Des weißen Pudels Kern bleibt ein weißer Fleck

Goethes „Faust“ in Salzburg: Regisseur Nicolas Stemann bietet erst konzentrierte Kargheit, im zweiten Teil neo-barockes Theater-Multi-Tasking. Von Reinhard Kriechbaum
Foto: Declaier | Szene aus der Salzburger Faust-Aufführung.
Foto: Declaier | Szene aus der Salzburger Faust-Aufführung.

Dieses Ende hätte man nach den acht Stunden nicht erwartet, auch nach diesen acht Stunden nicht: „Alles Vergängliche“ des Chorus Mysticus wird zur Musical-Nummer, sanft schunkelnd, während man – unter vielem anderen – Mephistos finales Lamento um die verlorene Seele als rote Leuchtschrift nachlesen kann und die Protagonisten und Statisten ihre Engels- und Phantasie-Puppen im Takt schwenken.

Der „Faust II“ endet in der Nacht (bei der Premiere exakt um 1.17 Uhr), als ob der Stoff für einen Lloyd-Webber-Bühnenaufguss hätte herhalten müssen. Hat er letztlich ja auch, auch wenn die Sache auf der Halleiner Pernerinsel am mittleren Nachmittag um 17 Uhr völlig konträr angefangen hat: mit einem gut einstündigen Solo von Sebastian Rudolph alias Faust, alias Direktor, Dichter, Lustige Person, Mephistopheles, Herr, Wagner, und was da alles personenmäßig kreucht und fleucht. Allein rackert er sich ab für alle, bis hin zum Osterspaziergang (sieht man von der Mini-Episode ab, da ein Orgelspieler und ein Sängerknabe fürs „Christ ist erstanden“ auf die Bühne kommen). „Faust I“ ist bei den Salzburger Festspielen ein auf- und aus- und beinah überhaupt weggeräumtes Kammerspiel. Sebastian Rudolph ist erst mal alle. Mit verstellter Stimme, mit unterschiedlichen Dialekten oder mit Haarreif mit roten Hörnchen, die er sich flugs überstülpt.

Aber dann wandelt sich, mit einem Video-Projektionseffekt hinter der fast leeren Bühne, das gelegentlich vorbeischlurfende Gespenst in einen hübschen weißen Pudel und gleich drauf übernimmt Philipp Hochmair alias Mephisto die Soloperformance. Die nächste Dreiviertelstunde hat der bis-dato-Faust wenig zu vermelden. Mit dem Erscheinen von Patrycia Ziolkowska wendet sich das Blatt abermals, nun ist sie alle und die beiden Männer sind die Stichwortbringer.

Alles soweit klar: Nicolas Stemann lässt uns an der (gar nicht neuen) Idee Anteil haben, dass die Personage des gesamten „Faust I“ bloß Spiegelung einer multiplen Seele sei. Mephisto ist sowieso das Alter Ego und völlig ident gekleidet. Gretchen ist der weibliche Anteil an der erkenntniswilligen und (ver)zweifelnden Faust-Seele. Wir finden sie im ersten Spielblock – ziemlich genau zwei Stunden vierzig – in psychogrammatisch leidlich genauen Diagrammen angelegt. Großes Schauspieler-Theater durchaus, bei dem man sich nur wünschte, die Sache nicht von der 22. (also einer der hinteren) Reihen beobachten zu müssen, näher ran, genauer schauen und vor allem auch genauer hören zu dürfen. Aber das Ohr des Zuschauers stellt sich überraschend gut ein auf die akustische Unbill.

Erfährt man bei den Salzburger Festspielen mehr, gar Neues über die Befindlichkeit des Faust? Nein, das Stück wird von Nicolas Stemann ebenso wenig neu erfunden wie die Theaterform. Eigentlich: eine handwerklich saubere, aber inhaltlich tendenziell brav, ja: bieder gedachte Arbeit. Der neo-barocke Keulenschlag setzt nach einstündiger Pause unerwartet ein. Davon erholt sich niemand und nichts, das Publikum nicht, die Schauspieler nicht und der Tragödie zweiter Teil als Ganzes schon gar nicht. „Faust II ungekürzt“ wird uns eingebläut von einer bunten Tischgesellschaft. Mit Dreien kommt man jetzt nicht mehr aus, zu Hochmair, Rudolph und der Ziolkowska kommen noch Barbara Nüsse, Birte Schnöink und Josef Ostendorf. Und eine Operntruppe mit der Sängerin Friederike Harmsen und anderen.

Erst Mal ist Kapitalismuskritik im Groben angesagt, die drängt sich ja auf mit der Erfindung des Papiergelds. Ein bisserl täppisch und improvisiert, jedenfalls: szenisch unausgegoren sieht das aus. Viel Statisterie geht um, die Video- und Live-Projektionen beginnen zu wuchern, die Musik (ein tollkühner Mix aus live und Konserve) mischt sich aufdringlich in den Text, der sich manchmal wie eine Klette ans Ohr hängt, aber genauso oft abprallt und marginalisiert wird. Goethe begegnet uns als Dame und macht mit Pinsel und Farbe eine Strichliste auf, je tausend Verse einen. Über zwölftausend sind es, aber so heiß wird das von Stemann doch nicht aufgetischt.

Bei so vielen Stunden des theatralen Multi-Tasking, der aufblitzenden und gleich wieder versickernden Ideen, der Bühnen-Prallheit, des Masken- und Figurentheaters, aber auch des sich eigenartig fernhaltenden Gestaltungswillens wüsste man gar nicht recht wo anfangen mit dem Beschreiben des Verqueren, des auseinander Driftenden.

Auch im „Faust II“ wird Text nach allen Kräften auf einzelne Darsteller gebündelt. Alle sind alles und alles ist eins – das ist über Viertel- und halbe Stunden die einzige sich abzeichnende Botschaft. Manches wird (vor allem gegen Ende hin) auch chorisch gesprochen. Das mag Nicolas Stemann sehr, davon lebten im Vorjahr am gleichen Ort seine Schiller'schen „Räuber“. Nur: Hier wird die Übersicht geraubt, die Form. Man bleibt stecken im Erfinden mehr oder weniger plausibler, bühnenwirksamer und oberflächlich effekthascherischer Bilder. Besser gelungen der Helena-Akt, der zentriert und sprachlich gefasst, wenn auch ein wenig altmodisch gestelzt und mithin kunsthandwerklich wirkt.

Natürlich lässt Nicolas Stemann sehr bewusst mit einem Stil-Konglomerat hantieren, will er uns vermitteln, dass wohl auch Goethe nicht recht wusste, wie er die übergroße Sache bändigen solle. Deshalb kommen auch Faust-Exegeten per Videoprojektion zu Wort. Interessant und lehrreich, was sie zu sagen haben. Bei alledem aber stiehlt sich der Regisseur – wenig elegant – hinaus aus der Option einer Deutung. Des weißen Pudels Kern bleibt ein weißer Fleck auf der Goethe-Landkarte. Hier wird ein Fädchen aufgegriffen, herausgezogen und wieder fallen gelassen. Da wird dem Publikum ein dürrer Knochen zum weiteren Abnagen hingeschmissen.

Stimmt schon: Vorgekaute Meinung ist Stemanns Sache nicht, gedankliche Bevormundung scheut er wie der Teufel das Weihwasser. Aber bei acht Stunden Mürbe-sitzen täte man sich schon gelegentlich gezieltere Angebote wünschen. Sonst wäre doch der Griff zum Reclam-Heft die bessere Wahl.

Die Aufführung ist eine Koproduktion mit dem Thalia Theater Hamburg, wo am 30. September Premiere ist. – Aufführungen auf der Pernerinsel in Hallein am 6., 7., 14., 15., 20. und 21. August. – www.salzburgerfestspiele.at

Themen & Autoren

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann