Die EU als Wertegemeinschaft

Warum für Europa ein neuer Dialog mit den geistigen und spirituellen Quellen essenziell ist. Von Otto Neubauer
EU als Wertegemeinschaft
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Erschütternd war das Statement des langjährigen Präsidenten der EU-Kommission, Jacques Delors, vor zwei Jahrzehnten: „Wenn es uns nicht gelingt, Europa in zehn Jahren eine Spiritualität, eine Bedeutung zu verschaffen, haben wir das Spiel verloren. Glauben Sie mir und meiner Erfahrung. Mit juristischem Geschick oder wirtschaftlichem Know-how allein ist Europa zum Scheitern verurteilt. Ohne langen Atem lassen sich die Möglichkeiten der Europäischen Union nicht verwirklichen.“ Wenn also heute so viel Rat- und Antriebslosigkeit herrscht, woher kommen dann Ideen und Werte, die Europa einen neuen Herzschlag verleihen können? Oder ist das Spiel schon verloren?

Als „Anbieter“ unter den Weltanschauungen kann das Christentum in Europa in Zukunft in einem offenen und transparenten Dialog Inspirationsquellen einbringen, die das Herz des Menschen bewegen können. Sie treffen auch die Vernunft, die eine entscheidende Brücke zu allen Menschen guten Willens ist. Wer das Christentum in seiner Tiefendimension verstehen will, wird auf seine zentrale Botschaft stoßen, dass nämlich alle Menschen „Brüder und Schwestern“ sind. Weil die Christen diese unglaubliche Zusage erfahren haben und glauben, dass alle Menschen Kinder Gottes sind, ist kein Mensch ein wahrhaft „Fremder“.

Auch wenn nicht alle in der Gesellschaft dieses „familiäre“ Verständnis vom Miteinander teilen wollen, wirkt es doch inspirierend für viele. Diese Inspiration kann von Nichtchristen aufgenommen werden und Bestandteil des Aufbaus der Gesellschaft sein. Das Lebenszeugnis der Mutter Teresa von Kalkutta wirkt ja auch für Menschen verschiedenster Weltanschauungen inspirierend.

Einer der Väter Europas, Robert Schuman, hatte zutiefst „familiäre“ Hintergründe für sein Engagement. Er war ein französischer Politiker mit luxemburgisch-lothringischer Abstammung, die Eltern hatten wechselnde Staatsbürgerschaften. Nach dem Unfalltod seiner Mutter wollte er katholischer Priester werden. Schließlich wurde er Rechtsanwalt, 1913 war er Cheforganisator des Deutschen Katholikentags in Metz. Seine christliche Prägung von echter Geschwisterlichkeit war Inspiration für sein politisches Handeln und prägend für eine Reihe von Politikern. Als Außenminister ab 1948 fand er mit seiner Idee der Europäischen Gemeinschaft in Frankreich damals kein Verständnis, so dass er 1952 sein Amt niederlegen musste. 1953 wurde die von Schuman mitgestaltete Straßburger Konvention der Menschenrechte und bürgerlichen Freiheiten von 26 europäischen Staaten unterzeichnet. Im Jahre 1958 wurde Schuman zum ersten Präsidenten des Europäischen Parlaments gewählt.

Als sich Robert Schuman am 9. Mai 1950 als französischer Außenminister an einige Länder Europas wandte, war dies Ausdruck einer geistigen und spirituellen Vision. Der Wille zur Versöhnung mit Deutschland war getragen von klaren Vorstellungen eines vereinten Europa. Dahinter stand die große Einladung zu echtem Verzeihen. Der Vorschlag zur Schaffung einer Gemeinschaft für Kohle und Stahl (Montanunion) sollte in erste Linie dem Frieden dienen. Es sollte der erste Schritt eines langen geschichtlichen Prozesses sein, um alte Konflikte zu überwinden.

In der Schuman-Erklärung wird deutlich, wie dies auf einer Reihe von Folgerungen der Geschichte beruht, die bis heute Aktualität haben: „Der Friede in Europa hängt davon ab, dass man die aus den früheren Jahrhunderten ererbten Konflikte überwindet und in der Folge dieser Versöhnung neue Formen der Zusammenarbeit entwickelt. Der Weg zum Frieden ist nur möglich, wenn es zu einer Zusammenarbeit kommt, die nicht erzwungen werden kann, sondern aus dem freiwilligen Mittun aller Beteiligten erwächst. Die europäische Einheit entsteht nicht von einem Tag auf den andern, sondern als Ergebnis eines langen geschichtlichen Prozesses. Die europäische Einheit wird sich nicht abstrakt schaffen lassen, sondern nur mit Geduld und durch eine begrenzte Anzahl konkreter Maßnahmen, die gleichermaßen auf der Solidarität im Handeln wie auf der gemeinsam getragenen Verantwortung gründen.“

Unmögliches wurde möglich, weil mit langem Atem Schritt für Schritt eine Vision verfolgt wurde. Die neue Offenheit des Herzens musste mit konkreten Mitteln eingeübt werden. Es wurde mit einer Politik gebrochen, die Profit aus dem Sieg schlagen wollte. Die Methode der Solidarität sollte im Teilen der Staatsgewalt auch das Teilen der materiellen Güter ermöglichen. Die Bemühungen von 1945 bis 1950 beruhten auf einer geistigen Entscheidung zum Verzeihen und zur Versöhnung. Die gemeinsame Messe am Tag der Unterzeichnung der Römischen Verträge 1957 war für die Gründerväter Europas selbstverständlich. Entscheidend war damals der Wille, auf Gewalt nun Dialog und Solidarität folgen zu lassen. Die christlich verstandene Feindesliebe war für viele Pioniere Europas die Inspiration und Triebfeder des Einsatzes für die Einheit Europas.

Welche Konsequenzen hat es für Europa, wenn die früher vorherrschende Religion ihre Bedeutung verliert und wir uns in einem unübersehbaren Feld von unterschiedlichen Weltanschauungen befinden? Viele fürchten einen Wildwuchs an Missionen und ein Chaos aufgrund der Relativierung bestehender Werte. Wir können die verwirrend neue Vielfalt in einem zunehmend zerrissenen Europa aber auch als Chance begreifen, Schritte für ein toleranteres Miteinander mit größerem Engagement zu setzen.

Es scheint, als wolle die katholische Kirche in Europa selbst eine lange Ära beenden und von der „Konstantinischen Wende“ zu einer „Benediktinischen Wende“ überleiten. Kaiser Konstantin hat eine Geschichte gegenseitiger Umklammerung von Staat und Kirche eingeleitet, die nicht selten zur gegenseitigen Instrumentalisierung führte. Immer stärker setzt sich die Überzeugung durch, dass eine zu enge Allianz von weltlicher Herrschaft und Religion nicht gut tut. Papst Benedikt XVI. leitete bei seinem Deutschlandbesuch 2011 eine Wende ein: „Die Geschichte kommt der Kirche in gewisser Weise durch die verschiedenen Epochen der Säkularisierung zu Hilfe, die zu ihrer Läuterung und inneren Reform wesentlich beigetragen haben. […] Das missionarische Zeugnis der entweltlichten Kirche tritt klarer zutage. Die von materiellen und politischen Lasten befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein. […] Sie öffnet sich der Welt, nicht um die Menschen für eine Institution mit eigenen Machtansprüchen zu gewinnen, sondern um sie zu sich selbst zu führen, indem sie zu dem führt, von dem jeder Mensch mit Augustinus sagen kann: Er [Gott] ist mir innerlicher als ich mir selbst (vgl. Conf. 3,6). Er, der unendlich über mir ist, ist doch so in mir, dass er meine wahre Innerlichkeit ist.“

Wie in der Rede von Papst Benedikt deutlich wurde, kann das Verlieren der Vorrangstellung einer Religion in Staat und Gesellschaft ein Glück sein. Die Allianz mit der Macht hat die universale christliche Mission zu oft zu Eroberung und damit zur Bemächtigung der Freiheit geführt. Wenn Wegweisendes für die künftige „Seele Europas“ gefordert wird, so muss hier der Religionsphilosoph Romano Guardini zu Wort kommen: „So glaube ich, die am wenigsten sensationelle, aber am tiefsten ins Wesentliche führende Aufgabe, die Europa zugewiesen ist, sei die Kritik an der Macht. Nicht negative Kritik, weder ängstliche noch reaktionäre […] Der Machtgebrauch als solcher müsse seelisch geleistet und personal verantwortet werden. Kann der Mensch beliebig viel Macht leisten und verantworten?“ Was früher Gott zugeschrieben wurde, müsse der Mensch nun selbst übernehmen. Es steigere sich das Gefühl, er sei Maß seiner Selbst und seines Werkes, Herr seines Daseins. Es stelle sich die Frage: Wenn der Mensch niemanden über sich akzeptiert, gibt es da nicht die Gefahr einer „existenziellen Überanstrengung“?

Europa habe die Idee der Freiheit hervorgebracht. Es komme nun darauf an, ob der Mensch auch die Freiheit gegenüber seinem eigenen Werk entwickle. Europa müsse sich zudem immerfort mit der Frage konfrontieren, ob der Mensch überhaupt über andere Menschen Macht ausüben dürfe, „den anderen Menschen, der kein Es-Wesen, sondern Ich, Person ist“. Der Mensch weiß aus der Geschichte, dass er in Europa „unabsehliche Schuld am Menschen auf sich geladen, unabmessbares Unheil angerichtet“ hat. Es gibt nach Guardini zwei Weisen, wie dem Menschen gegenüber Macht ausgeübt werden kann. Die eine ist die Herrschaft, die andere ist die des Dienstes: „Damit ist nicht die Unterordnung des Schwächeren gemeint; dieser Dienst ist im Gegenteil Sache der Stärke, die sich für das Leben verantwortlich fühlt – für alles das, was Leben heißt: Mensch, Volk, Kultur, Ordnung des Landes und der Erde […] Demut. Dienende Stärke, die will, dass die Dinge der Erde recht werden. In dieser Form der Machtausübung ist kein Glanz, keine Erhabenheit, sondern schlichte Sachlichkeit.“

Nicht selten wird Europa heute so gekennzeichnet: Die wachsende Sorge um sich selbst, um eigenes Weiterkommen und persönliche Entfaltung begegnet einer gleichzeitigen Überforderung, Leben anzunehmen und des Willens, Kinder zu zeugen. Es scheint so: zuerst das Eigene – alles andere danach. Schon viel zu lange bezeichnen große Denker Europa als einen Kontinent, dem die Lebensfreude abhanden gekommen sei.

Gerade im zunehmend zerrissenen Europa ohne klare Wegweiser brauchen wir eine neue Mobilisierung der Sinnressourcen. Diese gilt es zusammenzutragen, damit die europäische Gesellschaft in ihrer Vielfalt eine gemeinsame politische und soziale Ebene findet. Deswegen fordert Papst Franziskus das Gespräch mit allen ein: „Wenn es ein Wort gibt, das wir bis zur Erschöpfung wiederholen müssen, dann ist es Dialog.“ Das erinnert an das starke Plädoyer von Papst Johannes Paul II. für eine offensive Mitarbeit in allen politischen und gesellschaftlichen Institutionen: „Man muss sich aufmerksam und engagiert in diesen modernen Instanzen einbringen. Die Menschen fühlen sich wie Seeleute auf der offenen See des Lebens, aufgerufen zu immer größerer Einheit und Solidarität. Lösungen für die existenziellen Probleme können nur unter Mitwirkung aller studiert, diskutiert und experimentiert werden.“

Der Autor leitet die „Akademie für Evangelisation“ in Wien.

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27.07.2021, 19  Uhr
Peter Schallenberg
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