Der postfaktische Luther

Zum Reformations-Jubiläum gehört auch eine Botschafterin. Deren Thesen verdienen aber eine kritische Beachtung. Von Sebastian Moll
Foto: dpa | „Die Ex-Bischöfin schätzt den Pluralismus und mangelnden Lehrkonsens ihrer eigenen Kirche“: Margot Käßmann hält Martin Luther als Playmobil-Figur in der Hand.

Alle sprechen vom postfaktischen Zeitalter, das im vergangenen Jahr quasi über Nacht angebrochen sei. Dieses neue Zeitalter ist im Wesentlichen durch zwei Phänomene gekennzeichnet. Einerseits treffen Menschen mit einem Mal emotionale Entscheidungen, andererseits wird in Wahlkämpfen plötzlich die Unwahrheit gesagt. Beide Entwicklungen kamen für mich persönlich als großer Schock. Als Historiker war ich daran gewöhnt, dass die Geschichte der Menschheit in einer einzigen Kette völlig rationaler und gut durchdachter Entscheidungen verläuft. Und dass in Wahlkampfzeiten gelogen wird, hätte ich mir nicht einmal in meinen kühnsten Träumen vorstellen können.

Weniger schockierend war für mich schon die Entdeckung von fake news oder „alternativen Fakten“. Als Mitglied der evangelischen Kirche bin ich mit diesem Phänomen seit Langem vertraut. Auch die Vorbereitungen auf das aktuelle Reformationsjubiläum bestätigen meine diesbezüglichen Erfahrungen in vollem Umfang. Man nehme die Aussage: „Margot Käßmann ist Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“. Nein, das sind leider keine fake news, so gerne man auch daran glauben möchte. Aber was diese Frau über den großen Reformator verbreitet, fällt eindeutig in besagte Kategorie. Die Ex-Bischöfin schätzt den Pluralismus und mangelnden Lehrkonsens ihrer eigenen Kirche und sieht diesen sogar in der Reformation selbst begründet: „In Glaubens- und Gewissensfragen ist jeder Mensch frei. Das ist eine, vielleicht die entscheidende Erkenntnis der Reformation […] Das ist die Haltung von Luther in Worms 1521, die Menschen in aller Welt überzeugt hat.“ So fasst Margot Käßmann die wesentliche Bedeutung der Reformation zusammen.

Wo sie das herhat, bleibt ihr Geheimnis. Die entscheidende Erkenntnis der Reformation war – jedenfalls, wenn man den Reformatoren folgen möchte – die Rechtfertigung allein aus Glauben. Aber schauen wir doch auf die von Käßmann angeführte Rede Luthers auf dem Reichstag zu Worms im Jahre 1521. Vorweg: Die Begriffe „Freiheit“ oder „frei“ kommen in ihr nicht vor. Vom Gewissen hingegen spricht Luther sehr wohl, und zwar am Ende seiner berühmten Rede: „Wenn ich nicht mit Zeugnissen der Schrift oder mit offenbaren Vernunftgründen besiegt werde, so bleibe ich von den Schriftstellen besiegt, die ich angeführt habe, und mein Gewissen bleibt gefangen in Gottes Wort.“ Luthers Gewissen ist also gefangen. Vielleicht muss man es noch einmal in aller Deutlichkeit herausstellen: „gefangen“ ist das genaue Gegenteil von „frei“. Wenn Luther in diesem Zusammenhang überhaupt eine Freiheit einfordert, dann von der Autorität der römischen Kirche. Eine Freiheit im Sinne dogmatischer Beliebigkeit und Willkür, wie sie Frau Käßmann vertritt, wäre ihm ein Gräuel gewesen.

Frau Käßmann mischt sich immer wieder gerne in Fragen der aktuellen Tagespolitik ein, ungeachtet diesbezüglicher Voraussetzungen wie Sachkenntnis oder Erfahrung. Derzeit ist es natürlich vor allem die Flüchtlingsdebatte, in die sich die engagierte Theologin aktiv einzubringen sucht. Dafür erhält sie heftige Kritik, wie sie jüngst in der ARD beklagte: „Es gehört ja inzwischen schon Mut dazu zu sagen, in der Bibel steht ,Die Fremden, die ihr aufnehmt, die sollt ihr schützen‘. Das steht aber in der Bibel.“

Nun, ganz so steht das natürlich nicht in der Bibel. Die Stelle, auf die Frau Käßmann vermutlich hinauswill (Leviticus 19, 33), lautet in der aktuellen Lutherübersetzung: „Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken.“ Hier ist also weder von „aufnehmen“ noch von „Schutz“ die Rede, aber was sind schon ein paar alternative Fakten, wenn es um das Wort Gottes geht. Neben dieser konkreten Verfälschung von Bibelversen im Sinne eigener politischer Ideologie gibt es aber noch einen viel grundsätzlicheren Gegensatz zwischen Käßmanns Verständnis von Theologie und dem Martin Luthers. Der Reformator distanzierte sich stets aufs Schärfste von jeder politischen Umdeutung seiner Botschaft, die nicht auf die soziale Veränderung der Gesellschaft, sondern auf die innere Reform der Kirche bezogen war. In seiner Zeit waren es keine Flüchtlingsströme, die für Unruhe im Land sorgten, sondern die Aufstände der Bauern. Diese beriefen sich für ihre Revolte sowohl auf Luthers Freiheitsbegriff als auch auf gewisse Passagen der Bibel. Der Reformator sah darin eine Kompromittierung seines Werkes und machte den Revoluzzern in seiner berüchtigten Schrift „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“ einen Strich durch die Rechnung:

„Es hilft den Bauern auch nicht, dass sie vorbringen, nach Gen 1 und 2 seien alle Dinge frei und für alle geschaffen und dass wir alle gleich getauft sind. Denn im Neuen Testament bleibt Mose nicht bestehen und gilt nicht; sondern da steht unser Lehrer Christus und unterwirft uns mit Leib und Gut dem Kaiser und dem weltlichen Recht, wenn er sagt: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist. Ebenso sagt auch Paulus in Röm 13 zu allen getauften Christen: Jedermann sei der Obrigkeit untertan. Und Petrus: Seid aller menschlicher Ordnung untertan. Wir müssen uns nach dieser Lehre Christi richten, wie der Vater vom Himmel gebietet und sagt: Das ist mein lieber Sohn, hört auf ihn! Denn die Taufe macht nicht Leib und Gut frei, sondern die Seelen.“

Luther war kein politischer Aktivist. Bürgerliche Freiheiten interessierten ihn ebenso wenig wie Gleichberechtigung, Mindestlohn oder Unisex-Toiletten. Das bedeutet nicht, dass man sich nicht dennoch für diese Dinge einsetzen kann. Aber man sollte es besser nicht in seinem Namen tun.

Erinnern Sie sich noch, wie Frau Käßmann mutig gegen die Afghanistan-Politik predigte? Ich auch nicht. Das heißt, ich erinnere mich an ihren überaus differenzierten Satz „Nichts ist gut in Afghanistan“, aber ich habe nie verstanden, was daran mutig gewesen sein soll. Ich dachte immer, mutig sein bedeutet, dass man bereit ist, irgendetwas zu riskieren. Was aber riskiert Käßmann durch Kundgebung ihres weltfremden und ekstatischen Pazifismus? Der Beifall der Kirchentagschristen ist ihr sicher, die Kritik mancher Politiker baut sie eher auf. Sie muss weder um ihren Job fürchten, noch um das Einbrechen ihrer Buchverkäufe. Auch Einladungen in sämtliche Talkshows sind ihr jederzeit sicher. Kurzfristig war sie sogar als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten im Gespräch.

Kann man sich etwas Vergleichbares für einen Martin Luther vorstellen? Luther war das genaue Gegenteil der gutmenschelnden Käßmann. Er wäre heutzutage längst aufgrund von hate speech verurteilt und zur persona non grata erklärt worden. Dialog der Religionen? Luther war durchaus für die Verbreitung des Korans, aber aus anderen Gründen: „Darum sehe ich es als nützlich und notwendig an, dieses Büchlein zu verdeutschen, dass doch bei uns Deutschen auch erkannt werde, was für ein schändlicher Glaube des Muhammads Glaube ist, damit wir gestärkt werden in unserem christlichen Glauben.“ Soziale Gerechtigkeit? Luther setzte sich durchaus für die Armen ein, war aber kein Sozialromantiker: „Die Armut in der Stadt ist doch, aber die Faulheit noch viel größer.“ Politische Korrektheit war Luthers Sache nicht, er scherte sich herzlich wenig um die Befindlichkeiten anderer. Und anders als bei Frau Käßmann hätte ihn das mutige Eintreten für seine Überzeugung tatsächlich Kopf und Kragen kosten können.

Thomas Mann sah im Wesen des Reformators das typisch Deutsche, „das Cholerisch-Grobianische, das Schimpfen, Speien und Wüten“. Zweifellos ist damit das Wesen Luthers richtig getroffen. Ob er immer der angenehmste aller Zeitgenossen war, mag man unterschiedlich beurteilen. Aber er war nun einmal, wie er war. Niemand ist gezwungen, genauso zu sein oder zu werden. Wenn man jedoch als Botschafter in seinem Namen unterwegs ist, muss man sich an die Fakten halten, anstatt „alternative“ zu ersinnen. Vielleicht hätte man aber auch einfach jemanden für dieses Amt finden können, der ein wenig mehr dem Format dieses Mannes entspricht. Im Beethoven-Jahr bittet man auch nicht Florian Silbereisen auf die Bühne.

Vom Autor ist aktuell das Buch „Seid doch einfach wieder Kirche!: 95 Thesen zur Situation der evangelischen Kirchen in Deutschland“ im Brendow-Verlag

erschienen.

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