Die Hollywood-Studios als Wiederaufbereitungsanlagen

In „Glück & Katastrophen“ untersucht Philipp Koenig die Gründe für den kreativen Niedergang der Hollywood-Studios. Von Andrea Schultz
Foto: Sony | Umgeben von etlichen „Spider-Men“ stellt Tom Holland den Trailer zu „Spider-Man: Homecoming“ vor.
Foto: Sony | Umgeben von etlichen „Spider-Men“ stellt Tom Holland den Trailer zu „Spider-Man: Homecoming“ vor.

Unter den Filmstarts der kommenden Wochen fallen eine Reihe Fortsetzungsfilme – der fünfte Film der „Fluch der Karibik“-Reihe „Pirates of the Caribbean: Salazars Rache“, das vierte Kapitel aus „Gregs Tagebuch“ mit dem Untertitel „Böse Falle!“, der fünfte Film aus der „Transformers“-Serie „Transformers: The last Knight“, der dritte „Despicable Me“-Film mit dem einfachen Titel „Ich – Einfach unverbesserlich 3“ oder auch der Abschluss der Planet-der-Affen-Trilogie „Planet der Affen: Survival“ – sowie die Neuverfilmungen „Spider-Man: Homecoming“, „King Arthur: Legend of the Sword“ und „Die Mumie“ auf. Hollywoods Traumfabrik scheint zu einer Wiederaufbereitungsanlage geworden zu sein. Dies betrifft natürlich nicht die gesamte amerikanische Filmindustrie, auch nicht „Hollywood“ insgesamt. Wohl aber die großen Studios an der kalifornischen Küste, die einst gesellschaftliche Entwicklungen mitprägten.

Die sechs großen Hollywood-Studios, die auch als „Major-Studios“ bekannt sind – Walt Disney Motion Pictures Group, Warner Bros., Paramount Pictures, Sony Pictures Entertainment (Columbia), Universal Studios, 20th Century Fox – liefern seit einigen Jahren vornehmlich recycelte oder wieder aufgewärmte „Produkte“. Dafür gibt es vielfältige Gründe, die nun Philipp Koenig in seinem lesenswerten und gut dokumentierten Buch „Glück & Katastrophen. Hollywoods Filmindustrie heute“ untersucht hat (Verlag tredition Hamburg 2017, 208 Seiten, ISBN 978-3-7345-9849-4, EUR 17,80). Der Autor kennt die Filmindustrie von innen heraus. Er hat in mehreren Filmbereichen in Paris, Los Angeles und Deutschland gearbeitet. Koenig berichtet aber nicht vorwiegend von seinen eigenen Erfahrungen. Der Verfasser hat vielmehr eine Vielzahl von Aussagen heutiger Filmemacher und auch Kritiker aus Hollywood zusammengetragen.

Vielfach sind die Gründe, die Philipp Koenig für die jetzige Lage der Hollywood-Studios vorbringt. Sie können jedoch vielleicht in einem zusammengefasst werden: In der Angst der Verantwortlichen, „Flops“ zu produzieren – Filme, die an der Kinokasse scheitern, und die deren teilweise enorme Kosten nicht decken können. Den tieferen Grund dafür sieht der Verfasser in der heutigen Struktur der Majors, in der nicht Kreative und nicht einmal im Filmgeschäft mächtig gewordene Produzenten das Sagen haben. Die Entscheidung, ob ein Film produziert werden soll, liegt heute bei den leitenden Angestellten der Studios, den sogenannten „Executives“. „Die Filmstudios von Hollywood sind große Bürokratien, in denen die Machtkämpfe einzelner Executives im Vordergrund stehen.“ Laut Koenig begann diese Entwicklung um das Jahr 1980: „Seitdem werden Executives engagiert, die eine Business School besucht haben, aber kaum Kenntnisse vom Handwerk des Filmemachens haben. Für die Konzernleitungen ist es wichtiger, dass die Executives dieselbe Sprache sprechen, als sich im Filmgeschäft auszukennen.“

Die Folge aus diesem System: Die Manager versuchen, Risiken zu minimieren. Deshalb suchen sie, bestehende Erfolge zu wiederholen: „Als 1982 Columbia Pictures (heute Sony Pictures) von Coca-Cola gekauft wurde, gaben die neuen Eigentümer eine Studie in Auftrag, um herauszufinden, bei welchen Filmen sie das geringste Risiko eingehen. Die Antwort war: Fortsetzungen.“ Die vermeintliche Wiederholung des Erfolgs bedeutet, dass immer mehr Filme lediglich ein existierendes narratives Schema variieren. Weil viele der „Executives“ aus dem Fernsehen rekrutiert wurden und im Fernsehen Serien am beliebtesten sind, kommen sie zur Überzeugung, dass Filmfortsetzungen wie die eingangs angeführten Filmreihen der Schlüssel zum Erfolg seien: „In den Chefetagen der Studios herrscht die Überzeugung vor, dass sich das Publikum nichts Neues wünscht.“

Schon allein aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist dies jedoch ein Trugschluss. Denn „die Produktion von Filmen kann mit keinem anderen Produktionsablauf verglichen werden. Normalerweise wird zuerst das Produkt (Auto, Toaster...) entwickelt und dann in Serie identisch hergestellt. Im Film gibt es dagegen keine Serienproduktion. Jeder Film ist ein Unikat, der handwerklich gefertigt wird. Für jeden Film muss erst ein Markt geschaffen werden. Selbst wenn Fortsetzungen gedreht werden, ist jede anders und keine Folge garantiert dem Studio Erfolg.“ Koenig listet beispielsweise die rentabelsten Filme der letzten zwanzig Jahre auf. Darunter befinden sich lediglich drei, die zu einer Filmreihe gehören. Was aber für die großen Hollywood-Studios noch schmerzlicher sein dürfte: In den letzten Jahren haben ihre Filme keine Oscars gewonnen.

Die entscheidende Konsequenz ist aber, dass Studiofilme immer mehr auf Spezialeffekte statt auf die Handlung setzen: „Die teuren Studiofilme entfernten sich mehr und mehr vom Geschichten-erzählen, um sie Videospielen ähnlicher zu machen. Inzwischen sind Videospiele rentabler und haben eine höhere Gewinnspanne als Filme. Die Studios schließen daraus, dass Filme wie Computerspiele aussehen sollen“. Darunter leidet zweifellos die Kreativität: „Hollywoods Traumfabriken wollen keine neuen Ideen entwickeln, sondern nur noch ihr existierendes Repertoire recyceln. Für sie ist die Zeit stehen geblieben.“ Die Entwicklung birgt aber auch Gefahren für die Studios selbst: Warum sich Filme ansehen, die wie Video- oder Computerspiele aussehen, wenn man solche Spiele spielen kann?

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