Der Mensch auf der Suche nach der inneren Läuterung

Vom „jungen Wilden“ zu einem der angesehensten Filmregisseure der Gegenwart: Wim Wenders zum Siebzigsten. Von José García
Foto: IN | Die Wirklichkeit und die Transzendenz im Blick: Drehbuchautor und Regisseur Wim Wenders.
Foto: IN | Die Wirklichkeit und die Transzendenz im Blick: Drehbuchautor und Regisseur Wim Wenders.

Auf der diesjährigen Berlinale wurde ein deutscher Filmregisseur mit dem „Goldenen Ehrenbären“ für sein Lebenswerk geehrt, der wie kein zweiter im Laufe seines Schaffens das Filmemachen in den Vereinigten Staaten und in Deutschland miteinander verbunden hat: Wim Wenders gehörte zusammen mit Alexander Kluge, Volker Schlöndorff, Margarete von Trotta, Werner Herzog und Rainer Werner Fassbinder zu den „jungen Wilden“, die in den sechziger und siebziger Jahren einen ganz neuen Filmstil prägten, der unter der Bezeichnung „Neuer Deutscher Film“ bekannt wurde. Sie stellten Gesellschafts- und politische Kritik in den Mittelpunkt ihrer Arbeit, die sich in Abgrenzung zu reinen Unterhaltungsfilmen auffassten. Ihre als „Autorenfilme“ verstandenen Produktionen wurden darüber hinaus unabhängig von großen Filmstudios realisiert.

Ehe Wim Wenders mit „Paris, Texas“ (1984) und „Der Himmel über Berlin“ (1987) endgültig zu den angesehensten Regisseuren der Gegenwart aufstieg, war sein Filmschaffen durch die Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Peter Handke („Die Angst des Tormanns bei Elfmeter“, 1972; „Falsche Bewegung“, 1975; später auch „Der Himmel über Berlin“) und mit dem Schauspieler Rüdiger Vogler gekennzeichnet. Seine eigene Filmsprache findet Wim Wenders bereits zu Beginn der 1970er Jahre und insbesondere mit „Alice in den Städten“ (1973). In der Tradition des US-amerikanischen „Road Movie“ mutet „Alice in den Städten“ wie eine Dokumentation der unterschiedlichen Schauplätze sowie der Fortbewegung an. Diese Reise wird allerdings zu einem Sinnbild für die innere Reise aus der Ruhelosigkeit des Protagonisten heraus, der in der Beziehung zum unschuldigen Kind die eigene Krise überwindet.

Im Jahre 1984 gewann der am 14. August 1945 in Düsseldorf geborene Regisseur die Goldene Palme beim Filmfestival Cannes mit einem Spielfilm, der heute – neben seinem gefeierten „Der Himmel über Berlin“ (1987) – zu den Höhepunkten seiner Filmkunst gezählt wird: „Paris, Texas“. Das Drehbuch zu der Geschichte des für tot gehaltenen Travis, der vier Jahre nach seinem plötzlichen Verschwinden wieder auftaucht, um seinen Sohn Hunter mit dessen Mutter Jane wieder zusammenzubringen, stammte vom vielfältigen Schauspieler, Autor und Regisseur Sam Shepard.

Mehr als zwanzig Jahre nach „Paris, Texas“ schrieb Sam Shepard erneut ein Drehbuch für Wim Wenders: „Don't come knocking“ (2005), der zwei „ur-amerikanische“ Themen – die Bedeutung familiärer Bindungen und der mythische amerikanische Westen als identitätsstiftende Vision – miteinander verbindet. Knüpfte „Don't come knocking“ thematisch an „Paris, Texas“ an, so zeigt sein nächster Film „Palermo Shooting“ (2008) gewisse Anklänge an „Alice in den Städten“ (1973). Ähnlich diesem Film inszeniert Regisseur Wenders „Palermo Shooting“ als einen „Road Movie“, als eine Reise, in der sich die Zerrissenheit des Protagonisten widerspiegelt. „Palermo Shooting“ ist übrigens der erste Film, für den der Regisseur in seiner Heimatstadt Düsseldorf drehte.

Mit „Buena Vista Social Club“ (1999) begann Wim Wenders Beschäftigung mit dem Musik-Dokumentarfilm. Mehrere Monate lang begleitete er mit einem kleinen Filmteam eine Reihe größtenteils hochbetagter kubanischer Musiker, die der US-amerikanische Komponist und Wenders-Freund Ry Cooder aus der Vergessenheit gerettet hatte, in Kuba und während ihrer zwei einzigen Konzerte in Amsterdam und New York. „Buena Vista Social Club“ erreichte ganz außergewöhnliche Zuschauerzahlen für einen Dokumentarfilm, und machte die kubanischen Musiker in den Vereinigten Staaten und in Europa berühmt. Zwei Jahre später drehte Wenders wieder einen Musik-Dokumentarfilm: „Viel Passiert – der BAP-Film“ (2001), der das Porträt der Kölner Rockband „BAP“ werden sollte, aber im Endergebnis eher ein Bild von BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken lieferte. Als Mischung von authentischer und fiktiver Dokumentation erzählte Wenders in „The Soul of a Man“ (2003) die Lebensgeschichten dreier Musiker aus den Anfängen des Blues: Blind Willie Johnson (1902–1949), Skip James (1902–1969) und J.B. Lenoir (1929–1967).

Die Musik und der Tanz haben ihn stets fasziniert

Ein Tanzfilm stellt einen weiteren Höhepunkt in Wenders Filmografie dar: „Pina“ (2010). Der Regisseur hatte den Film zusammen mit Pina Bausch vorbereitet. Kurz vor Drehbeginn starb indes die weltbekannte Choreographin am 30. Juni 2009 plötzlich. Obwohl „Pina“ ohne Pina Bausch entstand, ist sie im ganzen Film allgegenwärtig, nicht nur in den sparsam eingesetzten Archivaufnahmen der Künstlerin. Seinen überwältigenden Raumeindruck verdankt „Pina“ der 3D-Technik, die Wenders erstmals einsetzte. Einige Jahre zuvor hatte Wenders mit „Land of Plenty“ (2004) erneut einen Spielfilm gedreht. Hier liefert er die Sicht eines Europäers auf den „amerikanischen Traum“ und auf die Veränderungen, die der 11. September in den Vereinigten Staaten hervorgerufen hat. In „Land of Plenty“ spielt Religion eine wichtige Rolle. Auch in seinem vorerst letzten Film „Every Thing Will Be Fine“ (2015) nimmt der Glaube insofern einen großen Raum ein, als eine der Protagonisten nach einem großen Verlust ihre Trauer im Gebet kniend auf einer Kirchenbank überwindet.

Handelt Wenders letzter Film ausdrücklich von Verlust, Schuld und Aussöhnung, so reflektieren auch die meisten seiner Filme tiefgründige Fragen der menschlichen Existenz, weil sie Menschen auf der Suche nach innerer Läuterung in den Mittelpunkt stellen. Darin stimmen sie mit Grundzügen des christlichen Menschenbildes überein. Nicht umsonst führte Wim Wenders 2005 aus: „Die Bibel, das Wort, auf das wir uns berufen, ist ja ungefähr das Hoffnungsvollste, was es überhaupt gibt, worauf man fußen kann, sowohl in seinem Denken als auch in seinen Aktionen.“ Am 14. August wird Wim Wenders 70 Jahre alt.

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