Der vormoderne Moderne

Der Romancier Nicolai Gogol wurde vor 200 Jahren geboren – Dostojewski: „Wir kommen alle aus seinem Mantel“

Dostojewski soll einmal gesagt haben „Wir kommen alle aus Gogols Mantel“. Damit hat er nicht nur den herausragenden Platz Nicolai Gogols in der Weltliteratur bestätigt, sondern auch darauf hingewiesen, dass dieser Schriftsteller für die Moderne prägend war. In der Tat bildet gerade die von Gogol geäußerte Gesellschaftskritik die Grundlage für die spätere Thematik in den Werken Dostojewskis. Auch die Präsenz des Dämonischen ist bei Gogol schon ebenso deutlich wie dann bei Dostojewski.

Dennoch steht Gogol in der Literaturlandschaft einmalig da. Der Sohn ukrainischer Gutsbesitzer wurde am 1. April 1809 (nach julianischem Kalender am 20. März 1809) in Sorotschinzy geboren. Zunächst wollte er Schauspieler werden, fand dann aber eine Stelle im Staatsdienst und später eine Anstellung als Lehrer einer Mädchenschule, bevor er 1834 Professor für Geschichtslehre in Petersburg wurde. 1831 lernte er Alexander Puschkin kennen, mit dem er zeitlebens freundschaftlich verbunden blieb und von dem er entscheidende Impulse für seine literarische Arbeit erhielt. Gogol verstand es, lebendig und realitätsnah zu erzählen und gleichzeitig den Leser zu befremden, indem er immer wieder das Surreale in den menschlichen Lebensalltag einbrechen lässt.

Seelenängste und Sinnsuche: Gogols Themen der Moderne

Da ist der Kollegienassessor in der Erzählung „Die Nase“, der eines Morgens entsetzt feststellt, dass seine Nase fehlt, die gestern noch im Gesicht saß. Mit diesem Verlust steht sein Ansehen und seine ganze gesellschaftliche Existenz auf dem Spiel. Durch das absurde Geschehen wird die Wirklichkeit entstellt und die schöne Fassade zerstört.

Nicht viel anders ergeht es jenem Kanzleischreiber in der Erzählung „Der Mantel“, der lang für seinen neuen Mantel gespart hat, der ihm die gewünschte Anerkennung seiner Kollegen sichern soll, der ihm aber durch einen Diebstahl abhanden kommt. Mit dem Statussymbol verliert er auch seine gesellschaftliche Stellung.

In Gogols Hauptwerk „Die toten Seelen“ kauft ein Mann namens Tschitschikoff den Gutsbesitzern in der russischen Provinz die Namen ihrer verstorbenen Leibeigenen ab, um damit betrügerische Geschäfte zu machen. Es zeigt sich aber, dass nicht nur die Verstorbenen, sondern auch Tschitschikoff und seine Geschäftspartner tote Seelen sind.

Die seelische Problematik des Menschen tritt bei Gogol sichtbar zutage. Der Thematik Kafkas schon vorgreifend, schildert er die Seelenängste und die Sinnsuche des Menschen. In immer wieder neuen Symbolen beschreibt er das Dämonische, wie es im Einzelnen, aber auch in den Gesellschaftsstrukturen vorzufinden ist. Da er der höheren Gesellschaft in seinen Werken den Spiegel vorhielt, blieben Auseinandersetzungen mit der staatlichen Zensur nicht aus. Bei alldem bleibt jedoch der Sprachstil spielerisch leicht. Alle Werke Gogols changieren zwischen Satire und Groteske.

Wenn auch Gogol die Charaktere seiner Erzählungen in der Regel stark überzeichnet – und dadurch die von ihm dargestellte abgründige Tiefe durch Humor für den Leser erträglich macht – war er doch ein profunder Kenner der menschlichen Seele. In einem Brief schreibt er selbst: „Eine derartige Analyse der Menschenseele, wie andere Menschen sie nicht vornehmen, war die Ursache dafür, dass ich Christus begegnete, indem ich an ihm zunächst seine menschliche Weisheit und eine bis dahin unerhörte Seelenkenntnis bewunderte, und dann erst mich vor seiner Gottheit beugte.“

Nachdem er durch die Menschen zu Christus gefunden hat, will Gogol die Menschen zu Christus führen. Als Mittel dazu dient ihm die Literatur. Sein literarisches Schaffen versteht er als Gottesdienst, auf den er sich mit Fasten und Gebet vorbereitet. „Der Auftraggeber ist Gott und sonst niemand“, bekennt er. Er verfasst eine Deutung der Chrysostomus-Liturgie mit dem Titel „Betrachtungen über die göttliche Liturgie“. Auch unternimmt der orthodoxe Christ Pilgerreisen nach Rom und nach Jerusalem.

Seine mystische Seite schlägt allerdings ins Krankhafte um

Die religiöse und mystische Ader Gogols, welche schon durch das mütterliche Erbe grundgelegt war, nimmt schließlich immer mehr krankhafte Züge an. Verschiedene körperliche Krankheiten sowie Schulden bei den Verlegern verstärken seinen Hang zur Schwermut. Durch Kuraufenthalte erhofft er sich Linderung, die jedoch ausbleibt. In einem Anfall von Wahn vernichtet er wenige Tage vor seinem Tod den zweiten Teil seines einzigen Romans „Die toten Seelen“. Von da an verweigert er jede Nahrungsaufnahme und stirbt am 4. März 1852 (nach julianischem Kalender am 21. Februar 1852) in Moskau.

Gogols Werke sind heute in den Bücherregalen wie auch auf den Theaterbühnen immer noch gefragt. Zwei seiner Werke wurde sogar vertont: die Erzählung „Der Mantel“ von Dimitri Schostakowitsch (1928) und die Komödie „Der Revisor“ von Werner Egk (1957). Ähnlich wie bei Kafka lässt die Bildsprache oft ein ganzes Spektrum an Deutungen zu und darf nicht vorschnell eingeengt werden. Gerade daraus resultiert aber auch der zeitlose Reiz seiner Geschichten.

Wer war aber nun Nicolai Gogol? Ein Autor, der dem realistischen Roman den Weg bahnte oder ein Vertreter der fantastischen und absurden Literatur? Ein Sozialkritiker oder ein Liebhaber kunstvoller Erzählungen? Ein ernsthafter Christ oder ein religiös Überspannter? Ein Genie oder ein Wahnsinniger? Auf keine dieser Fragen wird die Antwort leicht fallen, zu vielschichtig ist seine Persönlichkeit. Noch nach zweihundert Jahren gibt dieser Mann uns Rätsel auf.

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