Der Himmel ist gar nicht eingestürzt

Gute Nachricht für Christen: Ein Leben ohne Facebook ist möglich, und es kann sogar Vorteile haben. Von Stefan Ahrens
Berliner Löschzentrum von Facebook
Foto: Soeren Stache (dpa) | ARCHIV - Mitarbeiter sitzen am 10.07.2017 bei einem Pressetermin im Löschzentrum von Facebook in einem Service-Center in Berlin an Computern.

Ihr Konto wurde gesperrt“, hieß es eines Morgens ganz lapidar auf meiner Facebook-Startseite. In der Facebook-Sprache bedeutet dies: Einloggen ist sinnlos, böser Bube – denn auf dein Konto wirst du aus „guten Gründen“ nie wieder zugreifen können!

Natürlich begann ich sofort in Gedanken meine Facebook-Einträge der vergangenen Tage und Wochen vor meinem geistigen Auge noch einmal Revue passieren zu lassen. Und ebenso fragte ich mich unwillkürlich, was Mark Zuckerberg und Co. dazu veranlasst haben könnte, mein kleines, feines Facebook-Konto ohne jegliche Vorankündigung zu sperren. Doch ich konnte mir nicht so richtig einen Reim darauf machen: Denn da ich zu denjenigen Menschen gehöre, die sowohl ein reges Interesse an christlichen Glaubensfragen, (pop-)kulturellen Themen und auch politischen Dingen haben, beschränkten sich, soweit ich mich dessen entsinnen kann, meine Posts auch in den meisten Fällen auf genau diese drei Bereiche. Heißt: Mal habe ich etwas gepostet, was Papst em. Benedikt XVI., Papst Franziskus oder ein weiser Kirchenvater einmal gesagt haben und das mich inspiriert hatte; dann wiederum habe ich Musikvideos und Filmtrailer geteilt, die mir persönlich gefielen oder auf politische Ereignisse reagiert, wenn diese mich emotional berührt und zum posten animierten.

Mag sein, dass ich bei letzterem von meinem verbrieften Recht auf freie Meinungsäußerung aus Sicht mancher Mit-User bei Facebook zu stark Gebrauch gemacht haben könnte. Doch keine Sorge: Weder rief ich zum Sturz der freiheitlich-demokratischen Grundordnung auf, noch habe ich Antisemitismus oder Holocaustleugnung verbreitet (was für Facebook übrigens nicht notwendigerweise ein Grund zur Sperre wäre – traurig, aber wahr), oder die Würde eines jeden Menschen verletzt, mit dem ich auf Facebook in schriftlicher Form zu tun hatte. Zumindest wurde mir nie in dieser Hinsicht irgendetwas persönlich mitgeteilt.

Doch wir alle wissen: Gerade in den Sozialen Medien kann man es mit seinen Meinungen und Äußerungen nicht immer allen recht machen – schon gar nicht, wenn es um weltanschauliche oder politische Fragen geht – oder am besten auch noch um beides zusammen. Deshalb schließe ich es nicht aus, dass auch einige meiner Meinungsäußerungen eine (oder mehrere?) Meldungen bei Facebook zur Folge gehabt haben könnten – und diese sich summierenden Meldungen mir schließlich die Verbannung aus dem vermeintlichen Facebook-Paradies und den Sturz in das vermeintliche digitale Nirvana einbrachten.

Nun könnte man natürlich darüber besorgt sein, dass fast jeder Facebook-Nutzer, dessen Meinung möglicherweise dem einen oder anderen nicht behagt, sich durch ausreichend Meldungen beim „Social Network“ eine immerwährende Facebook-Kontosperre einhandeln kann – ob verdientermaßen oder nicht. Gerade gläubige Katholiken oder auch politisch streitbare Menschen sollten sich diesbezüglich keiner Illusion hingeben. Ich kann jedoch nach rund einer Woche ohne Facebook-Konto sagen, dass ich – besser als gedacht – sehr gut ohne das angebliche Soziale Netzwerk Nr. 1 leben kann. Der Himmel ist deswegen nicht eingestürzt, ich verspüre keine Entzugserscheinungen und ich habe nicht das geringste Bedürfnis, wieder zu „Zuckerberg and Friends“ dazuzugehören. Es verhält sich genau umgekehrt: Ich fühle mich sogar von einer unglaublich großen Last befreit. Große Teile meines Privatlebens oder meiner temporären Befindlichkeiten in einem Facebook-Post für ein Like oder aus reiner Gefallsucht durch den Äther zu jagen oder meinen publizistischen Senf zu Headlines oder Artikeln (vor allem zu solchen, über die ich mich ärgere) in Sekundenschnelle dazugeben zu müssen, interessieren mich kein bisschen mehr.

Es erleichtert sehr, wenn man nicht ständig online sein muss

Nicht ständig online sein zu müssen erleichtert ungemein – und führt mitnichten zum „sozialen Tod“, wie viele meinen. Ganz im Gegenteil: Ich habe selten so viel telefonischen Kontakt mit Freunden und Bekannten inklusive guter Gespräche gehabt wie seit meinem Facebook-Exit. Mein Gebets- und Glaubensleben fühlt sich lebendiger an ohne die ständige Dauerpräsenz in den Unweiten des World Wide Web. Und etwas, das ich ebenfalls an mir bemerkt habe: Meine Wohlbefinden ist wesentlich stärker ausgeprägt als noch zu Facebook-Zeiten, da nun diverse Shitstorms, Fake News, Negativschlagzeilen und Schlechte-Laune-Attacken (die auch unter gläubigen Katholiken nicht gerade selten auftreten) einfach an mir vorbeirauschen. Und genau dieses Wohlbefinden möchte ich um nichts in der Welt mehr missen – dafür nehme ich auch gerne fehlende Likes in Kauf.

Gute Nachrichten, gerade für Christen: Es gibt ein Leben nach dem Tod – sowohl in der analogen als auch in der digitalen Welt.

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