Dialog – Basta!

Dass Menschen miteinander sprechen, ist selbstverständlich. Hellhörig sollte aber machen, wird ein Dialog eingefordert. Dann entlarven sich Dialogprozesse schnell als bloße Machtspiele. Schuld daran, dass der Dialog seine Unschuld verloren hat, sind Sprachphilosophie und Diskurstheorie. Von Alexander Riebel
Foto: dpa | Wer im Schachspiel die Regeln am besten beherrscht, gewinnt – der Kampf um die Entscheidung ist ein Rechenspiel. Das gilt auch für das Spiel mit dem Dialog.
Foto: dpa | Wer im Schachspiel die Regeln am besten beherrscht, gewinnt – der Kampf um die Entscheidung ist ein Rechenspiel. Das gilt auch für das Spiel mit dem Dialog.

Durfte man glauben, dass das Reden über Konsens und Dialog, wie es der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder für seine Politik hoffähig gemacht hat, wieder aufhören würde? Nein, weil hier etwas Grundsätzliches in Bewegung geraten war, in dem auch Schröder nur die Rolle eine kleines Rädchen spielte; und am Ende seiner Konsenspolitik stand zumeist sein Basta. Aber auch das Basta gehört zum großen Ganzen. Denn was hinter der öffentlichen Dialogbereitschaft steht, ist häufig nur der Kampf um die Durchsetzung der eigenen Positionen. Woher kam aber auf einmal die Rede vom Konsens, auf die Schröder durch Jürgen Habermas aufmerksam wurde?

Beispiele für den Versuch der Erzwingung eines Gesprächs, Diskurses, Dialogs oder Konsenses, um bestehende Positionen zu verändern, gibt es täglich. Sei es der frühere baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel und andere, die die Deutsche Bischofskonferenz aufgefordert haben, die Frage der „Viri probati“ und damit des Zölibats beim Deutschlandbesuch von Papst Benedikt XVI. zu thematisieren, sei es der Bund der Deutschen Katholischen Jugend, der denselben Vorstoß fordert – „bundesweit und tabufrei“ –, sei es das Mitredenwollen von Politikern über die Zukunft der Gorch Fock, oder das „Angebot“ der SPD, künftig bei Großprojekten Volkes Stimme hören zu wollen, um dann im Konsens mit den Wählern in aller Ruhe Politik machen zu können.

Und an Universitäten ist bereits die Forderung im Gespräch, gestandene Professoren in Vorlesungstests als Qualitätskontrolle zu schicken, um dann zu prüfen, ob sie bei der Powerpointpräsentation die Folie richtig aufgelegt haben oder didaktisch angreifbar sind. Bei Mängeln sollen sie sogleich – erniedrigend – in Kurse verpflichtet werden, um sie nach rein betriebswirtschaftlichen Kriterien für die Studenten als deren Kunden nutzbar zu machen. Auch hier geht es darum, mitzureden und die Autorität des Professors, wie oben des Priesters oder des Politikers zu stürzen.

Dass dies heute so ist, hat handfeste Gründe, die in der Diskurstheorie leicht auffindbar sind. Diese Philosophie, die als Muster oder hermeneutischer Rahmen hinter diesen Realitäten steht, wird als „linguistic turn“ bezeichnet, als Wende zur sprachanalytischen Philosophie, die nur noch den Diskurs zulässt und klassische Prinzipientheorien der Philosophie als „erkenntnistheoretischen Fundamentalismus“ bezeichnet, wie es bei Habermas gegenüber Kant heißt – gegenüber vorkantische Theorien würde das Urteil wohl noch härter ausfallen. Als Beispiel sei nur der von Habermas hochgeschätzte amerikanische Rechtsphilosoph John Rawls (1921–2002) genannt, der in seiner Philosophie der „Gerechtigkeit als Fairness“ forderte, der demokratische Staat müsse völlig unabhängig von jeglicher Philosophie und Religion, von deren Geist und Grundlagen, sein. „Politik ohne Metaphysik“ war Rawls' Motto der Toleranz als öffentlichem Prinzip, wodurch sämtliche Wurzeln der abendländischen Geistesgeschichte vom angeblich runden Tisch des Diskurses ausgeklammert sind.

Die sprachanalytische Philosophie, in der die Metaphysik, wie Wittgenstein sagte, zu einem Tröpfchen Sprachphilosophie kondensiert ist, hat ihre Frühgeschichte im amerikanischen Pragmatismus eines Charles S. Peirce (1939–1914) und seines „Commensensism“, also der praktischen Bewährtheit des common sense. In seinem Buch „Der Denkweg des Charles S. Peirce“ konnte sich der Frankfurter Philosoph Karl Otto Apel, einer der einflussreichsten Vertreter deutscher Diskursethik und Wegbereitern dieser Denkart, noch 1975 darüber mokieren, dass sich die Deutschen mit der neuesten Philosophie nur schwer anfreunden wollten: „In Mitteleuropa, zumal in Deutschland, sträubt man sich vielfach, aus einer Mischung von humanistischer Pietät gegenüber der traditionellen Metaphysik und trotziger Ignorierung der neueren angelsächsischen Philosophie heraus, die pragmatischen Spielregeln des Alltagslebens, der Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Technik als philosophisch relevant anzuerkennen und diejenigen Philosophien, welche diese Wirklichkeit analysiert haben, als Philosophie ernst-zunehmen.“ Apel schlägt hier nicht einmal den Dialog über neue „Spielregeln des Alltagslebens“ vor, er fordert sie. Das ist der neue Ton des Willens zum Dialog. Und diese Philosophie des Diskurses ist eben nicht über den Diskurs nach Deutschland gekommen, sondern hier wird, um mit Nietzsche zu sprechen, mit dem Hammer philosophiert, auch heute noch. Denn wer würde es wagen, einen Diskurs verweigern zu wollen, und wer könnte wagen, die Philosophie des Diskurses zurückzuweisen? Er wird sofort als Fundamentalist bezeichnet, wie das Beispiel Habermas' zeigt.

Die nächste große Etappe auf dem Weg zur Durchsetzung von Diskursen war mit Ludwig Wittgenstein (1889–1951) erreicht. Die Merkmale der Sprachspiele, durch die man Einzelne oder eine Gruppe zum Umdenken zwingen kann, hat er in den „Philosophischen Untersuchungen“ genau formuliert. Der Witz der ganze Lehre ist, dass der Einzelne nach Wittgenstein nie weiß, ob er einer Regel richtig folgt oder nicht. Er braucht die Bestätigung durch andere. In Wittgensteins Sprache: „Und darum kann man nicht der Regel ,privatim‘ folgen, weil sonst der Regel zu folgen glauben dasselbe wäre, wie der Regel zu folgen.“ Ein Schachspiel ist nur deswegen ein Schachspiel, weil die Figuren in bestimmter Weise gezogen werden. Wer sie anders zieht, spielt ein anderes Spiel. Genauso läuft es in der Gesellschaft. Wer etwas völlig anderes macht oder denkt als die Mehrheit und der Durchschnitt – also der Mainstream –, ist ein Außenseiter und Spinner. Bei Wittgenstein hieß der Mainstream noch Lebensform als Klasse der Reaktionen und Handlungen, in denen wir übereinstimmen. Und weil sich jedes Spiel ummodeln oder mit neuen Regeln neu erfinden lässt, beruhen die Regeln nicht mehr auf Wahrheitsbedingungen, sondern auf Behauptbarkeitsbedingungen. Die Frage ist also nur noch, unter welchen Bedingungen Behauptungen aufgestellt werden dürfen. Der geniale Trick besteht nun darin, dass Behauptungen nicht mehr „Tatsachen entsprechen“ müssen, wie Wittgenstein formuliert. Innerhalb des Sprachspiels kommt es dann nur darauf an, etwa zur Gemeinschaft der Rechner zu gehören, wenn wir mathematisch richtig zu rechnen gedenken. Von objektiv gültigen Regeln zu sprechen, macht keinen Sinn mehr, weil die Behauptung der Wahrheit einer Aussage dasselbe sei wie die Behauptung der Aussage.

Wahrheit ist also überhaupt kein Thema mehr. Und wenn sich nach Wittgenstein eine Gemeinschaft über eine Behauptung einig ist, besteht keine Möglichkeit zur Korrektur. Ein Einzelner oder eine Minderheit können also kein Sprachspiel spielen. Sie werden zum Umdenken gezwungen oder befinden sich außerhalb des Spiels. Und wie jemand ein Wort versteht, zeigt sich darin, „wie er von dem erklärten Wort Gebrauch macht“, sagt Wittgenstein: Der Gebrauch von Sinn ist nichts anderes als das Schieben einer Schachfigur.

Dieses Denken, das überall auf der Welt in seiner aktualisierten heutigen Form in philosophischen Seminaren als das allein gültige Wissen der philosophischen Moderne ausgegeben wird – achtig Prozent aller philosophischen Veröffentlichungen derzeit haben Sprachanalytisches zum Thema –, hat einen verheerenden Bruch mit der abendländischen Denktradition herbeigeführt. Auch die Religion ist bei Wittgenstein in die Grenzen der Sprache eingesperrt: „Es drängte mich, gegen die Grenzen der Sprache anzurennen, und dies ist, glaube ich, der Trieb aller Menschen, die je versucht haben, über Ethik oder Religion zu schreiben oder zu reden. Dieses Anrennen gegen die Wände unseres Käfigs ist völlig und absolut aussichtslos.“

Nicht dass hier sinnvollem Dialog widersprochen werden soll, der überall gefordert ist – und der Dialog ist ja keine neue Erfindung, denn die Menschen, auch die Herrschenden und Beherrschten, reden und redeten schon immer miteinander, zumal in einer Demokratie, das also ist banal. Das Problem der Diskursgesellschaft ist vielmehr das Herbeiführen von Entscheidungen unter dem Deckmantel des Dialogs, dessen Materie oft gar nicht Sache derjenigen ist, die den Dialog erzwingen wollen. Jürgen Habermas hat das schon in seinem 1962 erschienenen Buch „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ im Hinblick auf das bewusste Herbeiführen von Öffentlichkeiten beschrieben, die „gemacht“ werden müssten, wenn es sie nicht gebe. „Kommunifikation“ hieß das damals: „Diese Publizität taugt nun über eine Beeinflussung der Konsumentenentscheidungen hinaus auch zur politischen Pression, weil sie ein Potenzial unartikulierter Zustimmungsbereitschaft mobil macht, das notfalls in eine plebiszitär definierte Akklamation übersetzt werden kann.“ Zustimmungsbereitschaft wird heute überall mobil gemacht: gegen den Schutz des Lebens, bei der Homo-„Ehe“ oder wie jetzt beim Zölibat. Und diejenigen, die die Gesellschaft mit dem Mainstream im Rücken in die Zange nehmen, um auf solchen Gebieten mit dem „Dialog“ Veränderungen erzwingen zu wollen, können noch einen weiteren Bonus aus der Diskurslehre ziehen: Es geht im Diskurs nur noch um Beteiligte an einem gemeinsamen Sprachspiel. Das unterscheidet die heutige Situation grundsätzlich von der abendländischen Geistesgeschichte mit ihrer Metaphysik des Transzendenten, ihrer Ethik des Sollens, der Normen der alten Tugendlehre und selbst noch von der neuzeitlichen Subjektsphilosophie und ihrer Prinzipienlehre. Alle diese Verbindlichkeiten sollen beseitigt werden, jeglicher Wahrheitsanspruch wird aufgegeben zugunsten von Behauptungen: Die Diskurstheorie hat sich zu einem gewaltigen Säkularisierungsschub entwickelt. Der neue Empirismus der Lebenswelt im angelsächsischen Denkstil lässt nur noch zu, was naturwissenschaftlich belegbar ist. Gehirn und Gene sollen die Entscheidungsträger der Zukunft werden. Und wenn es stimmt, was Hegel einst meinte, die Philosophie bringe ihre Zeit auf den Begriff, dann sind hier Wirklichkeit und Philosophie zur Synthese verschmolzen wie selten zuvor. Unter dem Deckmäntelchen des „herrschaftsfreien“ Dialogs und der „Einbeziehung des Anderen“ wird rücksichtslose Politik betrieben. Der Missbrauch der Idee des echten Dialogs ist so zum Markenzeichen der Gegenwart geworden.

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