Der Patient ist nicht mündig, sondern krank

Hinter dem etwas sperrigen Namen „Institut für Medizinische Anthropologie und Bioethik“ (IMABE) verbirgt sich eine von der Österreichischen Bischofskonferenz anerkannte Expertenrunde, der Kardinal Christoph Schönborn nun zu ihrem 20. Geburtstag folgendes Kompliment machte: Als das IMABE 1988 auf Initiative von Medizinern, Juristen und Geisteswissenschaftlern gegründet wurde, „gab es in Österreich noch keine Einrichtung dieses Formats: ein Institut, das mit intellektueller Lebendigkeit und entsprechendem wissenschaftlichem Rüstzeug die brisanten Fragen im Bereich von Medizin und Ethik fachübergreifend bearbeitet“. Der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz skizzierte in einem Grußwort an das Jubiläums-Symposion zugleich vier aktuelle Herausforderungen: Das Recht auf Leben am Lebensanfang und am Lebensende, die Manipulation des menschlichen Lebens für Forschungszwecke, die Illusion eines leidfreien Lebens und die Misshandlung ethischer Fragen durch die Politik.

Bischof Klaus Küng, der vor seiner Priesterweihe selbst als Mediziner tätig war, bekannte in seinem Grußwort, oft auf die Hilfe des Instituts und seiner Fachleute zurückgegriffen zu haben, etwa bei den Beratungen zur künstlichen Befruchtung, zur Organtransplantation und bei der Erarbeitung ethischer Leitlinien für Gesundheitsorganisationen. „Die Grundlagen des Menschseins werden gerade in der Medizin oft zu wenig beachtet“, begründete Küng den anthropologischen Ansatz des IMABE: „Jeder ist ein Spezialist auf seinem Fachgebiet, aber Fragen, die in die Tiefe gehen, kommen zu kurz.“ Es gebe heute aufgrund des wissenschaftlichen Fortschritts fantastische Möglichkeiten, aber auch viele Gefährdungen.

Ähnlich meinte der Vizepräsident des österreichischen Nationalrats, Michael Spindelegger (ÖVP): „Angesichts der vielen Möglichkeiten, die die medizinische Wissenschaft aufzeigt, tun sich Spannungsfelder auf.“ In seinem Grußwort warf Spindelegger den Befürwortern der embryonalen Stammzellforschung vor, „allzu oft die Fakten beiseitezuschieben. So bleibt die Zerstörung von Embryonen im Zuge dieser Forschung ebenso unerwähnt wie die Tatsache, dass Therapiemöglichkeiten als Ausfluss dieser Forschung grundsätzlich nicht gesichert sind. Auch die gesundheitlichen Risiken – jede embryonale Stammzelle ist auch eine potenzielle Tumorzelle – werden zu wenig berücksichtigt.“

„Wer an die Medizin nicht nur mit Heilungs-, sondern geradezu

Heilserwartungen herangeht und ihre

Aufgabe darin sieht, ein leidfreies, gesundes Leben bis zuletzt zu

ermöglichen, hat den Bogen überspannt“

Kardinal Schönborn bezeichnete es in seinem Grußwort, das in einer Sondernummer der IMABE-Zeitschrift „Imago hominis“ veröffentlicht wurde, als „Problem, dass Bioethik zur Chefsache der Politik geworden ist“. Ethik sei eine von der Politik unabhängige Instanz. Schönborn wörtlich: „Wäre Ethik nur eine Frage des Konsenses, würde sich die Politik nicht nach höchsten moralischen Normen richten, sondern maximal am kleinsten gemeinsamen Nenner“ orientieren. Der Wiener Kardinal nahm in diesem Grußwort auch zum Thema des Jubiläums-Symposions, „Medizin, Ideologie und Markt“, Stellung: „Wer an die Medizin nicht nur mit Heilungs-, sondern geradezu Heilserwartungen herangeht und ihre Aufgabe darin sieht, ein leidfreies, gesundes Leben bis zuletzt zu ermöglichen, hat den Bogen überspannt.“ In diese Richtung zielten auch mehrere Vorträge des hochkarätigen Symposions, das am Freitag im Wiener Erzbischöflichen Palais stattfand.

So wandte sich Stephan Sahm, Chefarzt in Offenbach und Dozent am „Institut für Geschichte und Ethik der Medizin“ in Frankfurt, gegen eine „wunscherfüllende Medizin“, die den Patienten als Kunden und die Medizin als System der Dienstleistung betrachtet. Indikationsstellung sei „nicht einfach ein Akt der Wahl“, so Sahm: „Ein Patient kann nicht verlangen, was nicht indiziert ist. Indikationsstellung ist kein Vorgang, der der Auswahl aus einem Menü zu vergleichen wäre.“ In diesem Zusammenhang relativierte Sahm auch die Verabsolutierung der Selbstbestimmung des Patienten. Empirische Untersuchungen über die Frage der Verbindlichkeit der Patientenverfügung hätten gezeigt, dass – „konfrontiert mit der ethischen Wucht einer Konfliktsituation“ – eine Mehrheit den Niederlegungen in solchen Dokumenten nicht unbedingt folgen wolle: „Eine überwiegende Mehrheit möchte, dass andere für sie entscheiden.“

Mit der zunehmenden Einführung ökonomischer Denk- und Wertmuster in die Medizin setzte sich auch Giovanni Maio, Professor für Bioethik am „Institut für Ethik und Geschichte der Medizin“ in Freiburg, kritisch auseinander: „Krankgewordene Menschen sind existenziell bedürftige Menschen; schon deswegen sind sie vom Ansatz her kaum geeignet für rein kommerzielle Beziehungen. Sie sind nicht geeignet, als Kunden wahrgenommen zu werden, weil sie als kranke Menschen nicht – wie souveräne Kunden – die Möglichkeit und den inneren wie äußeren Freiraum haben, die einzelnen Produkte erst zu prüfen und miteinander zu vergleichen.“ In seiner Not sei der Kranke angewiesen auf den Arzt und es bleibe ihm nichts anderes übrig, als diesem antizipierend zu vertrauen. Die Betrachtung der Medizin als Ware führe auch dazu, dass sie zu einer reinen Anwendung von Techniken verkomme. Alle Heilberufe bedürften aber einer heilenden Beziehung, des Respektes und der Fürsorge. Das Leitbild des leistungsfähigen, souveränen Menschen sei eine problematische Ausgangslage für eine gute Medizin, weil Krankgewordensein kein Störfall, sondern „das zum Menschen unweigerlich Dazugehörende“ sei. Der Generaldirektor des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger, Josef Kandlhofer, hebelte die alleinige ökonomische Betrachtung der Medizin mit einem ökonomischen Argument aus, nämlich mit der Tatsache „dass es – im Unterschied zum Markt der anderen Güter und Waren – niemals einen Überfluss an medizinischen Leistungen geben wird“. Gerade weil die Medizin so weit fortgeschritten ist, wachse die Zahl der Kranken: „Je besser die Medizin, desto kränker die Gesellschaft.“ Kandlhofer zeigte dies am Beispiel der chronisch Nierenkranken, die ohne umfangreiche Dialyseversorgung sterben. Zum Mythos vom selbst entscheidenden mündigen Patienten liefert Kandlhofer eine aufschlussreiche Einschätzung: Über zwei Jahrtausende habe der Arzt seinen Patienten als Schutzbefohlenen betrachtet, für dessen Leben er eine Verantwortung trage. „Dieses oft als ,paternalistisch‘ abgetane Modell steht realiter aber sicher auch heute noch für über 90 Prozent aller Arzt-Patienten-Kontakte.“

In diesem Sinn kritisierte die Chirurgin Hildegunda Piza Vorstellungen, die den Arzt nur mehr als Berater und Vertragspartner des Patienten, und letzteren als Klienten sehen. In diesem System habe „der eigentlich Kranke, der Sterbende, der behinderte, hilfsbedürftige Mensch“ keinen Platz mehr. Der Kranke müsse sicher sein können, dass der Arzt auf seiner Seite steht und ihn nie als Mittel zum Zweck außertherapeutischer Ziele – wissenschaftlicher, klinischer, ökonomischer Art – missbraucht. Piza wandte sich gegen einen Verrat des medizinischen Ethos durch Gewinnmaximierungs-Denken, aber auch gegen eine Überfrachtung der Medizin durch den Wunsch an sich Gesunder, „verbessert zu werden“.

„Die offensichtlich

pseudoreligiös

aufgeheizte Verklärung der Gesundheit in

unserer Gesellschaft hat dazu geführt, dass

Politiker als verlängerter Arm des Volkswillens auf diesen Gesundheitsexpresszug kritiklos aufgesprungen sind“

Chefarzt Reinhard Lenzhofer analysierte die Folgen von Sensationsmeldungen über angebliche Erfolge der Spitzenforschung, die bei vielen Menschen zu einem falschen Anspruchsdenken führen würden, „das bei Nichterfüllung der eigenen, oft illusionären Wunschvorstellungen sogar zur gerichtlichen Klage führen kann“. Lenzhofer wörtlich: „Diese offensichtlich pseudoreligiös aufgeheizte Verklärung der Gesundheit in unserer Gesellschaft, die ein klarer Ausdruck des sonst an allen Ecken und Enden festzustellenden Werteverlustes im Rahmen einer universellen Glaubenskrise ist, hat dazu geführt, dass Politiker als verlängerter Arm des Volkswillens auf diesen Gesundheitsexpresszug kritiklos aufgesprungen sind.“ Viele Menschen würden glauben, dass sie auf Gesundheit einen Anspruch haben, besonders wenn aus Fachkreisen Signale kommen, die Hoffnungen auf Heilung schüren. Lenzhofer mahnte dazu, „den Machbarkeitswahn unserer Tage etwas zu korrigieren und den Menschen die wahren Möglichkeiten der Medizin etwas näherzubringen.“ Ärzte hätten auch die Verantwortung, darauf hinzuweisen, dass jeder Mensch die Begrenzungen des Lebens annehmen muss.

Der Wiener Mediziner und Moraltheologe Matthias Beck sieht in der medizinethischen Debatte „die Stunde der Theologie“ gekommen und lud dazu ein, nach Sinn und Bedeutung des Krankseins zu fragen. Krankheit habe einen Sinn auf der Ebene der Emotionalität und der Beziehungen, einschließlich der Gottesbeziehung. Die Tatsache, dass Depressionen zur Volkskrankheit Nummer Eins wurden, habe auch einen spirituellen Hintergrund. Als Teil einer Antwort nannte Beck die tröstende und inneren Frieden schenkende Erfahrung des heiligen Ignatius von Loyola: „Überall dort, wo ich den göttlichen Willen erfülle, entsteht mehr Freiheit.“ Gott befreie und erlöse den Menschen von falschen Ängsten und lasse ihn wachsen.

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