Synodaler Weg

Trotz zerstörerischem Dauerfeuer gibt es Hoffnung für die Kirche

Viele Katholiken machen sich Sorgen wegen des desaströsen Zustands der Strukturen der Kirche und ihrer Amtsinhaber sowie des Gremienkatholizismus, wie er in Frankfurt gerade wieder zu beobachten war. – Ein persönliches Plädoyer für den Wiederaufbau.
Sternschnuppe über Wallfahrtskirche
Foto: dpa | Ende der katholischen Idylle? Eine Sternschnuppe verglüht am Himmel über einer bayerischen Wallfahrtskirche.

Am Ende der dritten Synodalversammlung des synodalen Weges stand ein Moment der Ratlosigkeit. Der Untergang der katholischen Kirche in Deutschland – wir waren dabei! Frustriert, genervt, ermüdet oder alles zusammen, verkroch man sich zunächst. Der nächste Tag, ein Sonntag, ein neuer Sonnenaufgang, ein neuer Versuch. Ein Kontrollblick ergab: Die Kirche steht immer noch im Dorf. Nicht in einem konkreten, aber so grundsätzlich. Mitten im Dorf, das gilt für viele Dörfer und Städte, steht die Kirche. Aber was steht da eigentlich? Ein Gebäude, von den Altvorderen erbaut. So manche Kirche wurde mit Liebe, Gebet, Arbeit und Spenden der Dorf- oder Stadtbewohner erbaut, erweitert, umgebaut. So manche Kleinstadt birgt wahre Kleinodien an Kirchenbaukunst.

„Es könnte aber auch sein und das ist gar nicht so unwahrscheinlich,
dass die zuständige Diözese mitteilt, eine Studie habe längst ergeben,
dass es in der Region ohnehin zu viele Kirchen gibt.
Kein Wiederaufbau, die Gemeinde könnte das Grundstück gut vermarkten“

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Was aber steht da wirklich noch? Ein kulturelles Denkmal einer vergangenen und unwiederbringlich verlorenen Zeit? Zwischen drei und fünf Prozent der getauften Katholiken besuchen am Sonntag ihre Kirche in ihrem Dorf oder ihrer Stadt. Also machen wir mal einen Versuch. Am besten wählt man eine Gegend, in der die Hälfte der Einwohner katholisch ist. Das ist statistisch jeder zweite Mensch, der einem auf der Straße begegnet. Jetzt geben wir uns optimistisch, unser gedachtes Dorf hat fünf Prozent regelmäßigen sonntäglichen Kirchbesuch. Das wäre jeder zwanzigste Katholik, dem wir begegnen.

Nun gehen wir im Dorf spazieren und beginnen zu zählen. Jeder zweite ist ein Katholik, jeder zwanzigste Katholik ist ein Kirchgänger. Dorfstraßen sind nicht gerade die belebtesten Straßen, aber geben wir uns weiterhin optimistisch, es gelingt uns bei einem Spaziergang durch das Dorf alle zwei Minuten einen Menschen zu sehen. Nach einem Spaziergang von 80 Minuten begegnen wir dem ersten Kirchgänger. Machen wir das Experiment in einer Kleinstadt, in der wir pro Minute fünf Personen begegnen, dann müssen wir immer noch fast 10 Minuten laufen, bevor wir nur einem Kirchgänger begegnen. Rein statistisch gesehen, natürlich.

Verwaltende Strukturen bevorzugen ökonomische Handeln  statt Seelsorge

Gesetzt den Fall, am heutigen Tag – Don‘t look up! – schlägt ein kleiner Meteorit in einem beliebigen Dorf ein und trifft die Kirche. Nur die Kirche und nichts anderes als die Kirche wird zerstört. Man wird Versicherungen, das Bistum, die Stadt, das Land und andere Stellen angehen, um vielleicht die Kirche wieder aufzubauen. Vielleicht. Es könnte aber auch sein und das ist gar nicht so unwahrscheinlich, dass die zuständige Diözese mitteilt, eine Studie habe längst ergeben, dass es in der Region ohnehin zu viele Kirchen gibt. Kein Wiederaufbau, die Gemeinde könnte das Grundstück gut vermarkten.

Na, denkt sich der Pfarrer, die Menschen dieses Ortes haben doch damals auch die Kirche selber gebaut. Jetzt rufe ich sie mal alle zusammen und mit gemeinsamer Anstrengung bauen wir die Kirche wieder auf. Aber halt, auch dieser Pfarrer wird wissen, dass er im Dorf 80 Minuten gehen muss,bis er dem ersten begegnet, der am vergangenen Sonntag in der Kirche war. Es ist aussichtslos. Selbst wenn man die dazu nimmt, die nächstes Jahr Erstkommunion haben oder eine Taufe aussteht oder die heiraten wollen, es bleibt vergeblich. Der kleine Meteorit hat die Kirche im Dorf ein für alle Mal erledigt.

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Zerstörerisches Bombardement der Kirche mit Beschlüssen der synodalen Gremien

Ein solcher kleiner Meteorit ist vor einigen Tagen im deutschen Dorf auf die Kirche hernieder gegangen. Eine Kirche, der gerade einmal 25 Prozent der deutschen Bevölkerung angehören, von denen nur jeder zwanzigste eine Sonntagspraxis hat, was man als ein Indiz annehmen kann, zumindest grundsätzlich die Glaubensüberzeugung der Kirche zu teilen. Umfragen zeigen es immer wieder, wie gering die Kongruenz zwischen Kirchenzugehörigkeit und Glauben in Wirklichkeit ist. Eine Zukunft der Kirche in Deutschland sehen ohnehin nur noch gerade einmal 30 Prozent der Deutschen als wahrscheinlich an, fand Insa Consulere für die Tagespost heraus. Ein Meteorit – nichts anderes war das Trommelfeuer von Beschlüssen auf dem synodalen Weg. Sehr viel Kirche wird nicht mehr übrigbleiben, wenn die nächsten Trommelfeuer im kommenden September und im darauffolgenden März einschlagen. Auf Glaube, Sakramente und Moral prasseln die Einschläge nur so hernieder und lassen einen Haufen Trümmer zurück. Was dann noch steht reicht so gerade noch als Ruine, als Museum als Relikt einer vergangenen Zeit. Das war es dann wohl, denn wer sollte im – kleinen wie im großen – Dorf die Kirche wieder aufbauen?

Vor langer, langer Zeit lebte in einem fernen Land ein junger, reicher Schnösel. Auch damals vor 800 Jahren war die Kirche nurmehr ein Trümmerhaufen. Klerus korrupt, Episkopat von Nepotismus und Machtstreben korrumpiert, die Orden träge und saturiert. Als der junge Mann aller Partys und Eskapaden überdrüssig war, war die Haut dünn genug, um für die Berührung Gottes offen zu sein. Er fing an zu beten und irgendwann hörte er im Gebet: Franziskus, bau meine Kirche wieder auf. Junge Männer sind oft sehr handfest und denken praktisch, so fing er an, in einem kleinen Dorf mit eigener Hände Arbeit eine kleine Kapelle zu restaurieren. Vermutlich hatte der junge Pragmatiker – im Gegensatz zu dem, was wir heute annehmen, es sei ein Missverständnis gewesen – Gott ganz richtig verstanden. Am besten fängt man tatsächlich mit einer kleinen Kapelle an zu üben, bevor man Größeres angeht.

Katholiken sind in der Hoffnung, das die Kirche auch das überstehen wird

In Rom hatte in etwa zu der Zeit der Papst einen Traum, in dem er einen Mann sah, der die einstürzende Kirche auffängt, trägt und erneuert. Und so geschah es. Die kleine Kapelle – sie heißt übrigens Portiunkula – und die große weltweite Kirche, so unterschiedlich ist das offenbar gar nicht. Gott hat so sehr andere Maßstäbe als wir. Zunächst brachte der junge Mann mit Steinen, Maurerkelle und Speisbottich, später dann mit seinen Freunden, die er auf dem Weg um sich sammelte, tatsächlich einen neuen Drive in die Kirche. Er baute sie wieder auf. Auch damals wird sich so mancher Pfarrer und so mancher Bischof und sicher auch so mancher einfache Gläubige verzweifelt gefragt haben, wer denn nur diese geschundene und verfallene, korrupte und heruntergekommene Kirche je wieder aufbauen soll. Sie konnten es nicht wissen. Wir haben einen Vorteil, wir kennen den Namen: Franziskus von Assisi.

Heute aber sind wir zugleich im Nachteil, denn wir wissen nicht, wer es sein wird, der den Schutthaufen unserer Tage wieder aufbauen wird. Einen Helfer aber gibt es schon. Der Entertainer Harald Schmidt hat bereits angeboten, beim Wiederaufbau der Kirche zu helfen. Seien wir uns ganz sicher, in irgendeinem Club tanzt sich ein junger Mensch jetzt oder später die Haut auf der Seele dünn, um empfänglich für den Ruf Gottes zu werden. Und sollte in ein paar Jahren oder Jahrzehnten in Ihrer Nachbarschaft ein junger Mann oder eine junge Frau mit Hilfe eines pensionierten Entertainers plötzlich anfangen, die komische eingefallene Kapelle im benachbarten Wald zu renovieren: Einfach machen lassen! Fragen Sie nach, ob noch ein paar Steine oder ein Sack Zement gebraucht würden und bringen Sie gelegentlich etwas Wasser und Essen vorbei. Das hat nämlich alles seine Richtigkeit so.

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