gilt immer noch die Feststellung: lesen bildet.

Alexander Kissler: Widerworte: Warum mit Phrasen Schluss sein muss. Gütersloher Verlagshaus 2019, 208 Seiten, ISBN-13: 978-357901-474-6,

EUR 18,–

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