Der Rest ist Schweigen

Ein Protagonist, der nicht weiß, ob es ihn einmal oder doch zweimal gibt: Gerhard Falkners „Apollokalypse“. Von Ingo Langner

„Die Sein oder Doppeltsein. Das ist die Frage.“ Zumindest für Georg Autenrieth. So nennt sich der Protagonist und Ich-Erzähler in „Apollokalypse“, einem Roman von Gerhard Falkner. Es ist sein erster.

Doppelgänger sind der Literaturgeschichte wohlbekannt. Wer ihrer Spur folgt, landet in der Romantik. Einem Zeitalter, in dem nicht nur E.T.A. Hoffmann mit „Die Elixiere des Teufels“, das von Jean Paul in seinem Roman „Siebenkäs“ schon 1796 eingeführte Motiv aufgriff. Auch außerhalb der deutschen Grenzen fand das Doppelgängermotiv Nachfolger. In englischer Sprache haben der Schotte Robert Louis Stevenson mit „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ und der Ire Oscar Wilde mit „Das Bildnis des Dorian Gray“ die vermutlich berühmtesten Werke in diesem Sujet verfasst.

Georg Autenrieth weiß also nicht, ob es ihn einmal oder gleich zweimal gibt. Er ist darum nicht sicher, ob er sein wildes Leben wirklich gelebt hat, oder sein Ich fatalerweise ein anderer war. Der dann an seiner Statt mit zwei mehr oder weniger engen Freunden und zwei mehr oder weniger nymphomanischen Frauen haltlos und hauptsächlich durch das Berlin in den beiden Jahrzehnten vor und nach dem Mauerfall treibt und dabei in einen Kosmos versinkt, dessen Alpha und Omega Alkohol und Orgasmus heißen.

Das liest sich zumindest streckenweise flott, luftig und leicht. Doch am Ende der Romanfahnenstange drängt sich die Frage auf: ist aus Lust, Liebe und Last, aus Rausch und Verrat wirklich ein originärer Roman geworden oder bloß ein Riesenausrufezeichen? Hinter dem Gerhard Falkner steht und sich freut, endlich einmal alles in einem Buch untergebracht zu haben, was sich im Lauf der Zeit so alles in seinem Kopf über Kunst und Kultur angehäuft hat.

Jeder altsprachlich geschulte Leser wird vermuten, dass der Neologismus „Apollokalypse“ drei ursprünglich griechische Worte enthält. Nämlich den Gott Apollon, die Meernymphe Kalypso und die Apokalypse. Letztere heißt im Altgriechischen wörtlich Entschleierung und im übertragenen Sinne Enthüllung. Im Christentum wird die Apokalypse Offenbarung genannt und verweist eschatologisch auf das Ende der Geschichte und das kommende Reich Gottes.

Woraus folgt: Schon der schwergewichtige Titel des Buches signalisiert dessen Achillesferse, weil Falkner schon hier den überbordenden Bildungsballast auftürmt, unter dessen Bürde sein im reifen Alter von 65 Jahren publizierter belletristischer Erstling schlussendlich zusammenbricht. Naturgemäß deshalb, weil jeder große Roman zumindest in Splittern die wirkliche Welt widerspiegeln und keine reine Kopfgeburt sein sollte.

Sicher, Gerhard Falkner kann schreiben. Viele seiner Sätze sind brillant. Er hat hochgelobte Gedichtbände veröffentlicht. Der deutsche Literaturbetrieb hat ihn mit wichtigen Preisen und großzügigen Auslandsstipendien in Rom, Istanbul und Los Angeles bedacht und zählt ihn zu den bedeutendsten Dichtern der Gegenwart.

Falkners Portrait eines Doppelgängers als junger Mann hat Tempo und Witz genug, um jenen Leser begeistern zu können, der erstens mit Tempo und Witz unterhalten werden möchte und zweitens durch die Überfülle an Literatur- und Bildungszitaten zu dem Schluss gelangt, dass er sich auf hohem Niveau vergnügt.

Die düstere Ahnung, dass dieses Fazit Fiktion sein könnte, wird in einer möglicherweise gar nicht so schwachen Stunde auch Gerhard Falkner selbst beschlichen haben. Wie heftig der eiskalte Hauch der Wahrheit gewesen sein könnte, zeigt uns der folgende Dialog aus dem Kapitel „Zwerge und Riesen“: „Meine Vermieterin sagt, dies hier wäre ein schlechter Roman. Wahrscheinlich hat meine Vermieterin recht. Sie sagt, man wäre als Leser fortwährend auf der Suche nach einem Zusammenhang, und es könne ja nicht der Sinn eines Romans sein, sich bis zu seinem Ende damit abzukaspern, einen solchen Zusammenhang zu entdecken. Da ist natürlich was dran, musste ich zugeben“, lässt Falkner seinen Autenrieth sagen.

Um dann jedoch, als sich seine Vermieterin auch noch beredt über die kranken und verrückten Romanfiguren empört, zu sagen: „Neben den Zimmerwänden blieb die ganze Mauer entlang noch ein schmutzig weißer Raum, und durch diesen kroch in unsäglichen, wurmweichen, gleichsam verdauenden Bewegungen die offene, rostfleckige Rinne der Abortröhre.“ Natürlich sagt Autenrieth diesen andernorts gefundenen Satz nur, um auf den Stoßseufzer der Vermieterin: „Genauso hört sich das Ganze hier an“, triumphierend antworten zu können: „Das ist Rilke. Malte Laurids Brigge“.

Womit Gerhard Falkner, wenngleich im Gewande der Ironie, ex cathedra klarstellt, mit wem er verglichen werden möchte und welcher literarische Rang ihm gebührt. Dem Rezensenten bleibt da nur ein anderer Satz aus dem unerschöpflichen Fundus der Weltliteratur: „Der Rest ist Schweigen.“

Gerhard Falkner: Apollokalypse. Roman.

Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2016, 432 Seiten, ISBN 987-3-8270-1336-1, EUR 22,00

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